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Bildern mit heikler Herkunft auf der Spur

An der Uni Bern sprach die deutsche Herkunftsforscherin Anja Heuss (50) über die Herausforderungen ihres Berufes. Dabei kam auch die Debatte um den Gurlitt-Nachlass zur Sprache.

Helen Lagger
Was läuft hinter der Fassade? Das Kunstmuseum Bern hält sich seit Monaten bedeckt – Experte Raschèr findet das Schweigen «befremdlich».
Was läuft hinter der Fassade? Das Kunstmuseum Bern hält sich seit Monaten bedeckt – Experte Raschèr findet das Schweigen «befremdlich».
Ein ganzes Leben hatte er damit verbracht, möglichst kein Aufsehen zu erregen: Cornelius Gurlitt im November 2013.
Ein ganzes Leben hatte er damit verbracht, möglichst kein Aufsehen zu erregen: Cornelius Gurlitt im November 2013.
Hatte den Führer höchstpersönlich mit Kunst versorgt: Hildebrand Gurlitt, Vater von Cornelius Gurlitt.
Hatte den Führer höchstpersönlich mit Kunst versorgt: Hildebrand Gurlitt, Vater von Cornelius Gurlitt.
«Das alles ist eine grosse Büberei!», rief er den Fotografen laut der «Süddeutschen Zeitung» nach: Cornelius Gurlitt beim Verlassen seines Wohnhauses in München am 12. November 2013. (Screenshot Bild.de)
«Das alles ist eine grosse Büberei!», rief er den Fotografen laut der «Süddeutschen Zeitung» nach: Cornelius Gurlitt beim Verlassen seines Wohnhauses in München am 12. November 2013. (Screenshot Bild.de)
Reporter der französischen Peple-Presse spürten den scheuen Einzelgänger zuerst auf: Gurlitt in einem Einkaufszentrum in München Schwabing am 8. November 2013. (Screenshot «Paris Match»)
Reporter der französischen Peple-Presse spürten den scheuen Einzelgänger zuerst auf: Gurlitt in einem Einkaufszentrum in München Schwabing am 8. November 2013. (Screenshot «Paris Match»)
Henri Matisse: Dieses Gemälde einer sitzenden Frau ist nicht im Werkverzeichnis enthalten. Das Bild dürfte Mitte der 1920er-Jahre entstanden sein. Es wurde 1942 vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg in einem Banktresor im französischen Libourne beschlagnahmt. Am 11. Juni 2014 wurde bestätigt, dass es sich dabei um Raubkunst aus dem Besitz des Kunsthändlers Paul Rosenberg handelt.
Henri Matisse: Dieses Gemälde einer sitzenden Frau ist nicht im Werkverzeichnis enthalten. Das Bild dürfte Mitte der 1920er-Jahre entstanden sein. Es wurde 1942 vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg in einem Banktresor im französischen Libourne beschlagnahmt. Am 11. Juni 2014 wurde bestätigt, dass es sich dabei um Raubkunst aus dem Besitz des Kunsthändlers Paul Rosenberg handelt.
Bernhard Kretschmar, «Strassenbahn», undatiertes Aquarell
Bernhard Kretschmar, «Strassenbahn», undatiertes Aquarell
Christoph Voll, «Sprengmeister Hantsch», Zeichnung 1922
Christoph Voll, «Sprengmeister Hantsch», Zeichnung 1922
Christoph Voll, «Mönch», Aquarell 1921
Christoph Voll, «Mönch», Aquarell 1921
Théodore Rousseau, «Vue de la vallée de la Seine», undatierte Zeichnung
Théodore Rousseau, «Vue de la vallée de la Seine», undatierte Zeichnung
Otto Griebel, «Die Verschleierte», Aquarell 1926
Otto Griebel, «Die Verschleierte», Aquarell 1926
Wilhelm Lachnit, «Mann und Frau am Fenster», Aquarell 1923
Wilhelm Lachnit, «Mann und Frau am Fenster», Aquarell 1923
Wilhelm Lachnit, «Mädchen am Tisch», Aquarell 1923
Wilhelm Lachnit, «Mädchen am Tisch», Aquarell 1923
Auguste Rodin, «Etude de femme nue debout, les bras relevés, les mains croisées au-dessus de la tête», undatierte Zeichnung
Auguste Rodin, «Etude de femme nue debout, les bras relevés, les mains croisées au-dessus de la tête», undatierte Zeichnung
Conrad Felixmüller, «Paar in Landschaft», Aquarell 1924
Conrad Felixmüller, «Paar in Landschaft», Aquarell 1924
Fritz Maskos, «Sinnende Frau», Druckgrafik 1922
Fritz Maskos, «Sinnende Frau», Druckgrafik 1922
Erich Fraass, «Mutter und Kind», Aquarell 1922
Erich Fraass, «Mutter und Kind», Aquarell 1922
