Biber – vom geschützten Nager zum Buhmann

Bern

Die Zahl der Biber ist massiv gestiegen, inzwischen leben nirgendwo in der Schweiz so viele dieser geschützten Tiere wie im Bernbiet. Doch es herrscht nicht eitel Freude über den nachtaktiven Nager.

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Er ist ein guter Schwimmer, kann bis zu zwanzig Minuten lang tauchen und ist dank seinem unbehaarten Schwanz (Kelle) unter Wasser ebenso beweglich wie an Land: Der Biber, Anfang des 19.Jahrhunderts vom Aussterben bedroht, meldet sich zurück. Schweizweit ist die Zahl dieser putzigen Tiere seit der letzten Erhebung im Jahr 2008 von 1600 auf heute rund 2800 Biber gestiegen.

Im Kanton Bern wuchs die Biberpopulation in der gleichen Periode sogar noch stärker an: von 292 auf 745 Tiere, was einer Zunahme innerhalb von nur sieben Jahren um über 255 Prozent entspricht. Das geht aus einer neuen Bestandeserhebung hervor, welche Pro Natura Bern im Auftrag des kantonalen Jagdinspektorates im letzten Winter durchgeführt hat.

Damit hat Bern den Thurgau als biberreichster Kanton der Schweiz überholt. Für die massive Bestandeszunahme führen die beiden Autoren der Studie, David Gerke und Christof Angst, zwei Gründe an: Wo 2008 noch Einzeltiere und Paare lebten, sind es heute ganze Familien.

Und: Der Biber hat sich stark ausgebreitet und sich auch in mittleren und kleineren Gewässern angesiedelt. So hat sich im fraglichen Zeitraum auch die Zahl der Reviere verdoppelt: von 99 auf 199. Die Berner Flüsse und Seen seien mittlerweile mit Ausnahme des Berner Juras, des Oberlandes und des oberen Emmentals «fast flächendeckend besiedelt», schreiben die Autoren.

Neue Familienreviere sind vor allem in mittleren Gewässern entstanden wie in der Gürbe, der Limpach, der Ösch, der Önz, der Urtenen. Insbesondere zwischen Wohlensee und Interlaken hat sich der Biber ausgebreitet, im bis 2008 biberfreien Oberaargau sind inzwischen sämtliche kleineren Gewässereinzugsgebiete besiedelt. Die Biber würden mittlerweile sogar mitten in Städten wie Bern und Biel leben, weiss Christof Angst von der Biberfachstelle, die er im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) führt.

Zunehmende Schäden

Die massiv gewachsene Biberpopulation freut die Naturschützer, denn der Biber ist ein verlässlicher Partner bei der Revitalisierung von Gewässern. Die Kehrseite: Auch die durch den eifrigen Nager entstandenen Schäden nehmen zu. «Es gibt zahlreiche Konflikte zwischen Mensch und Biber», hält die Studie fest. Da wären einmal die direkten Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen – der Biber mag Zuckerrüben und Mais und fällt auch Nutzholz.

Diese Art von Schäden wird von Bund und Kanton Bern zu gleichen Teilen vergütet. Mit 2000 bis 5000 Franken hielten sich die Entschädigungen bisher allerdings in Grenzen, letztes Jahr wurde ausnahmsweise – infolge von Überschwemmungen – die bisher höchste Summe von 18'000 Franken ausbezahlt. Landesweit werden diese Kulturschäden auf jährlich knapp 50'000 Franken geschätzt.

Doch vor allem im Berner Seeland steigt der Unmut über den Biber. «Das ist zunehmend ein Problem», sagt Jakob Etter, Gemüsebautechniker in Treiten, BDP-Grossrat und Mitglied der kantonalen Biberbegleitgruppe. Denn der Biber gräbt sich durch Ufer und Böschungen, baut Höhlen und Rückzugslöcher und beschädigt so Hochwasserschutzdämme und Wege entlang der Bachläufe.

Und diese Schäden kosten ein Mehrfaches. Offiziell liegen zwar keine konkreten Zahlen vor, aber in einer vor drei Jahren durchgeführten Umfrage im Seeland gab allein die Flurgenossenschaft Ins-Gampelen-Gais an, sie rechne mit 20'000 bis 30'000 Franken für das Instandstellen und Sichern von Kanalböschungen und Wegsanierungen.

Das Problem: Diese Infrastrukturschäden werden bislang nicht abgegolten. Das wollte Grossrat Etter zwar mit einem im Kantonsparlament überwiesenen Postulat ändern, aber die Regierung verwies auf die nationale Bühne und auf eine gleich lautende Motion der Freiburger SP-Nationalrätin Valérie Piller, die allerdings letztes Jahr versenkt wurde. Noch ist das Thema nicht vom Tisch: Neu liegt eine Standesinitiative des Kantons Thurgau vor, die wohl in der nächsten Legislaturperiode behandelt wird.

Notfalls Abschuss

«Das ist tatsächlich ein Konflikt», bestätigt der Biberspezialist Christof Angst. Nur gehen die Meinungen auseinander, wie er gelöst werden soll. Während unter Landwirten der Ruf nach biberfreien Gebieten laut wird, winken Fachleute wie Angst ab: «Wird ein Revier leer gefegt, kommt einfach der nächste rein.» Das Problem sei, weiss auch Etter, «dass die Populationen sich untereinander nicht vertragen». Zudem beansprucht eine Biberfamilie ein Revier von gut und gerne einem Kilometer Uferlänge, was zur raschen örtlichen Ausbreitung der Bibergebiete beiträgt.

«Es ist dringend, dass der Bund sein Biberkonzept überarbeitet», sagt Karin Thürer, die stellvertretende Jagdinspektorin des Kantons, und verweist auf die aktuelle Revisionsvorlage, die das Bafu im Juni in die Konsultation geschickt hat. Demnach gilt der Biber nach wie vor als geschütztes Tier.

Doch neu kann der Kanton laut Bundesumweltamt «bei einer erheblichen Gefährdung von Infrastrukturen im öffentlichen Interesse» und mit Zustimmung des Bafu sämtliche Biber in einem gefährdeten Gewässerabschnitt entfernen. Konkret heisst das: Umsiedlung in ein anderes Revier, was in einem schon gut besetzten Kanton wie Bern schwierig sein dürfte, oder Abschuss.

Dazu ist noch die Jagdverordnung von 2012 anzupassen. Das Entfernen der Biber wäre allerdings bloss als kurzfristige Massnahme gedacht, bis die Dämme anderweitig, beispielsweise mit Drahtgittern, vor dem Biber gesichert wären. Inzwischen ist die Anhörung des revidierten Konzeptes abgeschlossen, auf Ende Jahr soll es in Kraft gesetzt werden.

Mehr Freiräume

Biberexperten wie Christof Angst bleiben skeptisch. Unter gewissen Voraussetzungen sei ein Abschuss oder eine Regulation zwar kein Problem. Sie möchten dem Biber aber lieber mehr Freiraum überlassen mit Pufferzonen entlang der Gewässer, weil so Konflikte langfristig vermieden werden könnten.

Dazu wären bis zu zehn Meter breite Uferstreifen nötig, also Land, das der Landwirtschaft genommen würde. «Das ist ein Riesenpolitikum», erklärt Angst und erinnert an die Kulturland- und Selbstversorgungsinitiative. Im Moment werde kein Quadratmeter für die Renaturierung der Gewässer abgegeben. «Die Bauern sehen sich als grosse Verlierer, weil sie Land abgeben müssten», weiss Christof Angst und befürchtet: «Da wird der Biber zum Buhmann.»

Berner Zeitung

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