Bruderschaft der Philanthropen

Bern

Am Freitag feiern die Odd Fellows auf dem Bundesplatz das 200-Jahr-Jubiläum ihres Ordens. Stefan Krebs ist Obermeister der ältesten Berner Loge.

«Brüder»: Marc Zimmermann (links) und Stefan Krebs in der Halle der Odd Fellows.

«Brüder»: Marc Zimmermann (links) und Stefan Krebs in der Halle der Odd Fellows.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Stefan Krebs trägt am Revers seines Sakkos eine kleine Anstecknadel. Es sind drei verschlungene Ringe, ein Symbol, das für Freundschaft, Liebe und Wahrheit steht. Es ist das Emblem des Ordens der Odd Fellows. Dessen Credo: Die Persönlichkeit fördern, ethisch und humanistisch denken sowie Freundschaften pflegen.

Die Anfänge dieser Bruderschaft – Mitglieder sprechen sich mit Bruder an – gehen ins späte 18. Jahrhundert zurück, als sich Handwerker in England während der beginnenden Industrialisierung, einer sozial schwierigen Zeit, gegenseitig unterstützten.

1819 gründete der aus England in die USA eingewanderte Thomas Wildey in Baltimore den Independent Order of Odd Fellows, eine Gemeinschaft, die sich dem menschenfreundlichen Handeln widmen sollte. 1871 wurde in ­­Zürich die erste Loge in der Schweiz gegründet. Die erste in Bern, die Fellenberg-Loge, folgte zwei Jahre später. Weltweit zählt der Orden etwa 180'000 Mitglieder, in der Schweiz sind es 1300, organisiert in 25 Männer- und 2 Frauenlogen. Die Odd Fellows sind politisch und konfessionell neutral.

Eine Halle voller Symbole

Der 52-jährige Stefan Krebs – beruflich arbeitet er im Krisen­­management des EDA – ist seit zehn Jahren Mitglied der Fellenberg-Loge. In der Hierarchie nimmt er heute die Stellung des Obermeisters – Präsident der Loge – ein. Ihm stehen der Untermeister, der Schatzmeister sowie weitere Vorstandsmitglieder zur Seite.

Die 150 Mitglieder der einzelnen Berner Logen treffen sich ­regelmässig zu Anlässen im Haus an der Schwarztorstrasse 31, das den Odd Fellows gehört. Dort ­­befindet sich, nebst zwei Refektorien, die grosse Halle. Im Halbrund angeordnet, stehen neunzig Stühle, in der Mitte der Halle ein riesiger Teppich.

Eine bunt bemalte Fensterfront macht, dass es im Raum ziemlich dunkel ist. Und die eine Wand ist mit Symbolen aus Metall verziert. «Da ist zum Beispiel ein entspannter Pfeilbogen», sagt Krebs, «dieses Symbol steht für die Freundschaft.» Dann zeigt er auf eine Axt, nicht nur ein Kriegswerkzeug, sondern laut Krebs auch ein Symbol der Spenden.

«Wir treffen uns hier jeden zweiten Mittwoch», sagt der Obermeister. Rituelle Abläufe und die abgespielte Musik würden dem Ganzen einen würdigen Rahmen verleihen. Zu den Ritualen gehört etwa, dass die Gehilfen Schärpen in nach Funktion geordneten Farben tragen.

Alle anderen Brüder tragen Krägen mit Revers und den jeweiligen Gradabzeichen. Oder dass der Obermeister die Versammlung mittels Hammerschlägen auf einen Holzblock zum Auf- oder Absitzen anhält. Im Mittelpunkt der Sitzungen stünden Vorträge und Diskussionen zu unterschiedlichen Lebensbereichen und Themen.

«Das Jahresthema wird jeweils international vor­­gegeben», erklärt Krebs, «das diesjährige lautet Vertrauen.» Ab und zu würden auch externe ­­Referenten eingeladen. «Die Sitzungen dauern jeweils etwa eine Stunde, anschliessend sitzen wir im Refektorium zusammen.»

Big Deals sind unerwünscht

«Die Fellenberg-Loge zählt 58 Mitglieder», sagt Krebs. «Wir müssen um Nachwuchs kämpfen. Drei neue Brüder, die wir unlängst aufgenommen haben, sind zwischen 45 und 55 Jahre alt. Das jüngste Mitglied ist 28-jährig. Wir hätten gern mehr jüngere.» Die Mitglieder würden aus allen sozialen Schichten stammen. Auch Prominente? Krebs: «Es gibt ein paar bekannte Berner Firmeninhaber.»

Dass sich eine Bruderschaft auch gegenseitig Geschäfte vermittelt, liegt auf der Hand. «Früher wurden per Handschlag Riesengeschäfte gemacht. Das wollen wir nicht mehr und haben es unterbunden», meint der Obermeister. «Kein Problem haben wir aber damit, wenn beispielsweise ein Handwerker einen Auftrag eines Bruders erhält.»

Die Odd Fellows engagieren sich auch sozial. Einerseits werden junge Musikschaffende unterstützt. Andererseits: «Wenn ein Bruder stirbt, entrichten wir den Hinterbliebenen ein Sterbegeld.» Und sollte eine Witwe in finanzielle Not geraten, könne sie eine Spende beantragen. «Regelmässige Geldbeträge zahlen wir aber nicht aus.»

Wer sich bei den Odd Fellows nicht wohl fühlt, kann jederzeit wieder austreten. Daran denkt Marc Zimmermann indes nicht. Der 47-jährige Baumanager ist noch nicht lange Logenbruder. «Traditionen und die Verbundenheit haben mich immer interessiert», sagt er. Man könne diese zwar auch im Alltag pflegen, «aber in den Sitzungen ist man von äusseren Einflüssen befreit».

Vor drei Jahren sei er zu einem öffentlichen Anlass eingeladen worden. «Das hat mich sofort fasziniert.» Die Wahrung der Werte sei für ihn ein Grundsatz in seinem Leben. Zimmermann sagt: «Wenn ich gestresst in eine Sitzung komme, bin ich nachher ein befreiter Mensch, es gibt mir Kraft und Energie. Wenn mir das vor wenigen Jahren jemand gesagt hätte, hätte ich ihn für doof erklärt.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...