Bonaventura Genelli, «Männlicher Akt», undatierte Zeichnung
Bonaventura Genelli, «Männlicher Akt», undatierte Zeichnung
Hans Christoph, «Paar», Aquarell 1924
Hans Christoph, «Paar», Aquarell 1924
Ludwig Godenschweg, «Weiblicher Akt», undatierte Druckgrafik
Ludwig Godenschweg, «Weiblicher Akt», undatierte Druckgrafik
Ludwig Godenschweg, «Männliches Bildnis», undatierte Druckgrafik
Ludwig Godenschweg, «Männliches Bildnis», undatierte Druckgrafik
Otto Dix, «Dompteuse», Aquarell 1922
Otto Dix, «Dompteuse», Aquarell 1922
Otto Dix, «Dame in der Loge», Aquarell, 1922
Otto Dix, «Dame in der Loge», Aquarell, 1922
Carl Spitzweg, «Das Klavierspiel,» Zeichnung, um 1840
Carl Spitzweg, «Das Klavierspiel,» Zeichnung, um 1840
Honoré Damuier, «Don Quichote und Sancho Panza», Gemälde, um 1865
Honoré Damuier, «Don Quichote und Sancho Panza», Gemälde, um 1865
Befindet sich auf der im Internet veröffentlichten Liste: Das «Kind am Tisch» von Otto Griebels.
Befindet sich auf der im Internet veröffentlichten Liste: Das «Kind am Tisch» von Otto Griebels.
Grosser Fund: Das bis anhin unbekannte Selbstporträt von Otto Dix wird an der Pressekonferenz den Medien präsentiert.
Grosser Fund: Das bis anhin unbekannte Selbstporträt von Otto Dix wird an der Pressekonferenz den Medien präsentiert.
Von Gustave Courbets Bild «Mädchen mit Ziege» gibt es zwei Versionen, die beide im Werkverzeichnis deklariert sind. Das beschlagnahmte Bild wurde laut der Kunsthistorikerin Meike Hoffmann erst 1949 auf einer Auktion versteigert. Das Bild geriet also erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in die Sammlung Gurlitt.
Von Gustave Courbets Bild «Mädchen mit Ziege» gibt es zwei Versionen, die beide im Werkverzeichnis deklariert sind. Das beschlagnahmte Bild wurde laut der Kunsthistorikerin Meike Hoffmann erst 1949 auf einer Auktion versteigert. Das Bild geriet also erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in die Sammlung Gurlitt.
Eine Zeichnung von Carl Spitzweg: «Das musizierende Paar» ist eine Vorzeichnung zu einem Gemälde, das im Werkverzeichnis erfasst ist.
Eine Zeichnung von Carl Spitzweg: «Das musizierende Paar» ist eine Vorzeichnung zu einem Gemälde, das im Werkverzeichnis erfasst ist.
Marc Chagall: Gouache einer allegorischen Szene, nicht im Werkverzeichnis enthalten. Die Herkunft ist nicht eindeutig bestimmt.
Marc Chagall: Gouache einer allegorischen Szene, nicht im Werkverzeichnis enthalten. Die Herkunft ist nicht eindeutig bestimmt.
Max Liebermann: Neben dem Gemälde «Zwei Reiter am Strand» wurden weitere Zeichnungen und Skizzen Liebermanns gefunden.
Max Liebermann: Neben dem Gemälde «Zwei Reiter am Strand» wurden weitere Zeichnungen und Skizzen Liebermanns gefunden.
Franz Marc: Gouache, «Landschaft mit Pferden», Herkunft: Kunst- und Gewerbemuseum in Moritzburg.
Franz Marc: Gouache, «Landschaft mit Pferden», Herkunft: Kunst- und Gewerbemuseum in Moritzburg.
Diese Radierung Canalettos zeigt eine Ansicht von Padua. Die Herkunft ist nicht geklärt.
Diese Radierung Canalettos zeigt eine Ansicht von Padua. Die Herkunft ist nicht geklärt.
Ernst Ludwig Kirchners Farbholzschnitt mit Motiv eines Mädchens: In dieser Farbigkeit war die Druckgrafik Kirchners bisher nicht bekannt.
Ernst Ludwig Kirchners Farbholzschnitt mit Motiv eines Mädchens: In dieser Farbigkeit war die Druckgrafik Kirchners bisher nicht bekannt.
Leitet die Taskforce zur Sammlung Gurlitt: Kunsthistorikerin Meike Hoffmann an der Medienkonferenz zum Münchner Kunstfund. (5. November 2013)
Leitet die Taskforce zur Sammlung Gurlitt: Kunsthistorikerin Meike Hoffmann an der Medienkonferenz zum Münchner Kunstfund. (5. November 2013)
Meike Hoffmann vor einer Projektion eines der gefundenen Bilder.
Meike Hoffmann vor einer Projektion eines der gefundenen Bilder.
Der Leiter der Staatsanwaltschaft, Reinhard Nemetz (M.), an der Medienkonferenz zum Münchner Kunstfund. (5. November 2013)
