Bern

Braucht Washington ein Marzili?

BernUS-Touristen machen meist einen Bogen um Bern, schreibt John Kelly. Der Kolumnist der «Washington Post» kam trotzdem hier hin. Und zog dabei eigenwillige Schlüsse.

Ein Marzili in Washington? Gemäss US-Journalist John Kelly könnte das helfen, die politische Spannung in seinem Land etwas zu mildern.

Ein Marzili in Washington? Gemäss US-Journalist John Kelly könnte das helfen, die politische Spannung in seinem Land etwas zu mildern. Bild: Keystone

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Die «Washington Post» ist neben der «New York Times» die renommierteste Tageszeitung der USA. Wer über das Weltgeschehen umfassend auf dem Laufenden sein will, ist als Abonnent der «WaPo» meist gut bedient.

Weil sich dieses Weltgeschehen aus US-Sicht aber selten in der Schweiz abspielt, ist unser Land in den Spalten der Zeitung relativ schwach vertreten. Umso stolzer ist man hierzulande, wenn es die Schweiz doch mal ins Weltblatt schafft.

Szenen, wie in einem Zombiefilm

Am Sonntag war es wieder so weit, zumindest in der Online-Ausgabe der Zeitung. Der Politkolumnist John Kelly – seinem eigenen Resümee zufolge fast so dekoriert wie sein Arbeitgeber – schrieb über seine Sommerferien in der Schweiz.

Sein Ziel: nicht Zürich, nicht Genf, sondern Bern, die «langweilige Stiefschwester» der beiden Städte, so Kelly. Langweilig scheint sein Besuch allerdings nicht verlaufen zu sein. Ganz im Gegenteil.

Eine Entdeckung hat es dem US-Journalisten besonders angetan: Das Aareschwimmen. Die Strassen Berns würden jeweils einem Zombiefilm ähneln, wenn alle Bewohner gleichzeitig Richtung Aare pilgern. Nicht nur die Gutaussehenden mit Bella Figura, Nein auch «Männer eines gewissen Alters, deren Bäuche einem lackierten Eichenfass gleichen.»

Da ging die Fantasie mit John Kelly durch. Vielleicht sei die Schweiz deshalb ein so gut funktionierendes Land, weil alle Akteure im Berner Politbetrieb miteinander baden gehen und sich nebeneinander sonnen.

Der Rückschluss auf die USA, wo es gemäss Kelly derzeit alles andere als harmonisch zu und her geht, war schnell gemacht: «Vielleicht ist das Problem der zerstrittenen US-Politik, dass man sich nie in Badehosen und Bikinis sieht», so Kelly.

Schweizer sind genau so prüde

Donald Trump in Badehosen? Hillary Clinton im Bikini? Ein Rückblick in die jüngere Geschichte zeigt, dass leichte Bekleidung tatsächlich schon dabei half, tiefe politische Gräben zuzuschütten. Besonders die deutsch-russischen Beziehungen sind geprägt von halbnackten Männer, die gemeinsam grosse Dinge entscheiden.

Brandt und Breschnew parlierten beim gemeinsamen Bad im Schwarzen Meer über die «Neue Ostpolitik». Kohl und Jelzin einigten sich bei einem Saunabesuch am Baikalsee über den Abzug russischer Truppen aus Ostdeutschland.

Wo Kelly falsch liegt: Die Schweiz ist in Bezug auf leicht bekleidete Politiker mindestens genau so prüde wie die USA. Man erinnert sich noch an den Hohn und Spott der Schweizer Politjournalisten, als Guy Parmelin sich tatsächlich erdreistete mit kurzen Hosen auf Bundesrat-«Schulreisli» zu gehen.

Man sagte ihm unter anderem einen Zweitjob als Tennisplatzabwart nach: Guy Parmelin auf der Bundesratsreise 2016.

Nein, Schweizer Parlamentarier sind eher seltene Gäste auf Berns prominenter Bademeile. Viel öfters sieht man sie ihn Gruppen oder auch alleine verbissen durch die Altstadt joggen.

Aber John Kelly war ja auch nicht zur Sessionszeit in Bern. Vielleicht ist dies ja das Geheimnis der verhältnismässig wenig spektakulären Schweizer Politik: Man sieht sich nicht so oft. (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.07.2018, 16:20 Uhr

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