Bestatter kritisieren Leichenschau

Stadt Bern

Um nicht erkannten unnatürlichen Todesfällen auf die Spur zu kommen, will der Rechtsmediziner Christian Jackowski im Krematorium Bern Leichen untersuchen. Bestatter fordern nun aber, dass Jackowski dieses Forschungsprojekt beerdigt.

<b>Für die Kremationsleichenschau</b>: Rechtsmediziner Christian Jackowski.

Für die Kremationsleichenschau: Rechtsmediziner Christian Jackowski.

(Bild: Christian Pfander)

Jürg Steiner@Guegi

Man spürt aus jeder Zeile, dass Kurt Nägeli und Gyan Härri mit sich gerungen haben, ehe sie ihre Empörung zu Papier brachten. Doch nun haben die beiden Bestatter des Berner Bestattungsunternehmens Aurora einen Brief veröffentlicht, in dem sie Christian Jackowski, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Bern, heftig angreifen.

Jackowski will im Krematorium Bern demnächst ein Forschungsprojekt starten, in dem während eines Jahres alle Verstorbenen, denen der Arzt einen natürlichen Tod bescheinigte, noch einmal rechtsmedizinisch untersucht werden (wir berichteten). Mit dieser sogenannten Kremationsleichenschau möchte Jackowski herausfinden, ob die Dunkelziffer nicht erkannter unnatürlicher Todesfälle tatsächlich so hoch ist, wie Rechtsmediziner befürchten: dass in der Schweiz auf jedes aufgeklärte ­Tötungsdelikt mindestens eines kommt, das unentdeckt bleibt.

Pro Jahr werden mindestens 2500 Leichen zum Krematorium Bern gefahren, denen der Arzt ein natürliches Ableben bescheinigt hat. Für sie interessiert sich Jackowski. Er und sein Team werden diese Leichname aus dem Sarg heben, ausziehen, äusserlich untersuchen und wieder zurückbetten, ehe sie kremiert werden.

«Fremdes Eigentum»

Für die Bestatter Nägeli und Härri vergreift sich Jackowski damit «ohne Anfangsverdacht, ohne gesetzliche Grundlage und ohne Anordnung eines Staatsanwalts an fremdem Eigentum». Der Sarg und die verstorbene Person würden den Angehörigen gehören – also, folgern die Bestatter, müsste man ihr Einverständnis haben für eine Leichenschau.

«Es steht den ­Angehörigen frei, die Feuerbestattung in einem anderen ­Krematorium vornehmen zu lassen.»Silvana Pletscher, Krematorium

Es sei unmöglich, einen Sarg, in dem oft «liebevoll angezogene Verstorbene liegen» und sehr persönliche Gegenstände, noch einmal zu öffnen, ohne die Privatsphäre erheblich zu verletzen. Die Trauerarbeit der Hinterbliebenen könne empfindlich gestört werden, zudem stelle sich die Frage, ob die gesetzlich garantierte Totenruhe tangiert werde. Die Aurora-Bestatter bezweifeln auch die Aufklärungseffizienz der Krematoriumleichenschau: Sie befürchten, dass vor allem zusätzlicher Verdacht geweckt werde, der zu einer «Mengenausweitung von Obduzierten» führe, aber wohl eher nicht zu neuen Erkenntnissen.

«Erhöhtes Risiko»

Hart kritisieren die Bestatter auch das Krematorium Bern, das die Interessen eines Forschers höher zu gewichten scheine als diejenige seiner Kunden. Die Forderung an Rechtsmediziner Jackowski ist unmissverständlich: Er solle «von seinem Projekt in dieser Form Abstand nehmen» und Wege suchen, um die Rechte und Interessen der Trauerfamilien besser zu berücksichtigen – in Form ihres expliziten Einverständnisses.

«Der Sarg und die verstorbene Person gehören den ­Angehörigen.»Gyan Härri, Aurora

Auf Anfrage weisen Christian Jackowski und Silvana Pletscher, Geschäftsführerin des Krematoriums, in einer gemeinsamen Stellungnahme die Kritik der Aurora-Bestatter zurück. Es würde dem Studienzweck zuwiderlaufen, das Einverständnis der Angehörigen einzuholen, halten sie fest – weil wohl niemand einer Leichenschau zustimmt, wenn er etwas zu verbergen hat.

Es bestehe ein öffentliches Interesse daran, schwere Straftaten aufzuklären – und deshalb gehe es den Interessen von Angehörigen vor, argumentieren Pletscher und Jackowski. Juristische Abklärungen hätten ergeben, dass an der Durchführung des Forschungsprojekts keine rechtlichen Bedenken bestünden. Klaus Feller, der für Medizinalfragen zuständige Berner Staatsanwalt, bestätigt auf Anfrage, dass der im Universitätsgesetz verankerte Forschungsauftrag seiner Auffassung nach als gesetzliche Grundlage für die temporäre Kremationsleichenschau genüge.

Silvana Pletscher und Christian Jackowski halten fest, dass es den Angehörigen, aber auch den Bestattern als ihren Treuhändern freigestellt sei, die Feuerbestattung in einem anderen Krematorium als in Bern vornehmen zu lassen. Über den wahren Hintergrund der ablehnenden Haltung könne nur spekuliert werden, sagen sie. Aber es bestehe ein erhöhtes «Risiko, dass mit dem Leichnam etwas nicht stimmt».

Berner Zeitung

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