Bitcoins in der Lohntüte

Stadt Bern

Angestellte der Berner Firma Puzzle ITC können seit August einen Teil ihres Lohnes in Bitcoins beziehen. Arbeitsrechtler sind skeptisch, Informatikexperten sehen darin die Zukunft.

<b>Sie gehen neue Wege:</b> Marcel Groner, Finanzchef, und Sarah Pfeiffer, Projektleiterin bei der Berner Firma Puzzle ITC.

Sie gehen neue Wege: Marcel Groner, Finanzchef, und Sarah Pfeiffer, Projektleiterin bei der Berner Firma Puzzle ITC.

(Bild: Raphael Moser)

Edith Krähenbühl

Vor 150 Jahren erhielten Lehrer einen Teil ihres Lohnes in Form von Brennholz oder Nahrungsmitteln. Das ist in dieser Branche nicht mehr üblich. Geblieben ist aber die Idee, Mitarbeiter nicht nur mit Geld zu honorieren. Mit dem Aufkommen von virtuellen Währungen wie Bitcoin liegt der Gedanke nahe, diese als Lohnanteile in Umlauf zu bringen.

Ein Pionier in diesem Bereich ist die Berner Firma Puzzle ITC. Das KMU mit Sitz im Monbijou hat ein System entwickelt, das es seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ermöglicht, einen Teil des Lohnes in der Kryptowährung Bitcoin zu beziehen. Der Anstoss dafür kam aus den Reihen der Mitarbeiter. Die Firma, die hauptsächlich Software- und IT-Infrastrukturprojekte für Firmen und Institutionen umsetzt, befasst sich seit längerem auch mit der sogenannten Blockchain-Technologie.

Diese bietet vereinfacht gesagt eine dezentrale Verwaltungs-, Übermittlungs- und Prüfungsmöglichkeit für Daten und Werte, ohne dass dafür eine Verwaltungsinstanz wie eine Bank nötig ist. Eine Anwendung von Blockchain ist die Generierung, Verwaltung und Übermittlung von Kryptowährungen wie Bitcoin.

Vorschlag von Mitarbeitern

«Die Mitarbeiter, die mit Blockchain-Technologie arbeiten, kamen mit dem Wunsch zu mir, ein System zu entwickeln, das eine Lohnanteilszahlung in Bitcoins ermöglicht», erklärt Marcel Groner, Finanzchef und Mitinhaber von Puzzle ITC. Als Mitinhaber habe er grosses Interesse daran, ein Projekt zu realisieren, das auf der Blockchain-Technologie basiere: «So können wir interessierten Kunden zeigen, dass wir bereits ein System betreiben, das funktioniert.»

Sarah Pfeiffer, Projektleiterin bei Puzzle ITC, fügt an: «Ich glaube daran, dass die Blockchain-Technologie in Zukunft vielfältig eingesetzt werden kann.» Eine Applikation zu entwickeln, die eine Lohnauszahlung in Bitcoins ermögliche, zeige das Know-how in diesem Bereich.

Pfeiffer hat diese Applikation im Verlauf des letzten Jahres gemeinsam mit drei Kollegen entwickelt. Seit August 2018 können Mitarbeiter einen Teil ihres Lohnes in Bitcoin beziehen. Das Ganze ist freiwillig, und der Anteil kann jeden Monat neu gewählt werden. Bisher machen 12 der 118 Mitarbeiter vom Angebot Gebrauch. Pfeiffer ist eine von ihnen. Am 10. jedes Monats kann sie einen Anteil zwischen 1 und 25 Prozent wählen.

Am 25. des Monats zu einer vertraglich geregelten Zeit wird der Anteil zum an diesem Zeitpunkt geltenden Wechselkurs in Bitcoins ausbezahlt. Das Risiko der Kursschwankungen in den Tagen dazwischen tragen die Mitarbeiter. «Die meisten wählen den Anteil so, dass sie einen Verlust verschmerzen könnten», kommentiert Pfeiffer das Risiko, «wir hatten jedoch auch schon den Fall, dass sich ein Mitarbeiter die gesetzlich erlaubten 25 Prozent in Bitcoins auszahlen liess».

