Beten in Bern - ein Besuch bei sieben Glaubensgemeinschaften

Religion: Pompöse Kirchen, unauffällige Synagogen und versteckte Gebetsräume: In Bern praktizieren die unterschiedlichsten Gemeinschaften ihren Glauben.

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Von aussen sieht man dem Reihenhaus in der ruhigen Wohnsiedlung in Worblaufen nicht an, dass hier ein praktizierender Buddhist lebt. Erst im Innern fällt eine Kommode im Wohnzimmer auf, auf der vier kleine Schalen aus Kupfer stehen. Sie sind mit Wasser und kleinen Steinchen gefüllt. Die gleichen Schalen, diesmal aus echtem Silber, finden sich auch im ersten Stock, wo sich die Familie einen kleinen Gebetsraum eingerichtet hat. Auf einem Regal sind die wichtigsten Gegenstände für buddhistische Rituale aufgestellt. Die kleinen Buddhafiguren aus vielen verschiedenen Ländern strahlen Frieden aus. Für Heera Gurung beginnt der Tag mit dem Glauben und hört auch mit dem Glauben auf.

Längst leben nicht mehr nur Christen im Raum Bern. Neben den weitherum sichtbaren christlichen Kirchen haben sich in der ganzen Stadt Glaubensgemeinschaften angesiedelt, die mehr oder weniger sichtbar ihre Religion ausüben. In Bern sind rund 70,2 Prozent der Bevölkerung Christen. 11,9 Prozent üben eine andere Religion aus.

Kein Zutritt

Während die Buddhisten in Bern keinen Tempel haben, ist der Tempel der Mormonen schon von weitem sichtbar – sogar vom Gurten aus. Der Rasen vor dem aufstrebenden weissen Sakralbau ist kurz geschnitten, die Blumen sind frisch gegossen und der Weg ist sauber gewischt. Die Umgebung macht einen sehr friedlichen und strengen Eindruck. Vor dem Tempel steht eine Gruppe Mormonen, gekleidet in weisse Hemden und farbige Krawatten. Einem Mormonen werde schon im Kindesalter strukturiertes Denken beigebracht, denn es wird sehr viel Wert auf Erziehung gelegt.

Um andere von ihrer Religion zu überzeugen, reisen junge Mormonen beinahe um den ganzen Globus. Zutritt zum Tempel erhält aber nur, wer einen Tempelschein hat. Um diesen zu erlangen, brauche es eine «gewisse Reinheit», sagt Bischof Thomas Müller. Während des Gottesdiensts im benachbarten Gemeindehaus herrscht dagegen eine lockere Atmosphäre: Ein Mann tippt auf seinem Tablet herum, die Kinder spielen am Boden mit Spielzeugautos. Die Erwachsenen führen leise Gespräche miteinander, während Missionare, Bischöfe und Gemeindemitglieder am Rednerpult ihre Vorträge halten.

«Meine kleine Tora»

Auch die Juden besitzen in Bern eine eigene Gebetsstätte, die Synagoge. Sie ist jedoch im Gegensatz zum Mormonentempel sehr unscheinbar, trotz ihrer hohen Fenster und dem riesigen Davidstern. Beim Betreten der Synagoge durch die zweiflüglige Holztür blickt man durch einen Gang zwischen den Stühlen auf das Lesepult. Es ist ganz ruhig, und man verspürt eine gewisse Ehrfurcht. Trotzdem erscheint der Raum warm, die Wände sind rot und orange gestrichen.

In der Bibliothek der jüdischen Gemeinde ist die Atmosphäre deutlich familiärer als in der Synagoge. Drei Kinder schauen sich gemeinsam «Meine kleine Tora» an, während die Eltern sich unterhalten. Rabbiner Polnauer trägt ein blau kariertes Hemd, auf dem Kopf eine Kippa, und an den Füssen Nike-Schuhe. So vereint er Tradition und Moderne.

