Bundesgericht lässt den Baum weiter wachsen

Bern

Das Ende einer Rosskastanie in Bern beschäftigte die Gerichte durch alle Instanzen. Abschliessend kommt das Bundesgericht zum Schluss, dass der als Ersatz gepflanzte Baum stehen bleiben darf. Trotz Klage des Nachbarn.

Baumschutzzone A: Am Aarehang in Bern dürfen Bäume nur unter Auflagen gefällt werden.

Baumschutzzone A: Am Aarehang in Bern dürfen Bäume nur unter Auflagen gefällt werden.

(Bild: Beat Mathys)

Am Aarehang unterhalb des Berner Kursaals stand eine Rosskastanie. Eine geschützte Rosskastanie. Im Oktober 2014 wurde der Baum gefällt. Die Eigentümer des Grundstücks hatten dafür die Bewilligung der Einwohnergemeinde Bern erhalten. Allerdings mit einer Auflage: Sie mussten am gleichen Ort einen neuen Baum pflanzen. Besagter Aarehang befindet sich nämlich in der Baumschutzzone A der Stadt Bern. Und hier darf nicht einfach abgeholzt werden: «Die Beseitigung von ­besonders schutzwürdigen Bäumen und Gehölzen wird nur ausnahmsweise und unter der Bedingung bewilligt, dass ein nach Standort und Baumart vollwertiger Ersatz geleistet wird.»

Die neue Rosskastanie

Die Grundeigentümer leisteten Ersatz. Sie pflanzten sofort eine neue Rosskastanie. Hier könnte die Geschichte enden und das Bäumchen in den kommenden Jahren munter wachsen. Vögel könnten darin nisten, Kinder im Herbst darunter Kastanien sammeln, und der Baum würde im Sommer Schatten spenden.

Schatten! Genau hier liegt das Problem. Ein Nachbar hatte gegen die Ersatzpflanzung Beschwerde eingereicht. Die Rosskastanie werde in naher Zukunft auch zwei Stockwerken des Nachbarhauses Schatten spenden. Zu viel Schatten. Der neue Baum müsse an einem anderen Ort gepflanzt werden, verlangte der Nachbar. Dabei sei der Grenzabstand einzuhalten – was schon bei der alten Rosskastanie nicht der Fall gewesen sei.

Der fehlende Abstand

Die Beschwerde des benachbarten Stockwerkeigentümers wurde zuerst vom Regierungsstatthalteramt geprüft. Und abge­wiesen. Anschliessend entschied das Verwaltungsgericht als letzte kantonale Instanz im Sinne der neuen Rosskastanie. Der Nachbar zog den Fall ans Bundes­gericht weiter, dessen Urteil nun vorliegt: Die Rosskastanie darf weiter wachsen. Dabei gibt das Bundesgericht dem Beschwerdeführer bezüglich des fehlenden Grenzabstands sogar recht, und man staunt, wie kompliziert es sein kann, so einen Baum zu pflanzen.

Hochstämmige Bäume, die nicht zu den Obstbäumen gehören, sowie Nussbäume müssten einen bis zur Mitte der Pflanzstelle zu messenden Grenzabstand von 5 Metern einhalten. «Rosskastanien sind hochstämmige Bäume», hält das Bundes­gericht fest.

Mit einem Grenzabstand der Rosskastanie zum Grundstück des Beschwerdeführers von weniger als 2 Metern «ist der Grenzabstand von 5 Metern gemäss Art. 79l Abs. 1 lit. a EG ZGB/BE unbestrittenermassen nicht eingehalten», steht im Urteil. Also weg mit dem Baum?

Das öffentliche Interesse

Nein, urteilen die obersten Richter. Die Gemeinden seien ermächtigt, im Bereich des be­sonderen Schutzes der Landschaft «weitergehende Schutzvorschriften» zu erlassen. Vor diesem Hintergrund hätten die Bestimmungen zu den Pflanz­abständen zurückzutreten. Den Baumbeständen an den Aare­talhängen komme aus Sicht des Landschaftsschutzes grosse Bedeutung zu.

Der betroffene Hang Altenberg-Rabbental wird im Bundesinventar schützenswerter Ortsbilder auch als «un­geordnet überbauter Südhang, stark durchgrünt», beschrieben. Heisst: Die Ersatzpflanzung am gleichen Ort liegt «im öffentlichen Interesse». Ein «vollwertiger Ersatz» bedeute: ein neuer Baum «exakt am gleichen Ort». Dass die Gemeinde Bern dies so verfügt habe, sei «ohne weiteres vertretbar», so das Bundesgericht. Der unterlegene Beschwerdeführer bleibt auf knapp 4000 Franken Gerichtskosten sitzen – und das in ein paar Jahren erst noch im Schatten.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt