«Bodies Exhibition»: Der müde Charme einer Anatomievorlesung

Bern

Zahlreich schaute sich das Publikum im Alten Tramdepot aufgeschnittene Bauch­höhlen, hängende Penisse, präparierten Brustkrebs und ein infarktgepeinigtes Herz an.

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Jürg Steiner@Guegi

Irgendwie sei es verrückt, sagt Jan van Bergen. Der mächtige Holländer steht im Alten Tramdepot beim Burgernziel, redselig und bestens gelaunt. Kurz nach der Ausstellungseröffnung am Freitagmittag sind wohl schon ge­gen hundert Leute in die «Bodies Exhibition» geströmt, die er als Technischer Direktor verantwortet.

Auf ein paar handgestrickten Plakaten wird der Anblick «echter Körper» angekündigt, in Form plastinierter, also haltbar und steif gemachter Leichen.Ja, «verrückt», sagt van Bergen. Der Tod werde tabuisiert, aber ausgestellte Leichen interessierten die Leute brennend. Er vermute, das habe mit dem Gesundheitskult in der westlichen Welt zu tun.

Aber sicher auch mit der latenten Provokation, die zur Schau gestellte Tote sichern: Man will sie sehen und doch wegschauen. «Klar», sagt van Bergen, «unsere Ausstellung wird gelobt und kritisiert. Hauptsache, es wird über sie geredet. Dann kommen die Leute.» Irgendwie, fügt er an, müsse man Geld verdienen.

Vor zehn Jahren hat er für den österreichischen Actionkünstler André Heller gearbeitet, er war für den Zeltaufbau bei dessen Ausstellung «Afrika! Afrika!» zuständig. Seit drei Jahren, wie er sagt, tourt er mit der «Bodies Exhibition» durch Schweden, Holland, Belgien, Luxemburg – und nun erstmals in der Schweiz.

Im Alten Tramdepot will van Bergen testen, ob die Schweiz offen genug für seine «Bodies Exhibition» sei. Vom auf Facebook angekündigten Weiterzug der Ausstellung nach Lausanne weiss er nichts. Viele der Informationstexte in der Berner Ausstellung sind in französischer Sprache, man habe gedacht, hier ja praktisch an der Sprachgrenze zu sein. Er werde veranlassen, dass die Texte auf Deutsch übersetzt würden.

Man kann in sich gehen

«Wo ist der Hirntumor?», fragt eine junge Frau ihre Kollegin, schliesslich ist ein Teil der «Bodies Exhibition» diversen Krebsarten gewidmet. Beobachtet man Besucherinnen und Besucher, fällt auf, wie andächtig die meisten im Studium der Leichen und Organe versinken.

Es ist leise, fast wie in einem Vorlesungssaal. Von provokativer Inszenierung der präparierten Toten, wie es die Lichtgestalt des Plastinierungsbusiness, Gunter van Hagens, in seinen «Körperwelten» zu tun pflegt, ist hier keine Spur. Die «Bodies Exhibition» eignet sich eher als Destination für eine ­Anatomieexkursion der Volkshochschule.

Man sieht herauspräparierte Organe und Körperteile. Augen, Ohren, Lebern, Herzen, Hände, Füsse, Hirne, mitunter versehen mit Erklärungen in schwer verständlicher Fachsprache. Einen gewissen Erlebnischarakter haben die aufgetrennten Ganz­körperpräparate, vor denen man buchstäblich in sich gehen kann.

Man staunt beim Blick in die geöffnete Bauchhöhle, wie klein der Magen im Vergleich zur restlichen Verdauungsapparatur ist. Und in welch verwirrender Achterbahn der ellenlange Darm im Unterleib versorgt ist, glaubt man auch nicht, wenn man es mit eigenen Augen sieht.

Präparate aus den USA?

Natürlich trägt man die Frage mit sich herum, woher die Leichen stammen. Der wichtigste Produktionsstandort des globalen Plastinierungsbusiness befindet sich in China, der Verdacht, dass hingerichtete Oppositionelle zu Ausstellungsobjekten verarbeitet wurden, hält sich.

Van Bergen betont, er beziehe seine Präparate in den USA, Herkunft und Einwilligung der Verstorbenen für diese Verwendung seien dokumentiert. Ein Gericht in Holland habe diesen Frühling bestätigt, dass seine Papiere in Ordnung seien.

Auch die Abfertigung am Zoll in Basel bei der Reise nach Bern sei «sehr schnell» erledigt gewesen. Selbst Ute ­Winselmann-Adatte, die für das Alte Tramdepot zuständige Kuratorin, staunt. Der Import von Kunstwerken sei meist viel komplizierter, sagte sie.

Frank Moser, Sprecher der Mitglieder der in China verfolgten spirituellen Gruppe Falun Gong, hält in einer Mitteilung fest, ein Präparatebezug in den USA sei keine Garantie dafür, dass die Leichen nicht doch aus China stammten. Klartext sprach das Restaurant Punto, gleich beim Tramdepot, auf seiner Schiefertafel: «Hier keine Leichenteile».

Ausstellung: Altes Tramdepot, Thunstrasse 106, täglich 11 bis 18 Uhr. Bis 15. Oktober.

Berner Zeitung

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