«Hurra, diese Welt geht jetzt unter!»

Bern

Rund tausend Jugendliche demonstrierten in Bern für eine wirksamere Klimapolitik. Und für ein bisschen mehr Konsequenz im eigenen Leben.

Streikende Schüler aus Bern erklären, warum sie sich dermassen für den Klimaschutz einsetzen. (Video: Michael Bucher)
Jürg Steiner@Guegi

«Make Love, Not CO2» stand auf einem der improvisierten Kartontransparente in der eisigen Kälte des Waisenhausplatzes. Eine Person (auch fortgeschrittenen Alters), die das bei diesen Temperaturen keine gute Idee findet, die hätte man sehr lange suchen müssen.

Etwa tausend Schülerinnen und Schüler standen dicht gedrängt in der Bise, und hätte ein Lehrer von ihnen verlangt, sich eine Stunde lange im Freien die vor Kälte erstarrten Beine in den Bauch zu stehen, es hätte Proteste gehagelt. Aber das neue internationale, über die sozialen Medien befeuerte jugendliche Klimabewusstsein – das stellt jede Lehrperson in den Schatten.

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Klimastreik heisst die vorwiegend gymnasiale Protestform, weil sie während des Schulunterrichts stattfindet und so mehr Beachtung finden soll. Pionierin ist die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg. In der Schweiz sprang der Funke über, als der Nationalrat im Dezember das CO2-Gesetz ganz ohne Liebe versenkte, was Schülerinnen und Schüler in mehreren Städten auf die Strasse trieb.

Am Freitag folgte die zweite Ausgabe, und am 2. Februar findet bereits das nächste Date mit dem urbanen Klimaprotest statt – eine Klimademo in acht Städten. Für alle. Und zwar an einem Samstag ohne Unterricht, den man fehlen könnte: ein Realitätstest für die Protesthärte der Gymeler.

Auch in anderen Städten kam es zu Schülerprotesten (Video: Keystone-SDA)

Allerdings könnte sich der Klimastreik zur Bewegung auswachsen – weil sich auch Leute ohne Protestgen von ihm erwärmen lassen. Elin Buholzer (16) etwa, Schülerin am Gymer Kirchenfeld. Bereits am Freitagvormittag war sie an einem kurzen Sitzstreik vor dem Gymer beteiligt, ähnlich wie die Schülerinnen und Schüler in der Könizer Lerbermatt. «Wir wollten zeigen, wie viele allein von unserem Schulhaus am Klimastreik teilnehmen», sagt Elin Buholzer, «nicht nur ein paar besonders Bewegte. Und wir machen das, auch wenn die Schulleitung das möglicherweise nicht so toll findet.»

Sie sei sonst nicht die grosse Demonstrantin, sagt Buholzer: «Aber das Klima ist etwas, das alle angeht, wirklich alle, und zwar unabhängig von einer politischen Partei.» Ihre Generation sei diejenige, die vom Klimawandel betroffen sei. Und diejenige, die ihn noch bremsen könne. Das sei ein starker Antrieb.

Klar, sagt Buholzer, unter den Protestierenden seien sicher Leute, die noch fliegen würden und sich der Klimafolgen nicht so bewusst seien. Auch sie habe sich früher nicht so darum gekümmert, ihr Umweltbewusstsein wachse erst seit kurzem. «Ich habe zum Beispiel aufgehört, Fleisch zu essen.» Sie finde es einfach wichtig, dass man sich Mühe gebe, auch wenn man nie perfekt sein könne.

Nach dem Ende des Klimastreiks brachen Schülerinnen und Schüler zu einem Marsch durch die Innenstadt auf. Unbewilligt, aber friedlich und sehr diszipliniert. Aus Lautsprechern dröhnte «Hurra, die Welt geht unter» der Berliner Rapper KIZ. Vor der Reitschule löste sich die Versammlung nach einer Durchsage auf, als hätte die Schulglocke geläutet. Der Klimastreik macht Pause. Und kommt wieder.

Berner Zeitung

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