Beten im Keller

Obwohl in der Schweiz 4,26 Prozent der Bevölkerung dem Islam angehören, sind ihre Gebetsstätten in Bern sehr unauffällig. Das Zentrum nahe dem Güterbahnhof liegt im Keller eines unscheinbaren Hauses. Es ist einer von sieben Gebetsorten in der Stadt. Sie gelten für Muslime nicht als Moscheen, da eine Moschee streng genommen nur ein vom Staat anerkanntes Haus Allahs ist. Am Eingang des Kellers müssen die Schuhe ausgezogen werden. Frauen und Männer beten in getrennten Räumen. Die Frauen bedecken sich mit einem Tuch, welches sie auch direkt vor Ort beziehen können, falls sie kein eigenes mitgebracht haben. Während des Gottesdiensts im islamischen Zentrum sitzt der Imam, der Mann, der die Predigt hält, leicht erhöht auf einem kleinen Podest. Die Zuhörer schauen und beten in Richtung des heiligen Ortes Mekka.

In der christlichen Kirche in Wabern schaut der Pfarrer nicht mehr von oben herab auf seine Gemeinde. Er befindet sich mitten unter den Gläubigen, auf demselben Boden. «Niemand soll abheben», erklärt Pfarrer Bernhard Neuenschwander, «auch der Pfarrer nicht.» Deswegen wurde vor elf Jahren die traditionelle Opposition zwischen Pfarrer und Publikum aufgebrochen.

Raum zum Atmen

Durch den Umbau der Kirche 2004 gibt es in der Mitte viel leeren Raum. Für den Pfarrer bedeutet diese Leere die Anwesenheit Gottes mitten unter den Leuten. Leerraum sei definitionsgemäss eigentlich nichts und doch steche er beim Betreten der Kirche gleich ins Auge. «Nichts und doch Etwas. Man könnte ihn als unnötig bezeichnen», so Neuenschwander. Dennoch biete er den notwendigen Raum zum Atmen. «Unnötig und doch notwendig. Genauso verhält es sich mit Gott. Man kann ihn wie den leeren Raum als nichts betrachten, und doch ist er immer da und gibt das Gefühl von Platz und Freiheit.» Trotz dem ganz neu gestalteten Innenraum sieht die Kirche in Wabern von aussen immer noch gleich aus wie früher. Auf dem Dach ist der für reformierte Kirchen typische Hahn.

Hinduisten haben im Gegensatz zu vielen anderen Religionen mehrere Götter und glauben an die Wiedergeburt. Die hinduistischen Frauen tragen während des Gottesdienstes meist ein langes Stofftuch, welches sie sich um den Körper wickeln, einen sogenannten Sari. Der Hindutempel in Bern befindet sich im Haus der Religionen. Der Tempel ist sehr farbig gestaltet, und in den Fenstern werden die Gottheiten abgebildet. Es gibt einen Hauptgott, Sivaperuman, welcher als Vater aller Götter gilt. «Ich bin als Hindu geboren und werde auch als Hindu weiterleben», sagt die Priesterin Mala Jeyakumar.

Bibel als Anleitung

Im Glaubenszentrum der Zeugen Jehovas sind keine religiösen Symbole oder Figuren zu finden, sondern Bibelzitate und Lobpreisungen Jehovas. Beim Betreten wirkt alles sehr aufgeräumt und organisiert. Ein grosser Tresen mit Broschüren über die Zeugen Jehovas steht im Eingangsbereich. Von aussen erinnert das Glaubenszentrum der Zeugen Jehovas in Liebefeld an einen Bürokomplex. Von der Kleidung her würden die Gemeindemitglieder in eine Bank passen. Laut Marcel Jungi, der als Ältester eine Art Bischof der Gemeinschaft ist, betrachten die Zeugen Jehovas die Bibel als eine Art Lebensanleitung.

Die Traditionen und Bräuche sind bei allen Religionen sehr verschieden. Während beim Christentum und beim Buddhismus keine Vorschriften vorliegen, wie man sich während des Betens kleiden sollte, werden bei anderen Religionen klare Regeln vorgegeben. So unterschiedlich oder auch gleich die verschiedenen Gebetsstätten in Bern sein mögen, für die Gläubigen, die sie besuchen, haben sie eine spezielle Bedeutung. Sie sind ein Teil von Heimat, egal wie weit weg von zu Hause sie sich befinden.

Der obige Text ist ein Zusammenzug aller Reportagen, welche die Klasse geschrieben hat. Alle sieben Interviews und Reportagen finden Sie hier.

Berner Zeitung

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