Bis zu 90 Stunden in der Luft

Bern

Am Freitagabend gehen auf der Grossen Allmend in Bern 42 Ballonfahrer in die Luft. Sie fahren um den Weltmeistertitel. Sieger wird, wer die längste Strecke schafft.

Letztes Jahr starteten die Gasluftballone im freiburgischen Greyerz, heuer nun also in Bern.

Letztes Jahr starteten die Gasluftballone im freiburgischen Greyerz, heuer nun also in Bern.

(Bild: Valentin Flauraud (Keystone))

Kurt Frieden stehen harte Tage und Nächte bevor. Er wird sie in eisiger Kälte auf engstem Raum in einem 1,4 Quadratmeter kleinen Korb verbringen. Der 49-Jährige aus dem Thurgau, Installateur von Beruf, ist einer von 42 Ballonfahrern, die am «Coupe Aéronautique Gordon Bennett» um die Weltmeisterschaft kämpfen. «In den nächsten Tagen werde ich wohl kaum durchschlafen können», sagt er. «Es ist möglich, dass wir bis zu 90 Stunden in der Luft sind.»

Frieden und sein Co-Pilot Roman Hugi nehmen zwei Kilogramm Brot, Käse und Salami mit an Bord. «Ein Plastikkübel dient als Toilette», sagt Hugi. «Auf einer kleinen Matratze können wir schlafen und durch eine Öffnung im Weidenkorb unsere Beine nach draussen strecken.»

21 Teams, 12 Nationen

Am Freitagabend um 19.30 Uhr starten 21 Zweierteams von der Grossen Allmend aus, eine internationale Besatzung aus 12 Nationen. Nebst europäischen Teams sind auch Teilnehmer aus den USA, Japan und Australien dabei. Für alle gilt, möglichst weit zu kommen. Die Piloten starten im Dreiminutentakt, der letzte Ballon wird gegen 21 Uhr in den Berner Nachthimmel abheben.

Am Freitagmorgen wurden die letzten Vorbereitungen für den WM-Start getroffen.

Der «Gordon Bennett», benannt nach dem ersten Sponsor, einem Verleger aus den USA, ist der älteste Luftfahrtwettbewerb. Die Weltmeisterschaft wurde 1906 erstmals in Paris durchgeführt – und heuer zum ersten Mal in Bern. Dies deshalb, weil bei der letzten Austragung ein Schweizer Team gewonnen hat: Kurt Frieden und Pascal Witprächtiger. Dreimal hat Frieden bisher den Titel geholt, dreimal wurde er Vizeweltmeister. Seine längste Distanz schaffte er 2010. Damals wurde in Bristol (GB) gestartet, sein Team fuhr 2435 Kilometer bis ins rumänische Contanta, in eine Stadt am Ufer des Schwarzen Meers.

Und wie schätzt Frieden seine Chancen heuer ein? «Das ist völlig offen, wenn aber derjenige gewinnt, der das grösste Risiko eingeht, werde ich sicher nicht Weltmeister.»

Kurt Frieden (links) und sein Co-Pilot Roman Hugi studieren vor ihrer Ballonfahrt eine Wetterkarte. Bild: Christian Pfander

Es kommt auf die richtige Strategie an. «Die Piloten können ihre Fahrtrichtung nur steuern, indem sie die Höhe verändern und so unterschiedliche Luftmassen und -bewegungen ausnutzen», erklärt OK-Präsident Léon André. Dabei werden die Ballonfahrer von einem Team am Boden unterstützt, das die meteorologischen Verhältnisse auf der ganzen Reise auswertet und via Satellitenfunk in den Ballonkorb weiterleitet und Strategien vorschlägt. Gefahren wird ausschliesslich mit Wasserstoff-gefüllten Ballonen.

Keine Angst, aber Respekt

Dank Vorhersagen mittels Supercomputern wissen die Verantwortlichen bereits, wohin die Reise führen wird: über die Alpen nach Südeuropa. «Südlich der Alpen entwickeln sich zwei Tiefdruckgebiete. Vieles spricht dafür, dass die Ballone dann Richtung Balkan oder Griechenland fahren werden», sagt Event Director Markus Haggeney. Man sei mit der europäischen Flugsicherung in Kontakt. «Die wissen Bescheid über unsere WM, jeder Ballon wird für sie zum Ereignis.»

Es gibt allerdings auch Länder, die die Überfahrt und eine Landung eines Ballons verbieten, etwa die Türkei, Kosovo, Weissrussland und Russland. Es ist an einem «Gordon Bennet» auch schon zu tragischen Ereignissen gekommen. OK-Präsident Léon André: «Zu Beginn der 1990er-Jahre wurde ein Ballon in Weissrussland vom Militär abgeschossen. Und ein paar Jahre später ist wegen eines Gewitters ein Team über der Adria abgestürzt. Erst Monate später wurden die beiden Opfer von einem Fischer im Meer entdeckt.»

Herr Frieden, fährt die Angst mit? «Angst habe ich keine, aber Respekt. Es wird bitterkalt, bis 30 Grad minus.» Er habe eine Überlebensausrüstung bei sich, unter anderem eine Rettungsinsel, Schwimmwesten und einen Spezialanzug, falls der Ballon im Meer landet. Er hofft nicht, dass er diese Dinge brauchen wird. Was er und sein Co-Pilot ab einer Höhe von 4000 Metern über Meer hingegen konstant tragen müssen, ist eine Sauerstoffmaske. «Man gewöhnt sich daran», ist sein Kommentar.

Im Rahmen der Gasballon-WM findet von Freitag bis zum Sonntag um 16 Uhr auf der Berner Allmend ein dichtes Rahmenprogramm statt. Der Höhepunkt der Veranstaltung ist der Start der ­Gasballone am Freitag von 19.30 bis 21 Uhr.

Berner Zeitung

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