SBB und BLS auf Kollisionskurs

Die BLS will definitiv in den gewinnträchtigen Bahnfernverkehr einsteigen und den SBB das Monopol abjagen. Die Berner haben ein Konzessionsgesuch für fünf Linien eingereicht, verzichten aber auf die lukrativste Strecke nach Zürich.

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Der Streit um die Neuvergabe der Konzessionen für die Bahnfernverkehrslinien ist eskaliert. Die SBB und die BLS haben sich bis zum Fristablauf für die Eingabe von Gesuchen nicht einigen können. SBB-Chef Andreas Meyer hat daher beim Bundesamt für Verkehr für alle knapp 50 Linien ein Konzessionsgesuch eingereicht. Er hält damit am Monopol im Fernverkehr fest.

Die BLS geht auf Konfrontation und bewirbt sich für fünf Strecken (siehe Karte unten). «Davon werden nicht nur die Bahnkunden profitieren, sondern ebenso die öffentliche Hand», versprach BLS-Chef Bernard Guillelmon vor den Medien in Bern. Fundierte Berechnungen der BLS und externer Fachleute hätten bestätigt, dass die BLS die beantragten Linien rentabel betreiben könne.

Nicht nach Zürich

Dies, obwohl die BLS ihre Ambitionen für die Verbindungen von Interlaken nach St. Gallen und von Brig nach Romanshorn aufgibt. Damit überlässt sie den SBB die lukrativste Strecke, nämlich die Verbindung Bern–Zürich kampflos. «Wir haben einen grossen Schritt auf die SBB zu gemacht», sagte dazu BLS-Präsident Rudolf Stämpfli.

Die BLS beschränkt sich demnach im Grundsatz auf jenes Konzept, das Fachleute von BLS und SBB im Winter erarbeitet hatten. Dieser Konsenslösung stimmte auch SBB-Präsidentin Monika Ribar zu, wie Stämpfli festhielt. Doch dann rückten die SBB davon ab. Stämpfli machte klar, dass sich SBB-Chef Meyer dem ausgearbeiteten Kompromiss in den Weg gestellt hat.

Neue Züge

Im Detail sieht das Konzept der BLS die Übernahme von zwei Intercity- (IC) und drei Regio­express-Linien (RE) vor:

  • IC Interlaken–Bern–Basel (ab Fahrplanwechsel 2022)
  • IC Brig–Bern–Basel (ab 2023)
  • RE Bern–Olten (ab 2020 )
  • RE Bern–Biel (ab 2020)
  • RE Bern–Neuenburg– Le Locle (ab 2022)

Für die beiden Intercity-Linien will die BLS neue Fernverkehrszüge kaufen. Da dies ein aufwendiger Prozess ist, beantragt sie die Konzessionen nicht schon auf den Fahrplanwechsel im Dezember 2017, sondern 5 respektive 6 Jahre später. Die Regio­express-Linien will die BLS mit ­Zügen des Schweizer Herstellers Stadler vom Typ Mutz und Flirt fahren. Für die benötigten neuen Züge rechnet die BLS mit Investitionen von 495 Millionen Franken. Diese Summe will die Bahngesellschaft selber aufbringen können und Bund sowie Kantone nicht zusätzlich belasten.

Zudem will die BLS 290 Stellen schaffen, wie Guillelmon ankündigte. Es gehe um zusätzliche Arbeitsplätze, die keinen Abbau bei den SBB zur Folge haben dürften. Schliesslich rechneten die SBB selber bis im Jahr 2030 im Fernverkehr mit einem Nach­fragewachstum von 35 Prozent. «Wir beantragen also ein kleines Stück des ohnehin stark wachsenden Kuchens», ergänzte Stämpfli. Gleichzeitig werde so die Konkurrenzfähigkeit des ÖV-Gesamtsystems in der Schweiz mit Blick auf den internationalen Wettbewerb gestärkt.

SBB warnen

SBB-Chef Meyer sieht es anders: «Der Systemwechsel würde der Konkurrenz aus dem Ausland die Türen zum nationalen Fernverkehr öffnen», warnt er. Eine Aufteilung mache den Fernverkehr teurer: «Die Gesamtsystemkosten würden um 15 bis 20 Millionen Franken pro Jahr steigen. Hinzu kommen hohe Umstellungskosten von 20 bis 40 Millionen Franken.»

Es ist nun am Bundesamt für Verkehr, die sich widersprechenden Berechnungen zu prüfen. Klar ist, dass die SBB vorerst die Konzessionen für den gesamten Fernverkehr erhalten werden. Die Frage ist, ob für alle Strecken für die beantragten 15 Jahre.

BLS-Präsident Rudolf Stämpfli im Videointerview. Video: Sibylle Hertmann (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.09.2017, 14:25 Uhr

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