Bonjour, Grafenried

Schüleraustausch

Die Primarschule Grafenried empfängt ihre Partnerklasse aus Saint-Imier. Spielerisch sollen Berührungsängste zum Französisch beseitigt werden.

«Comment?» Romy Salzmann unterstützt die Schüler beim Überbrücken von Verständigungsproblemen.

«Comment?» Romy Salzmann unterstützt die Schüler beim Überbrücken von Verständigungsproblemen.

(Bild: Nicole Philipp)

Der Röstigraben ist eine reelle sprachliche und kulturelle Trennlinie in der Schweiz. Nicht einmal das heftige Unwetter vom Mittwochabend und die daraus entstandenen Ausfälle öffentlicher Verkehrsmittel konnten allerdings die Lehrer und die Schüler der vierten Klasse aus Saint-Imier daran hindern, diesen zu überqueren. Sie besuchen nämlich diese Woche ihre Partnerklasse in Grafenried.

Ein buntes Gemisch aus zusammengewürfelten Sätzen in Französisch und Deutsch war gestern Morgen in den Gängen des Primarschulhauses Grafenried zu hören. Bei der Begrüssung ging dann plötzlich ein grosser Seufzer durch die Runde, als die Grafenrieder Schüler daran erinnert wurden, dass sie zum einfacheren Verständnis Hochdeutsch reden sollten.

Austauschplattformen

Seit nunmehr sieben Jahren findet der Austausch zwischen Grafenried und Saint-Imier statt. Eingeleitet wurde dieser durch das Austauschprojekt «Construire des ponts – Brücken bauen» vom Institut für Weiterbildung der Pädagogischen Hochschule Bern in Zusammenarbeit mit der Haute École Pédagogique Béjune.

Die Kernidee des Projekts ist es, interessierten Schulen und Lehrpersonen organisatorische Hilfe und Austauschplattformen zu bieten. Es beinhaltet gegen­seitige Hospitationen, Weiterbildungstage und Austauschbegegnungen.

In diesem Sinn verbrachten die Grafenrieder letzten September ihre Landschulwoche in Saint-Imier. Das Schuljahr hindurch herrschte seitdem reger Austausch zwischen den Klassen, etwa in Form von Briefen.

«Je me sens bien»

Nach einer spürbaren anfänglichen Nervosität wurden die Kinder in Pärchen aufgeteilt und mussten dann gemeinsam auf spielerische Art Aufgaben lösen. Gleichzeitig machten die Grafenrieder ihre welschen Kollegen mit dem Schulhaus vertraut. Die Sprachbarriere wurde so schnell überwunden. «Sie sind lustig. Sie machen Witze, die wir zwar nicht immer verstehen, aber wir lachen trotzdem alle mit», erklärte Schüler Jordi die ungewohnte Situation.

Die Gäste aus Saint-Imier fühlen sich währenddessen in einem unvertrauten Umfeld wohl. «Je me sens bien», sagt Quentin. Grafenried haben sie sich dennoch anders vorgestellt: «J’avais l’impression que c’est ­beaucoup plus grande», sagt Adriana. Gegen ihr Schulhaus im ­Jura, welches 24 Klassen fasst, sei es hier fast schon zu eng.

Gelebte Zweisprachigkeit

Für Romy Salzmann (57), Lehrerin der fünften und sechsten Klasse in Grafenried, geht der Austausch weit über die sprachliche Erfahrung hinaus: «Die Kinder sehen unmittelbar, wieso sie eine Fremdsprache lernen.» Dabei sei es wichtig, den Kindern zu zeigen, dass es auch Französisch sprechende Berner gibt. So könnten diese aktiv die Zweisprachigkeit des Kantons leben.

Auch Elisabet Beck (50) aus Saint-Imier schwärmt von der Erfahrung: «Unsere Schüler erfahren einen viel angenehmeren Umgang mit der deutschen Sprache.» Deshalb bemühe man sich auch, Aktivitäten zu suchen, bei denen die Klassen jeweils gemeinsam arbeiten müssen, um ans Ziel zu gelangen.

«Die Berührungsängste bezüglich der jeweils anderen Sprache sind schon deutlich geringer als noch im September», sagte Esther Snijders (46), ebenfalls Lehrerin aus Saint-Imier. Der Google-Übersetzer ist diese Woche in der Schule übrigens verboten.

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