Die Schule, nett und stark wie ein Tiger

Bern

Im Stöckacker werden die ersten 36 Schüler des Kantons in einer öffentlichen Ganztagesschule unterrichtet. Gemeinderätin Franziska Teuscher sieht darin auch einen Beitrag zu Berns Standortattraktivität.

Die Kinder der Ganztagesschule im Stöckackerquartier schauen mehr aufeinander und das miteinander Gestalten ist anders als in Jahrgangsklassen, in denen sich die Schüler um 12 Uhr in die Mittagspause verabschiedeten.
Jürg Steiner@Guegi

Die Ganztagesschule, sie ist ein Tiger, ein starker, aber auch ein guter Tiger, denn Tiger sind freundlich miteinander. Und Elena Lamberti, Leiterin der Ganztagesschule Stöckacker, ist die liebevolle, energische Obertigerin, wenn sie vor den Medien die genialen Tiervergleiche vorliest, die den Schülerinnen und Schülern zum Stichwort Ganztagesschule einfielen. Es ist auch von Schmetterlingen die Rede, von Krokodilen. Und von Oktopoden, die mit ihren acht Tentakeln alles und alle unter ihre Fittiche nehmen.

Dass die Ganztagesschule die Oktopusvariante unter den diversen Kombinationsmodellen von Schule und familienexterner Betreuung ist: Diesen Vergleich könnte man patentieren, denn er bringt auf den Punkt, was die Stadt Bern im Stöckacker erstmalig für den Kanton Bern in einer öffentlichen Schule in die Tat umsetzt: Die Kinder bleiben für Schulunterricht, Mittagessen und die betreute Freizeit im Klassenverband am selben Ort zusammen und werden von den gleichen Personen unterrichtet und beaufsichtigt. «Das bringt Konstanz, die Schule wird zum Lehr-, Lern- und Lebensort», sagt Gemeinderätin Franziska Teuscher (GB), Vorsteherin der Direktion für Bildung, Soziales und Sport.

Investitionen nötig

Der Weg bis dahin war allerdings weit: 2010 bereits hatte Irene Hänsenberger, Leiterin des städtischen Schulamts, auf einen SP-Vorstoss hin das Konzept für eine Ganztagesschule geschrieben. Es blieb Papier. 2016 formulierte Franziska Teuschers Direktion eine städtische Bildungsstrategie, in der die Ganztagesschule wiederauferstand, und jetzt, glaubt Teuscher, «ist die Zeit wirklich reif dafür».

Andere Gemeinden (siehe Box) interessieren sich dafür, weitere Stadtteile sowieso. Im Schulkreis Bümpliz formiert sich eine Projektgruppe, im Schulkreis Breitenrain/Lorraine soll nach Abschluss der Sanierung des Schulhauses Spitalacker 2021 eine Ganztagesschule entstehen, im Schulkreis Kirchenfeld/Schosshalde mit der Fertigstellung des Schulneubaus Wyssloch. Teuscher sieht hinter dem «spürbar wachsenden Support» auch die Einsicht, dass funktionierende Ganztagesschullösungen die Standortattraktivität steigern.

Allerdings zaubert das eine öffentliche Schule nicht einfach so aus dem Hut: Es braucht Investitionen, nicht nur am Bau, weil die Räume durchlässiger sein müssen, sondern beim Lehr- und Betreuungspersonal auchin den Willen, enger als gewohnt zusammenzuarbeiten. Die Ganztagesschule Stöckacker wird derzeit in zwei Klassen – je einmal Basisstufe und 3. bis 6. Klasse – mit insgesamt 36 Schülerinnen und Schülern geführt. Grundsätzlich dauert die Ganztagesschule von 8.15 bis 16 Uhr, die Schule ist gratis, das Mittagessen kostenpflichtig. Zusätzlich können die Eltern Betreuungsmodule morgens ab 7 Uhr und abends von 16 bis 18 Uhr nach einkommensabhängigen Tarifen kaufen. Auch Kinder, für die der Vollservice gebucht wurde und die von 7 bis 18 Uhr in der Schule sind, profitieren davon, weder Räume noch Betreuungspersonal wechseln zu müssen.

Bewusster Verzicht

Trotz der bis jetzt positiven Erfahrungen rechnet Irene Hänsenberger nicht mit einem Anmeldeansturm für das Schuljahr 2019/2020. Laut Elena Lamberti gibt es auch Eltern, die bewusst auf die Ganztagesschule verzichten – etwa, weil sie ihren Kindern zu Hause Rückzugs- und Erholungszeiten bieten wollen. Grundsätzlich sei eine Ganztagesschule im Betrieb weder für die öffentliche Hand noch für die Eltern teurer als eine konventionelle.

Es ist kurz vor Mittag, in der einen Gruppe der Basisstufe droht die Disziplin zu entgleiten, der Lehrer operiert mit gelben Karten. Wedelt er bald mit der roten? Der Betreuer, der die Kinder während des Mittagessens beaufsichtigen wird, arbeitet schon im Nebenraum und bekommt, anders als an einer konventionellen Tagesschule, die hochgehenden Emotionen mit einem Ohr mit. Und wird wohl während des Essens mit den omnipräsenten Armen des Oktopus beschwichtigend eingreifen. ten.

Berner Zeitung

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