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Mehr Herzen für die Chirurgen

Weil die Fallzahlen in der Herzchirurgie künftig rückläufig sein dürften, fürchtet Thierry Carrel um die Weiterbildung des Nachwuchses. Deshalb sei die Kooperation mit der Hirslanden-Klinik Beau-Site so wichtig.

Geht unter die Unternehmer: Starchirurg Thierry Carrel vom Inselspital.
Geht unter die Unternehmer: Starchirurg Thierry Carrel vom Inselspital.
Beat Mathys

Seit zwei Wochen arbeiten das Inselspital und die Hirslanden-Klinik Beau-Site in der Herzchirurgie definitiv nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander. Zwar besteht eine gewisse Zusammenarbeit bereits seit 2011. Doch erst Anfang Juli wurde diese so erweitert, dass nun die Herzchirurgen des Inselspitals rund um den Starchirurgen Thierry Carrel auch am Beau-Site operieren.

Ebenfalls Teil der Kooperation ist die Hirslanden-Klinik Aarau, wo die Insel-Ärzte schon seit 2014 im OP stehen.Ohne Schwierigkeiten ging die Kooperation zwischen einem öffentlichen und einem privaten Spital nicht über die Bühne. Mit den zwei früheren Herzchirurgen des Beau-Site konnte man sich nicht einigen. Ihr Vertrag ist nach einer vorsorglichen Kündigung durch Hirslanden Ende Juni ausgelaufen.

Erstmals nimmt nun Carrel als Chef des neuen Leistungszen­trums Stellung und erklärt die Hintergründe der Zusammenarbeit.

Weniger Herzoperationen

Gemäss Thierry Carrel gibt es in der Herzchirurgie in der Schweiz aktuell insbesondere eine grosse Herausforderung: Als Folge des medizinischen Fortschritts würden die Fallzahlen stagnieren und künftig sogar abnehmen. «Immer mehr Eingriffe am offenen Herzen können dank der neuen Methoden in der Kardiologie vermieden werden», so Carrel. Das sei für den Patienten positiv. Wichtig sei aber, dass angehende Herzchirurgen während ihrer Ausbildung dennoch genügend oft selber Hand anlegen könnten.

«Netzwerkverbindungen sind in diesem Fachbereich die Zukunft, ohne die es schwierig werden dürfte zu überleben.»

Frank Nehlig

Dies wollen Carrel und seine drei Chirurgenkollegen vom Inselspital mit der Zusammenarbeit ermöglichen. Dank dieser könnten die rund 430 Herzoperationen am Beau-Site künftig in die Weiterbildung einbezogen werden. Bisher fand dort überhaupt keine Weiterbildung statt. Zusammen mit den 1200 Fällen am Inselspital und den rund 400 in Aarau stehen neu 2000 grosse Herzoperationen pro Jahr zur Verfügung, bei welchen Nachwuchsärzte assistieren können.

Hohe Fallzahlen zu gewährleisten, sei der Hauptantrieb für die Kooperation, sagt Carrel. Davon profitierten mittelfristig auch die Patienten, denn nur so werde eine hohe Qualität in der Behandlung gewährleistet.

Daseinsberechtigung

Das Beau-Site seinerseits hat noch einen anderen Grund für die Kooperation. Mit den erwähnten 430 Fällen gehört das Spital schweizweit zu den mittelgrossen Herzzentren. Weil die Spitzenmedizin auf immer weniger Standorte konzentriert werden soll, will sich das Beau-Site eine Daseinsberechtigung schaffen. Frank Nehlig, Leiter Unternehmenskommunikation, sagt denn auch: «Wir müssen uns vorbereiten. Netzwerkverbindungen sind in diesem Fachbereich die Zukunft, ohne die es schwierig werden dürfte zu überleben.»

Auch wenn das niemand offen sagt, dürfte sich das Privatspital zudem einen Nutzen von Carrels Ruf erhoffen und auf eine Fall­zunahme spekulieren. Offiziell heisst es dazu aber: «Eine Mengenausweitung ist nicht geplant.»

Etwas anders formuliert es Carrel selbst. Er denkt zwar dabei nicht in erster Linie an das Beau-Site, sondern an den gesamten Herzstandort Bern. «Wir behandeln schon heute viele Fälle von ausserhalb unseres Einzugsgebiets. Die Kooperation könnte für Zuweiser und Patienten, etwa aus dem Raum Zentralschweiz, attraktiv sein.» Dass sich eine Zusammenarbeit insbesondere für das Inselspital rechnen kann, zeigte jene mit dem Spital Aarau. So wurden 2014 aus dem Kanton Aargau lediglich 23 Herzpatienten ans Unispital verweisen. 2016 waren es bereits 70.

«Die Kooperation könnte für Zuweiser und Patienten, etwa aus dem Raum Zentralschweiz, attraktiv sein.»

Thierry Carrel

In Aarau und am Beau-Site arbeiten die vier Insel-Herzchirurgen als Belegärzte und sind somit selbstständige Unternehmer. Insofern dürfte sich die Kooperation auch für ihr Portemonnaie lohnen. Dass jedoch unnötige Operationen aus finanziellen Überlegungen gemacht würden, befürchtet Carrel nicht. Diese Gefahr besteht. Denn je mehr die Ärzte operieren, desto mehr verdienen sie auch. «Ginge es uns ums Geld, würden wir uns schon lange nicht mehr in Forschung und Weiterbildung engagieren», sagt Carrel dazu. Sprich sie würden vollumfänglich bei einem Privatspital arbeiten.

Mengenrabatte beim Einkauf

Für die zwei früheren langjährigen Herzchirurgen am Beau-Site bedeutet die Kooperation allerdings das Ende ihrer Tätigkeit am Privatspital. «Wir haben bis zum Schluss versucht, ein Modell für eine Zusammenarbeit zu finden», sagt Nehlig. Letztlich habe man sich nicht gefunden.

Die beiden Ärzte wollen gegenüber dieser Zeitung keine Stellung nehmen. Carrel sagt aber, er wolle im Beau-Site stärker auf Interdisziplinarität setzen. «Dadurch verlieren die Herzchirurgen an Selbstständigkeit, sie müssen die Patienten zusammen mit anderen Spezialisten beurteilen, etwa den Kardiologen.» Das sei eine grosse Umstellung. Jüngere Ärzte seien dazu eher ­bereit.

Personelle Engpässe befürchtet Carrel trotz den Kündigungen nicht, auch wenn er und seine drei Kollegen künftig 430 zusätzliche Operationen abdecken werden. «Am Inselspital haben wir zwei neue Oberärzte aus dem eigenen Nachwuchs und einen neuen Chefarzt aus Berlin verpflichten können», sagt er. Das herzchirurgische Team sei somit im Verhältnis zur gesamten Fallzahl besser aufgestellt als früher.

Schliesslich erhoffen sich die Verantwortlichen auch positive Auswirkungen auf die Kosten im Bereich der Herzchirurgie. Carrel: «Wir können künftig bei teuren Medizinprodukten wie Herzimplantaten eine Einkaufsgemeinschaft bilden und bei den Herstellern Mengenrabatt aushandeln.»

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