Ittigen

Boxen ohne Beulen

IttigenManche bezeichnen das Leichtkontaktboxen als «Boxen für Warmduscher». Doch der Sport ist viel anspruchsvoller, als man im ersten Moment meint. Das zeigt ein Trainingsbesuch in Ittigen, wo heute ein nationaler Wettkampf stattfindet.

Im Ittiger Trainingslokal: Eine Athletin und ein Athlet zeigen, wie Leichtkontaktboxen funktioniert.

Im Ittiger Trainingslokal: Eine Athletin und ein Athlet zeigen, wie Leichtkontaktboxen funktioniert. Bild: Iris Andermatt

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An der Wand hängt ein grosses Schwarzweissfoto. Es zeigt den jungen Muhammad Ali, stehend im Ring, vor ihm am Boden liegend sein Gegner Sonny Liston. Ali hat ihn soeben mit einer harten Rechten k. o. geschlagen. Nach nur 105 Sekunden im Weltmeisterschaftskampf 1965 in Lewiston, USA.

Ein solcher K. o. könnte nicht passieren, hier, im Untergeschoss des Ittiger Rainschulhauses. Der Raum ist gross und hell, in einer Ecke stehen Fitnessgeräte, in einer anderen Ecke ist mit blau-weissen Seilen der Boxring abgezäunt. Ein gutes Dutzend Leute ist hier am Trainieren, Mitglieder des Boxing Team Ittigen.

Sie tragen weite Hosen, verschwitzte T-Shirts, Boxhandschuhe, einige auch einen Kopfschutz. Sie könnten ganz gewöhnliche Amateurboxerinnen und -boxer sein. Doch wer ihnen zusieht, merkt bald: Ihre Schläge sind weniger hart.

Arme statt Schultern

Der Sport, der hier ausgeübt wird, heisst Light-Contact Boxing. Das Ittiger Team gehört in dieser Sparte zu den Pionieren, mehrere Athletinnen und Athleten haben bereits Schweizer-Meister-Titel gewonnen. Heute Nachmittag ­organisiert der Klub den «Swiss Boxing Light-Contact Cup», einen nationalen Wettkampf in der Turnhalle Rain.

«Kommen Sie», sagt Vereinspräsident Michael Keller. Er geht zum Boxring und kommentiert den Sparringskampf, der gerade im Gang ist. Im Leichtkontakt­boxen wird der Gegner mehr touchiert als geschlagen, harte Schläge führen zu Punkteabzug oder – «wenn einer unbelehrbar ist» – sogar zur Disqualifikation.

Der Präsident und der Trainer: Michael Keller (links) und Marco Spath. Bild: Iris Andermatt

Doch wann ist ein Schlag zu hart? «Da gibt es eine einfache Faust­regel», sagt Cheftrainer Marco Spath. «Im Light-Contact Boxing kommt die Schlagbewegung aus den Armen, im herkömmlichen Boxen aus den Schultern. Dadurch ist die Wucht viel höher.»

Zudem werden im Leichtkontaktboxen die Athleten nicht in Gewichtsklassen eingeteilt, sondern nach Grösse. So haben beide eine ähnliche Reichweite. Auch ist es verboten, unbegrenzt auf den Gegner einzuschlagen; nach acht Schlägen in Folge muss der angreifende Boxer eine Rückwärtsbewegung machen.

«Natürlich ist und bleibt es ein Kampfsport», sagt Präsident Keller, «aber ich habe im Boxring mehr Fair Play erlebt als zum Beispiel auf dem Fussballplatz.»

Über 40? Kein Problem

Michael Keller trägt ein Handtuch um den Hals. Ab und zu wischt er sich den Schweiss von der Stirne. Ob man als Leichtkontaktboxer von anderen Boxern auch mal als Warmduscher bezeichnet wird? «Ja, das kommt vor», sagt er schmunzelnd. Be­irren lässt er sich davon nicht, denn: Light-Contact sei der Aufbau zum Amateurboxer. «Ein Leichtkontaktboxer, der zu den Amateuren wechselt, hat dort in der Regel Erfolg.»

Das Ittiger Team bildet darum sowohl Leichtkontakt- wie auch Amateurboxer aus. Die Lightversion sei eine ausgezeichnete technische Schule, und der Einstieg sei ab dem 8. Lebensjahr möglich. «Vielfach sind Eltern dagegen, dass ihre Kinder mit Boxen beginnen», sagt Marco Spath. Mit Leichtkontaktboxen seien sie eher zu überzeugen.

Es gibt noch einen weiteren ­Aspekt. Als 44-Jähriger sei er zu alt zum Amateurboxen, erzählt Michael Keller. Im Leichtkontaktboxen dagegen gebe es keine Altersbegrenzung, sondern einfach zwei Kategorien: unter sowie über 17-Jährige.

Für Geist und Körper

Der Trainingsabend ist bereits weit fortgeschritten. Aus der Garderobe dringt der Duft von Duschgel. Jene Leute, die noch nicht unter der Dusche stehen, machen im grossen Raum noch ein paar Rumpfbeugen.

Und Trainer Marco Spath erklärt die Fotos, die an den Wänden im Trainingslokal hängen. Berner Boxstars wie Fritz Chervet und Enrico Scacchia sind darauf zu sehen – und immer wieder der Weltstar, der grösste Boxer aller Zeiten: Muhammad Ali. «Boxen», sinniert Marco Spath, «ist eine Lebensschule.»

Man lerne sich im Griff zu haben, sich zu fokussieren, und natürlich bleibe man fit. Oder, wie es Michael Keller sagt: «Es ist ein guter Ausgleich zwischen Geist und Körper.»

Dass es eine Lightversion gibt, bei der man nach dem Kampf nicht mit verbeultem Kopf am Arbeitsplatz erscheint, schätzt er sehr. Denn Michael Keller ist Leiter Tourismus bei Bern Welcome.

Turnier in Ittigen: heute Samstag, 14 bis 17 Uhr, Turnhalle Rain. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.11.2017, 14:36 Uhr

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