Der Leiter der Staatsanwaltschaft, Reinhard Nemetz (M.), an der Medienkonferenz zum Münchner Kunstfund. (5. November 2013)
Über 100 Journalisten fanden sich zur Medienkonferenz ein.
Über 100 Journalisten fanden sich zur Medienkonferenz ein.
Hier wurden die Werke über ein halbes Jahrhundert gehortet: Eingang zum Haus mit Cornelius Gurlitts Wohnung in München. (4. November 2013)
Hier wurden die Werke über ein halbes Jahrhundert gehortet: Eingang zum Haus mit Cornelius Gurlitts Wohnung in München. (4. November 2013)
Machte den historischen Fund bereits im Frühjahr 2011: Zollbehörde in München. (4. November 2013)
Machte den historischen Fund bereits im Frühjahr 2011: Zollbehörde in München. (4. November 2013)
Cornelius Gurlitt – hier das Wohnhaus von aussen – ist der Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, der die Werke in den 30er- und 40er-Jahren aufgekauft hatte.
Cornelius Gurlitt – hier das Wohnhaus von aussen – ist der Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, der die Werke in den 30er- und 40er-Jahren aufgekauft hatte.
Handelte mit «entarteter Kunst»: Hildebrand Gurlitt. Ausriss aus dem Magazin «Focus» vom 4. November 2013.
Handelte mit «entarteter Kunst»: Hildebrand Gurlitt. Ausriss aus dem Magazin «Focus» vom 4. November 2013.
Der Berner Galerist Eberhard Kornfeld hat in der Vergangenheit mit Cornelius Gurlitt Geschäfte gemacht. (Archiv)
Der Berner Galerist Eberhard Kornfeld hat in der Vergangenheit mit Cornelius Gurlitt Geschäfte gemacht. (Archiv)
Bei den gefundenen Bildern handelt es sich um Werke von bekannten Künstlern: Der Maler Pablo Picasso.
Bei den gefundenen Bildern handelt es sich um Werke von bekannten Künstlern: Der Maler Pablo Picasso.
Aufgetaucht: «Die grossen blauen Pferde» von Franz Marc aus dem Jahr 1911.
Aufgetaucht: «Die grossen blauen Pferde» von Franz Marc aus dem Jahr 1911.
Max Beckmanns «Der Löwenbändiger» galt seit Jahrzehnten als verschollen.
Max Beckmanns «Der Löwenbändiger» galt seit Jahrzehnten als verschollen.
Das Kölner Auktionshaus Lempertz bestätigt, den «Löwenbändiger» in eine Auktion aufgenommen zu haben. (3. November 2013)
Das Kölner Auktionshaus Lempertz bestätigt, den «Löwenbändiger» in eine Auktion aufgenommen zu haben. (3. November 2013)
Auch Kunstwerke von HenriMatisse, ...
Auch Kunstwerke von HenriMatisse, ...
...von OttoDix...
...von OttoDix...
...sowie von Marc Chagall lagerten neben Müll in der Wohnung von Cornelius Gurlitt.
...sowie von Marc Chagall lagerten neben Müll in der Wohnung von Cornelius Gurlitt.
Historischer Moment: US-General Dwight D.Eisenhower (vorne) inspiziert mit General Omar Nelson Bradley (links) und Generalleutnant George Patton (hinter Eisenhower) eine Salzmine bei Gotha,  wo das  Naziregime  geplünderte Gemälde und andere Schätze lagerte. Bild vom 12.April 1945.
Historischer Moment: US-General Dwight D.Eisenhower (vorne) inspiziert mit General Omar Nelson Bradley (links) und Generalleutnant George Patton (hinter Eisenhower) eine Salzmine bei Gotha, wo das Naziregime geplünderte Gemälde und andere Schätze lagerte. Bild vom 12.April 1945.
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«Ich beneide Matthias Frehner nicht», sagt Provenienzforscherin Anja Heuss. «Nimmt das Kunstmuseum Bern das Gurlitt-Erbe an, kommen gewaltige Herausforderungen auf den Direktor zu.» Es werde nicht möglich sein, diese «kontaminierten» Bilder auszustellen, ohne dass Journalisten den Mahnfinger erhöben: Wurde die Herkunft von Werk X oder von Werk Y geprüft? Heuss weiss, wovon sie spricht. Die Deutsche beschäftigt sich seit 25 Jahren mit Kunst- und Kulturgutraub. Sie ist Co-Autorin des Bergier-Bandes «Fluchtgut – Raubgut» über den Transfer von Kulturgütern in die Schweiz 1933 bis 1945. Aktuell ist Heuss an der Staatsgalerie Stuttgart und am Landesmuseum Württemberg als Provenienzforscherin tätig.

