Bildern mit heikler Herkunft auf der Spur

An der Uni Bern sprach die deutsche Herkunftsforscherin Anja Heuss (50) über die Herausforderungen ihres Berufes. Dabei kam auch die Debatte um den Gurlitt-Nachlass zur Sprache.

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Helen Lagger@FuxHelen

«Ich beneide Matthias Frehner nicht», sagt Provenienzforscherin Anja Heuss. «Nimmt das Kunstmuseum Bern das Gurlitt-Erbe an, kommen gewaltige Herausforderungen auf den Direktor zu.» Es werde nicht möglich sein, diese «kontaminierten» Bilder auszustellen, ohne dass Journalisten den Mahnfinger erhöben: Wurde die Herkunft von Werk X oder von Werk Y geprüft? Heuss weiss, wovon sie spricht. Die Deutsche beschäftigt sich seit 25 Jahren mit Kunst- und Kulturgutraub. Sie ist Co-Autorin des Bergier-Bandes «Fluchtgut – Raubgut» über den Transfer von Kulturgütern in die Schweiz 1933 bis 1945. Aktuell ist Heuss an der Staatsgalerie Stuttgart und am Landesmuseum Württemberg als Provenienzforscherin tätig.

Auf Einladung der Universität Bern hat Heuss vergangene Woche im Rahmen der Vortragsreihe «Looted Art – Provenienzforschung am Museum» ein Referat gehalten. Sie sprach über die Herausforderungen ihrer Tätigkeit. Der Beruf des Provenienzforschenden sei noch sehr jung und werde auffällig oft von Frauen gewählt, so Heuss. Woran das liegen mag? «Anfangs galt dieser Forschungszweig als ausgesprochen brotlos. Gut möglich, dass dies männliche Kollegen abgeschreckt hat», mutmasst Heuss.

Unter den Teppich gekehrt

Provenienzforschenden stünden oft nur marginale Angaben über problematische Kunstwerke zur Verfügung, so Heuss. «Viele Akten und Bestände sind in den Wirrungen des Krieges verloren gegangen. Geschädigte, ob Personen jüdischer Herkunft oder zur Zeit des Nationalsozialismus politisch Verfolgte, oft nicht mehr eruierbar.» Seit der Washingtoner Konferenz von 1998 stehen den Provenienzforschenden Datenbanken zur Verfügung. Zuvor wurde seitens der Museen kaum nach der Herkunft eines Kunstgegenstandes gefragt. Und wenn man wusste, dass man etwas Problematisches im Haus hatte, wurde dieses Wissen gerne unter den Teppich gekehrt, wie Heuss sagt. Dabei könnten die Untersuchungen eines hauseigenen Provenienzforschenden für Museen durchaus von Nutzen sein. «Die Dokumentation des Sammlungsbestandes bekommt dadurch mehr Tiefe», sagt Heuss. Recherchen fänden allerdings nie auf neutralem Terrain statt. «Man kann keine Einschätzung schreiben, ohne dass diese für jemanden finanzielle Folgen hat oder jemand enttäuscht wird.»

Mit der Gurlitt-Sammlung beschäftigt sich indes kein Einzelner, sondern eine ganze Taskforce. Diese ist zuletzt scharf kritisiert worden. Heuss mag sich dazu allerdings nicht äussern.

«Das Kunstmuseum Bern wird die Werke nie ohne Holocaustzusammenhang ausstellen können», sagt Heuss. Sie bedaure das. Man fragt sich, warum. Auch für das Kunstmuseum muss im Falle einer Annahme der Erbschaft gelten: dass die belasteten Werke im historischen Kontext adäquat präsentiert werden, ist eine moralische Pflicht.

Berner Zeitung

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