Symbolik ist cooler als Sachpolitik

Der beschlossene Extraferientag für weibliche Stadtangestellte sorgt nach hitziger Debatte weiter für rauchende Köpfe.

<b>Tamara Funiciello</b> hatte mit ihrer Symbolpolitik Erfolg.

Tamara Funiciello hatte mit ihrer Symbolpolitik Erfolg. Bild: Keystone

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«Booooom!!!» So twitterte sich Stadträtin Tamara Funiciello (Juso) nach der Stadtratssitzung am Donnerstag ihre Freude vom Leib. Die Motion, die sie zusammen mit Christa Ammann (AL) und Janine Wicki (GFL) eingereicht hatte, fand im Stadtrat Anklang.

Die Mehrheit sprach sich dafür aus, weiblichen Stadtan­gestellten einen zusätzlichen Tag frei zu geben – und das noch dazu am Weltfrauentag. Die nichterklärbare Lohndifferenz zwischen männlichen und weiblichen Stadtangestellten beträgt in Bern 1,8 Prozent. Das sind umgerechnet drei zusätzliche Arbeitstage für Frauen pro Jahr. Mit dem freien Tag würden sie sich nun ein Stück davon zurückholen, begründeten die Motionärinnen den Vorstoss.

Fest steht: Beim Ja des Stadtrats handelt es sich um einen Sieg Funiciellos. Über kein Thema der Stadtratssitzung wurde lauter diskutiert. Die Motion von ­Claude Grosjean (GLP), die von der Stadt bei Stellenausschreibungen Lohntransparenz verlangte und ebenfalls angenommen wurde, ging dagegen geradezu vergessen. Doch punktete Funiciello auch für die Sache der Frauen? Daran scheiden sich im Berner Rathaus die Geister.

Gut in der Symbolik, finden die beiden Gemeinderätinnen Ursula Wyss (SP) und Franziska Teuscher (GB). Erstere will versuchen, nächstes Jahr am 8. März frei zu nehmen. Letztere betont, sie müsse das zwar nicht tun, weil in ihrer Direktion für Bildung, Soziales und Sport keine Lohnungleichheit bestünde. Dennoch würde sie sich solidarisch zeigen und sich an der Aktion beteiligen, wenn es denn so weit käme.

«Keine Zückerli und Pflästerli»

Sinnlose Symbolpolitik, halten die Kritikerinnen auf Twitter dagegen. «Ich will keine Zückerli und Pflästerli für die weiblichen städtischen Angestellten, sondern Lohngleichheit für alle. In der ganzen Schweiz. Sofort. Punkt. Schluss!», ärgert sich Stadträtin Franziska Grossen­bacher (GB). Claudine Esseiva (FDP) nervt sich über einen unwirksamen Freitag, der Männer diskriminiere: «So stelle ich mir Chancengleichheit nicht vor.»

Andere Politikerinnen machen auf einen Punkt aufmerksam, welcher der kinderlosen Funiciello entgangen sein dürfte: Wenn nämlich wegen des freien Frauentags die städtischen Kitas einen Tag mehr schliessen, so dürften das vor allem die Mütter treffen. Sie sind es nämlich, die dann erfahrungsgemäss alles stehen und liegen lassen, um den eigenen Nachwuchs zu betreuen. «Booooom!!!»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 09.03.2018, 19:31 Uhr

Die Motion

Die «nichterklärbare Lohndifferenz» in der Stadtverwaltung beträgt 1,8 Prozent. Das heisst: Frauen arbeiten jährlich umgerechnet über drei Tage mehr, um auf denselben Lohn wie ihre männlichen Konterparts zu kommen. Der freie Frauentag soll den Mitarbeiterinnen einen Teil davon zurückgegeben.

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