Berns Fortschritte und chronische Beschwerden

Kanton Bern

Die kantonale Volkswirtschaftsdirektion hat im Auftrag dieser Zeitung überprüft, welche Befunde des Stocker-Risch-Berichts von 1968 noch stimmen.

Der Kanton Bern holt auf: Auf der Hauptverkehrsader mit Autobahn und Bahn 2000.

Der Kanton Bern holt auf: Auf der Hauptverkehrsader mit Autobahn und Bahn 2000.

(Bild: PD/SBB)

Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Auf der Volkswirtschaftsdirektion (VOL) des Kantons Bern erinnert man sich gut an den legendären Stocker-Risch-Bericht und seine aufrüttelnde Wirkung. Auf Einladung dieser Zeitung hat ein VOL-Team die damalige Analyse von Paul Stocker und Paul Risch mit der heutigen Wirtschaftslage abgeglichen. Ihr Fazit zeigt: Bern ist partiell vorangekommen, grundlegende Schwächen konnte der Kanton aber auch in den letzten 50 Jahren nicht korrigieren.

Produktivität: Der Kanton ist laut der VOL wettbewerbsfähiger geworden, beim Bruttoinlandprodukt pro Erwerbstätigen belegt er immerhin Platz 9 aller Kantone und liegt nur noch leicht unter dem nationalen Schnitt.

Das Berner Branchenlohnniveau erreicht ziemlich genau den nationalen Mittelwert. Je nach Branche ist die Wertschöpfung in einem volatiler gewordenen Umfeld partiell gestiegen.

Unternehmensstruktur: Der Berner Agrarsektor ist immer noch überdurchschnittlich gross. Die Unternehmensstruktur blieb wegen der Berner Topografie und Heterogenität kleinteilig. Das kann aber auch ein Vorteil sein, weil dann kein Klumpenrisiko besteht.

«Ein wirtschaftlicher Ausgleich zwischen den Berner Regionen gelingt bis heute nicht.»Volkswirtschaftsdirektion

Die kleinteilige KMU-Struktur ist überdies für die ganze Schweiz typisch. Im Kanton mit der Bundesstadt sind laut VOL vor allem die staatlichen und nicht private Betriebe gross. Staatsbetriebe seien aber weniger auf Wachstum ausgelegt als private. Der Uhrensektor sei zum Glück wieder stark, durch ihre Diversifizierung auf das ganze Feld der Mikrotechnik sei er zudem weniger konjunkturanfällig.

Steuern: Der Berner Ertrag aus den Bundessteuern ist immer noch unterdurchschnittlich, vor allem bei höheren Einkommen ist die Steuerbelastung hoch. Die Steuerschwäche liegt auch am hohen Anteil von Zupendlern, die in anderen Kantonen Steuern zahlen. Überdies ist die Bundesverwaltung nicht steuerpflichtig.

Bevölkerung: Der Kanton Bern hat hinter Zürich und Basel-Stadt den dritthöchsten Pendlersaldo, ist also keine Abwanderungs­region mehr. Dafür hat er die ungünstigere Altersstruktur als vor 50 Jahren.

Regionen: Eine wirtschaftliche Harmonisierung der Regionen durch Transferzahlungen gelingt bis heute nicht. Allerdings haben sich laut VOL die Erwartungen von Stocker und Risch an eine Förderung der Regionen als viel zu optimistisch erwiesen.

Heute betrachtet man die Förderung der Randregionen zur interregionalen Harmonisierung als unzweckmässig. Man weiss heute, dass die Wachstumsimpulse aus den Zentren kommen. Die Instrumente der Wirtschaftsförderung sind nicht mehr spezifisch auf Randregionen ausgerichtet.

Pfad der Stagnation? Steckt der Kanton Bern dort fest, wo ihn Stocker und Risch 1968 verorteten? Erweist er sich als resistent gegen Veränderung? Die kantonale Infrastruktur sei durch den Autobahnbau, die Schnellstrecke der Bahn 2000, den Löstschberg-Basistunnel oder die S-Bahn Bern markant verbessert worden, widerspricht die VOL.

Nach wie vor gebe es keinen Berner Grossflughafen und keinen ETH-Ableger. Durch die Topografie und die historische Entwicklung seien aber gewisse Rückstände nicht oder nur langfristig korrigierbar. So sei das Verhältnis ­zwischen den Steuererträgen von Unternehmen und natürlichen Personen nach wie vor ungünstig.

Für Berns Zukunft lässt das den ernüchternden Schluss zu, dass der Kanton an chronischen Beschwerden leidet und den Pfad der Stagnation nur schwer verlassen kann.

Die VOL betont aber, dass der Bund und der Kanton Bern keine explizite Förderpolitik betrieben, sie seien also auch «nur teilweise für wirtschaftliche Erfolge und Misserfolge verantwortlich».

Berner Zeitung

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