Neben der technischen Umsetzung des Projekts musste Puzzle ITC für ihr Lohnauszahlungssystem vor allem rechtliche Rahmenbedingungen erfüllen. Die Firma musste mit Steuerbehörden und dem Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) abklären, wie eine Lohnanteilszahlung in Bitcoins zu deklarieren ist. Als der Treuhänder der Firma sich Anfang 2018 ans BSV wandte, kam von dieser Seite die Auskunft, dass die Eidgenössische Steuerverwaltung und auch das BSV noch nie mit der Bewertung von Lohnzahlungen in Kryptowährungen konfrontiert worden seien. Die Steuerverwaltung des Kantons Bern hat aber mittlerweile Richtlinien herausgegeben, die die Besteuerung von Kryptowährungen als Lohnanteil regeln.

Gewerkschaft ist skeptisch

Da der Bitcoin als Währung grossen Kursschwankungen unterliegt – im Dezember 2017 war ein Bitcoin rund 18000 Franken wert, im letzten Monat pendelte der Kurs zwischen 6000 und 6500 Franken –, wird die Praxis, Lohnanteile in Bitcoins auszuzahlen, von Arbeitsrechtlern sehr kritisch beurteilt. Luca Cirigliano, Zentralsekretär und Jurist für Arbeitsrecht beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund, schreibt dazu: «Wegen der extremen Schwankungen werden Teile des Betriebsrisikos auf den Arbeitnehmer überwälzt sowie das Prinzip der ‹Voraussehbarkeit und Sicherheit› des Lohnes verletzt.» Beide Bestimmungen seien im Schweizer Arbeitsrecht verankert.

Roland Müller, Rechtsanwalt und Titularprofessor an den Universitäten Bern und St. Gallen, vergleicht eine Lohnanteilszahlung in Bitcoins mit einer Lohnanteilszahlung in Aktien. «Wenn der Arbeitnehmer damit einverstanden ist, sind Zahlungen in Bitcoins möglich. Der Arbeitgeber darf aber das Umtauschrisiko nicht auf den Arbeitnehmer abwälzen, das heisst, es muss ein fixer Umrechnungskurs vereinbart werden.»

Noch geringe Akzeptanz

Das Unternehmen Puzzle ITC umgeht diese rechtlichen Hürden mit dem Prinzip der Freiwilligkeit. Die Mitarbeiter, die sich einen Lohnanteil in Bitcoins auszahlen lassen wollen, haben eine Zusatzvereinbarung zum Arbeitsvertrag unterschrieben. Diese wurde von einem Anwalt geprüft. Im Wesentlichen gelten ähnliche Bestimmungen wie für Lohnauszahlungen in Fremdwährungen. Der Anteil in Bit-coin darf höchstens ein Viertel des Lohnes ausmachen, Sozialversicherungsbeiträge müssen weiterhin in Franken ausgerichtet werden, und die Mitarbeiter erklären sich mit der Praxis einverstanden.

«Der Arbeitgeber darf das Umtauschrisiko nicht auf den Arbeitnehmer abwälzen.»Roland Müller, Titularprofessor Universitäten Bern und St. Gallen.

Daniel Rutishauser, Blockchain-Experte und Bereichsleiter beim Zuger IT-Beratungsunternehmen Inacta, ist überzeugt, dass in Zukunft viele Firmen dem Beispiel von Puzzle ITC folgen werden. Er glaubt indes, dass es in der Schweiz noch eine Weile dauern wird. «Vielleicht kommt der Wechsel schneller in Schwellenländern, die eine Alternative zur Landeswährung suchen.»

Ein Problem sieht er darin, dass Bitcoins erst sehr vereinzelt als Zahlungsmittel akzeptiert werden. Sarah Pfeiffer empfindet dies als Herausforderung: «Ich möchte Bitcoins im Alltag nutzen können.» Vor kurzem hat sie mit Puzzle ITC für das Berner Restaurant Energy Kitchen im Loeb ein erstes solches Projekt umgesetzt. In der Kaffeebar kann jetzt mit Bitcoins bezahlt werden.

Berner Zeitung

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