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«Blindversuche» enden mit klebrigen Fingern

Ab 1.November können die Gäste im «Dörfli» Mühledorf im Dunkeln dinieren. Sehbehinderte und Blinde begleiten sie.

Zwei Gabeln bei den vom «Dörfli» angebotenen Essen. Bei diesen Menüs sind sie noch schlechter sichtbar – nämlich gar nicht.
Zwei Gabeln bei den vom «Dörfli» angebotenen Essen. Bei diesen Menüs sind sie noch schlechter sichtbar – nämlich gar nicht.
Susanne Keller

Hinter einem schwarzen Vorhang beginnt das Abenteuer. Zwar hatte Wirtin Franziska Roggli Dunkelheit vorausgesagt, doch überrascht das Bild trotzdem: nichts. Das Dunkel liefert keinen Hinweis, wie der Raum aussehen könnte.

Die eigenen Sinne scheinen das Fehlen des Augenlichts zu registrieren. Der Tast- und der Hörsinn stehen plötzlich im Zentrum. Eine spannende, vorerst aber auch erschreckende Erfahrung. Zum Glück bietet René Jaun, ein blinder Berner Student, seine Hilfe an. Jaun geleitet die Gäste sicher an ihre Plätze. Mittels zurechtgelegten Materialien sollen sie einen Drink mixen. Im Alltag eines Sehenden eine kurze Angelegenheit. Aber eben: nichts, Finsternis.

Eine bewährte Idee

Vor einigen Jahren waren Franziska und Roland Roggli auf der Suche nach einer guten Idee für ihr 5-Jahr-Jubiläum als Wirte des «Dörfli». Durch zwei Familienmitglieder mit Sehbehinderung kamen die beiden auf die Idee: Essen im Dunkeln. Nach einer Anlaufzeit von einer Woche hatte sich das Angebot herumgesprochen, und die Gäste strömten in die Zivilschutzanlage des Gasthofs, um einmal in totaler Finsternis zu essen.

Natürlich freut sich das Wirtepaar über den Erfolg: «Wir sind ein Gasthof auf dem Land. Da muss man etwas bieten, wenn man neue Gäste ansprechen will», so Franziska Roggli. «Andererseits spüre ich hier auch meine soziale Ader. Ich möchte den Leuten das Thema ans Herz legen. Ich bin immer wieder beeindruckt, was ich bei diesen Veranstaltungen erlebe.»

Eine schöne Erfahrung

Diese Abende, an denen er Gäste an den Tisch begleitet und ihnen das Essen serviert, sind auch für René Jaun besonders. Der Blinde wird plötzlich zum Sehenden, und auch bei seinen Gästen lassen die Reaktionen nicht auf sich warten: «Zu Beginn herrscht bei den Gästen immer grosse Unsicherheit», so der 28-Jährige. Umso interessanter sei es für ihn, zu sehen, wie die Menschen mit dieser ungewohnten Situation umgehen.

«Die einen werden ruhig, geradezu philosophisch. Andere vertragen das Ganze sehr schlecht und reagieren panisch. Die meisten versuchen jedoch, durch eine etwas lautere und betont lockere Kommunikation die Kontrolle über die Situation wiederzuerlangen», so Jaun. In den meisten Fällen verflüchtigt sich diese Nervosität im Laufe eines Abends: «Die Leute sollen merken, dass es kein Horror ist, sondern auch eine schöne Erfahrung sein kann», so Jaun.

Zwar habe er an anderen Veranstaltungen auch schon negative Momente erlebt, wenn die Gäste sich nicht bewusst auf das Experiment einlassen wollten. Erfahrungen, die René Jaun in Mühledorf bisher erspart blieben: «Hier sehen mich die Gäste als Menschen und nicht als blinde Attraktion.»

Ein erstaunliches Resultat

Das Mischen eines einfachen Drinks ist schwieriger als gewohnt. Die Aufgabe, etwas Sirup abzumessen und diesen in ein Glas zu schütten, endet mit verdächtig klebrigen Fingern und verdächtig wenig Sirup im Glas. Nach zähen Minuten zeigen sich die Resultate des kurzen Ausflugs in die Dunkelheit: Ein peinlich schlecht gemixter Kinderdrink und eine Riesenschweinerei, die aber zum Glück keiner sieht. Vor allem aber ein paar beeindruckte Gesichter, die sich draussen im Sonnenlicht die Augen reiben.

Infos: 1.11. bis 13.12., Dreigangmenü im Dunkeln. Ausserdem Workshops: Weihnachtskekse und Grittibänze backen. Anmeldung erforderlich.

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