Auf Einladung der Universität Bern hat Heuss vergangene Woche im Rahmen der Vortragsreihe «Looted Art – Provenienzforschung am Museum» ein Referat gehalten. Sie sprach über die Herausforderungen ihrer Tätigkeit. Der Beruf des Provenienzforschenden sei noch sehr jung und werde auffällig oft von Frauen gewählt, so Heuss. Woran das liegen mag? «Anfangs galt dieser Forschungszweig als ausgesprochen brotlos. Gut möglich, dass dies männliche Kollegen abgeschreckt hat», mutmasst Heuss.

Unter den Teppich gekehrt

Provenienzforschenden stünden oft nur marginale Angaben über problematische Kunstwerke zur Verfügung, so Heuss. «Viele Akten und Bestände sind in den Wirrungen des Krieges verloren gegangen. Geschädigte, ob Personen jüdischer Herkunft oder zur Zeit des Nationalsozialismus politisch Verfolgte, oft nicht mehr eruierbar.» Seit der Washingtoner Konferenz von 1998 stehen den Provenienzforschenden Datenbanken zur Verfügung. Zuvor wurde seitens der Museen kaum nach der Herkunft eines Kunstgegenstandes gefragt. Und wenn man wusste, dass man etwas Problematisches im Haus hatte, wurde dieses Wissen gerne unter den Teppich gekehrt, wie Heuss sagt. Dabei könnten die Untersuchungen eines hauseigenen Provenienzforschenden für Museen durchaus von Nutzen sein. «Die Dokumentation des Sammlungsbestandes bekommt dadurch mehr Tiefe», sagt Heuss. Recherchen fänden allerdings nie auf neutralem Terrain statt. «Man kann keine Einschätzung schreiben, ohne dass diese für jemanden finanzielle Folgen hat oder jemand enttäuscht wird.»

Mit der Gurlitt-Sammlung beschäftigt sich indes kein Einzelner, sondern eine ganze Taskforce. Diese ist zuletzt scharf kritisiert worden. Heuss mag sich dazu allerdings nicht äussern.

«Das Kunstmuseum Bern wird die Werke nie ohne Holocaustzusammenhang ausstellen können», sagt Heuss. Sie bedaure das. Man fragt sich, warum. Auch für das Kunstmuseum muss im Falle einer Annahme der Erbschaft gelten: dass die belasteten Werke im historischen Kontext adäquat präsentiert werden, ist eine moralische Pflicht.

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