«Berührung bedeutet auch Reibung»

Kanton Freiburg

Im Interview spricht der Freiburger Journalist und Autor Chris­tophe Büchi über sein Buch «Mariage de raison» – Vernunftehe und seine Erkenntnisse über die Sprachverhältnisse in der Schweiz.

Christophe Büchi.

Christophe Büchi.

(Bild: Charles Ellena)

Christophe Büchi, Ihr auf Französisch erschienenes Buch über das Verhältnis zwischen den Sprachgemeinschaften in der Schweiz heisst «Mariage de raison» – Vernunftehe. Kann eine Vernunftehe auch lustvoll sein?Christophe Büchi: Im Begriff «Vernunftehe» hat es zwei Botschaften. Negativ ist, dass es keine Liebesehe ist, dass sie nicht auf einer grossen Leidenschaft, ja nicht mal auf einem starken Interesse basiert. Aber positiv ist: Vernunft ist eine gute Sache. Eine Ehe, die auf einem vernünftigen Austausch von Interessen basiert, ist wahrscheinlich stabiler und nachhaltiger als eine, die auf Leidenschaft beruht.

Ist es auch im Kanton Freiburg eine Vernunftehe?In Freiburg kennen sich die Romands und die Deutschschweizer. Auf Schweizer Ebene ist das eher selten der Fall. In Freiburg verzahnen sich die Gemeinschaften viel stärker. Darum gibt es auch Friktionen: Berührung bedeutet auch Reibung.

Sie haben das Sprachenverhältnis zwischen Deutschschweiz und Romandie über Jahrhunderte zurückverfolgt. Können Sie drei Schlüsselmomente für dieses Verhältnis nennen?Ich würde mit 1291 beginnen. Wenn man die Sprachengeschichte der Schweiz erklärt, muss man zuerst die Schweizer Geschichte erzählen. Damals war es noch eine reine Deutschschweizer Angelegenheit. 1481 war ganz wichtig, mit dem Eintritt von Freiburg in die Eidgenossenschaft. Erstmals trat ein teilweise französischsprachiger Stand dem Bund bei. Und dann 1798: Das ist für mich die Erfindung der mehrsprachigen Schweiz.

In Gemeinden wie Murten wird die Zweisprachigkeit durch Fusionen mit rein deutschsprachigen Gemeinden etwas verwässert. Ist das problematisch?Auch im Bündnerland ist das Thema aktuell. Ich plädiere für die Respektierung des Territorialitätsprinzips, aber eher für ein temperiertes.

Wo sehen Sie für Freiburg Potenzial, damit das Verhältnis zwischen Deutsch und Französisch verbessert werden kann?Freiburg sollte noch viel stärker mit seiner Mehrsprachigkeit hausieren. In diesem Sinne finde ich den neu eingeführten Tag der Zweisprachigkeit sehr positiv. In diese Richtung müsste es gehen. Einzelne Institutionen wie die Uni nutzen das Zweisprachigkeitslabel, aber vielleicht könnte Freiburg eine Art Literaturfestival mit Fokus Mehrsprachigkeit auf die Beine stellen. Freiburg bräuchte einen jährlichen Event.

Wer müsste im Kanton Freiburg die Führungsrolle übernehmen?Wohl doch die Kantonsregierung. Jemand aus der Regierung müsste sich vorne hinstellen und sagen, er bewirtschafte ab nun die Zweisprachigkeit.

Freiburger Nachrichten

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt