Berner Klassikszene auf dem Prüfstand

Der Konkurrenzdruck im Berner Klassikbetrieb ist gross. Wird zu viel angeboten? Im Hinblick auf die nächste Leistungsperiode will die Stadt die Subventionierung im Musikbereich grundsätzlich überprüfen.

Schwer zu füllen: Das glanzvolle Kultur-Casino Bern bietet rund 1400 Plätze.

Schwer zu füllen: Das glanzvolle Kultur-Casino Bern bietet rund 1400 Plätze.

(Bild: Enrique Muñoz García)

Oliver Meier@mei_oliver

Das Wort ist in Kulturkreisen verpönt. Wer es in den Mund nimmt, riskiert, geteert und gefedert zu werden. Wir sprechen es trotzdem aus: «Überangebot».Im Klassikbetrieb singt man gerne Loblieder auf die Vielfalt – auch am heutigen 1. Berner Klassiktag. Doch wie sieht es mit den Schattenseiten aus? Die Gefahr, dass sich Veranstalter am selben Abend in die Quere kommen, ist relativ gross.

Gute Konzerttage und -zeiten sind rar – der frühe Sonntagabend gilt als potentialträchtig. Und das Angebot ist in den letzten Jahren weiter gewachsen. Es gibt Tage, an denen in der Stadt bis zu vier Klassikkonzerte stattfinden. Allein in der ersten Juniwoche verzeichnete die Plattform Konzerte-bern.ch in Stadt und Umgebung 26 Klassikkonzerte.

Ist das ein Überangebot? «Die Frage hat ihre Berechtigung», sagt Louis Dupras, Direktor der Camerata Bern. «Ich höre immer wieder Besucher, die ächzen: ‹Es hat einfach zu viele Konzerte.›» Trotzdem greife die Rede vom Überangebot zu kurz. «Mit absoluten Zahlen und Aussagen wird man der Sache nicht gerecht», so Dupras.

Ende der Diskussion? Natürlich nicht. Aber es lohnt sich, die Fragestellung zu jus­tieren. Wird das Klassikangebot in Bern der Publikumsnachfrage gerecht? Und: Sind die Subventionsgelder sinnvoll eingesetzt?

1. Die Nachfrage

92 Prozent Auslastung! Davon können viele Veranstalter bloss träumen. Bei den Migros-Kulturprozent-Classics im Kultur-Casino ist es die Realität. Kein Wunder, dass die Migros das Angebot auf die nächste Saison hin erhöht. «Eine Marktsättigung stellen wir nicht fest», sagt Mischa Damev, Intendant der Konzertreihe. Und er sagt auch: «Die Auslastungszahl ist längerfristig der einzige Gradmesser des Erfolgs.»

Für solche Töne haben in der Szene allerdings die wenigsten ein Gehör. «Ein voller Saal ist nicht das einzige Kriterium», sagt etwa Kaspar Zehnder, Präsident des Vereins Konzerte Bern. «Wir müssen aufpassen, dass Kultur nicht nur kommerziell bewertet wird.»

Auch beim Berner Symphonieorchester spricht man nicht gern über Auslastungszahlen. Der Rechtfertigungsdruck ist indes beträchtlich. Fünfzehn doppelt geführte Sinfoniekonzerte bot das Orchester zuletzt, hinzu kamen zahlreiche Extra- und Kammerkonzerte. Das Problem: Bei den Abokonzerten ist das Kultur-Ca­sino oft nicht einmal zur Hälfte ­gefüllt.

Doch von einer Reduktion des Angebots will man nichts wissen – weil damit die Orchestergrösse infrage gestellt wäre. Die Frage sei, wie es gelinge, «ein ­neues Publikum anzusprechen und zugleich das Stammpublikum zu halten», sagt KTB-Intendant Stephan Märki. Zu diesem Zweck will Konzert Theater Bern (KTB) «vermehrt neue Konzertformate entwickeln und anbieten».

Die Camerata Bern setzt ebenfalls auf Diversifikation. Die klassische Aboreihe beschränkt sie nächste Saison auf sechs Konzerte. «Damit», so Dupras, «schaffen wir uns einen Spielraum für frische Formen von Konzerten, die wir an ungewöhnlichen Orten aufführen.» Seit kurzem bietet das Kammerorchester unter dem Label «Pop-Up-Classic» halbstündige Gratiskonzerte.

2. Das Subventionssystem

Was verbindet die Camerata Bern, Konzert Theater Bern und das Berner Kammerorchester? Die drei Klassikveranstalter sind kulturpolitisch geadelt und pro­fitieren von mehrjährigen Subventionsverträgen. Alle andern müssen sich bei der städtischen Musikkommission um Projektbeiträge bemühen.

Keine Kommission hat mehr Gesuche zu bearbeiten: 282 waren es 2015, knapp 60 kamen aus der Klassik – Chöre und Laienorchester ausgenommen: Ihre Gesuche werden direkt von der Abteilung Kulturelles beurteilt. 2015 bewilligte die Kommission 185 Gesuche und verteilte rund 430'000 Franken.

Basel als Vorbild?

Wie sinnvoll ist dieses System? Das fragt sich auch die Abteilung Kulturelles. «Wir planen, im Hinblick auf die nächste Subventionsperiode ab 2020 einen Schwerpunkt auf die Überprüfung der Subventionen im Bereich Musik zu legen», sagt Kultursekretärin Veronica Schaller.

Ob Basel als Vorbild dienen könnte? Dort ist eben ein neues System staatlicher Orchesterförderung in Kraft getreten: Eine Jury aus sieben unabhängigen Musikfachleuten beurteilte die Programmkonzepte der Bewerber. Fünf Orchester erhalten nun in den kommenden drei Jahren insgesamt vier Millionen Franken.

Subventionen auf sicher hat im neuen Modell nur noch das Sinfonieorchester Basel. Neu ist zudem, dass nicht mehr das Parlament, sondern die Exekutive über die Subventionen bestimmt.

Und durch die externe Jury könnte verhindert werden, was auch in Bern für Probleme sorgt: Die Verstrickung von Szene und Kommission. «Wir haben das ‹Basler Modell› mit Interesse verfolgt, und ich werde das Ergebnis noch im Detail studieren», so Schaller.

Auch Louis Dupras plädiert dafür, «die historisch gewachsenen Ausgaben zu hinterfragen». Zu erwägen sei, «ob der grösste Teil der öffentlichen Förderung weiterhin an einen einzigen Empfänger fliessen sollte». Wen Dupras damit meint, ist offensichtlich: Konzert Theater Bern.

Dass es durchaus heilsam sein kann, von der Politik hinterfragt zu werden, davon kann Kaspar Zehnder ein Lied singen. Zehnder ist Chef des Sinfonie-Orchesters Biel Solothurn, das beinahe dem Sparhammer zum Opfer gefallen wäre. Das Orchester habe «paradoxerweise davon profitiert», sagt er heute.

«Wir waren gezwungen, von der Bühne zu steigen und auf uns aufmerksam zu machen. Als Reaktion hat sich eine Fangemeinde formiert. Heute haben wir eine hohe Auslastung und steigende Abozahlen.»

Berner Zeitung

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