Burger und die fleissigen Bürger

Bolligen

Die 6000-Einwohner-Gemeinde zählt punkto Stimmbeteiligung stets zu den Spitzenreitern. Der ehemalige Gemeindepräsident Rudolf Burger hat das Phänomen untersucht.

<b>Rudolf Burger</b> hat die Abstimmungen der letzten 35 Jahre analysiert.

Rudolf Burger hat die Abstimmungen der letzten 35 Jahre analysiert.

(Bild: Stefan Anderegg)

Er ist ein Mann, über 50-jährig, verheiratet und lebt seit mehr als 20 Jahren in der Gemeinde. Er hat über 100 000 Franken Einkommen sowie über 200 000 Franken Vermögen. Von Beruf ist er Ingenieur, höherer Angestellter oder Unternehmer. Wer ist das?

Der typische Bolliger Musterbürger, der an mindestens zwei Dritteln aller Abstimmungen, Wahlen und Gemeindeversammlungen teilnimmt.

Lieber an der Urne

An Abstimmungs- und Wahlsonntagen belegt Bolligen in Sachen Stimmbeteiligung im Kanton Bern praktisch immer einen Spitzenplatz, überflügelt höchstens von Kleinstgemeinden mit weniger als 50 Einwohnern. Oft ist die Stimmbeteiligung in Bolligen zehn Prozentpunkte höher als im Schweizer Durchschnitt.

Der Politologe und Journalist Rudolf Burger, von 2009 bis 2016 Gemeindepräsident, hat nun alle Gemeindeversammlungen und Urnenabstimmungen der letzten 35 Jahre ausgewertet. Dabei konnte er auch auf eine Masterarbeit des Politologen Oliver Heer zurückgreifen.

«Es scheint, dass Frauen politische Auftritte in der Öffentlichkeit mehr scheuen als Männer.»Rudolf BurgerAutor der Studie

Die Erkenntnisse hat Burger in einer 100-seitigen Broschüre zusammengefasst. Was bei der Lektüre auffällt: Bei Urnenabstimmungen machen ähnlich viele Frauen wie Männer mit, bei Gemeindeversammlungen dagegen beträgt der Frauenanteil im Schnitt nur 35 Prozent. «Es scheint also tatsächlich zu stimmen, dass Frauen politische Auftritte in der Öffentlichkeit mehr scheuen als Männer», so Rudolf Burger am Dienstag vor den Medien.

Was seine Studie ebenfalls bestätigt hat: «Der harte Kern, der an jede Gemeindeversammlung kommt, wird älter.» Der Altersdurchschnitt ist mittlerweile fast an jeder Versammlung über 60 Jahre – im vergangenen März ­betrug er sogar 67,0 Jahre.

Lieber national

An den Gemeindeversammlungen ist die Beteiligung im Lauf der Zeit gesunken, an Urnenabstimmungen dagegen ist sie konstant geblieben. Grossen Einfluss hat natürlich die Vorlage: Bei der EWR-Abstimmung 1992 gingen in Bolligen sagenhafte 87,5 Prozent an die Urne, bei der Kantonsabstimmung über das Spital St-Imier 1987 bloss 18,5 Prozent. Überhaupt hat Burger festgestellt: Bei kantonalen Wahlen und Abstimmungen ist die Beteiligung zwanzig Prozentpunkte tiefer als bei eidgenössischen.

50- bis 64-Jährige sind die fleissigsten Urnengänger, gefolgt von den über 65-Jährigen. Beide Altersgruppen sind in Bolligen stark vertreten. Zudem leben hier viele gut ausgebildete und gut verdienende Bürger. Denn auch das ist ein Merkmal: Besserverdienende stimmen häufiger ab als einfache Angestellte, Hausbesitzer häufiger als Mieter, Verheiratete häufiger als Unverheiratete.

Lieber gar nicht

Zum Schluss nochmals ein Rätsel. Wer ist das? Eine Frau, über 65-jährig, seit knapp 20 Jahren in der Gemeinde wohnhaft. Als Beruf gibt sie «Hausfrau» an, ihr steuerbares Einkommen und auch ihr Vermögen sind tiefer als 50 000 Franken.

Das ist die typische «Total­verweigerin», die innerhalb von 3 Jahren an keiner einzigen Urnenabstimmung und Gemeindeversammlung teilgenommen hat. Das gibt es in Bolligen nämlich ebenfalls – obschon mit 15 Prozent nicht allzu häufig.

Die Broschüre kann gratis bei der Gemeindeverwaltung Bolligen ­bezogen werden.

Vernissage mit Apéro: Dienstag, 28. August, ­19.30 Uhr, Reberhaus, Bolligen.

Berner Zeitung

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