Insel-Gruppe verdient zu wenig Geld für ihre Bauvorhaben

Der Gewinn der Insel-Gruppe schrumpft, die Rentabilität ist viel zu tief. Ein Einzelfall ist die grösste Schweizer Spitalgruppe damit allerdings nicht.

Will die Finanzen der Insel-Gruppe verbessern: CEO Uwe E. Jocham. Foto: Adrian Moser

Will die Finanzen der Insel-Gruppe verbessern: CEO Uwe E. Jocham. Foto: Adrian Moser

Marius Aschwanden

Nach einigen wenigen Klicks kann Uwe E. Jocham sofort sagen, wie es seiner Insel-Gruppe geht. Wie viele Patienten werden ambulant behandelt? Wie viele stationär? Wie stehen die Finanzzahlen? Und wie viele Mitarbeiter hat das Unternehmen? All das sieht er auf einen Blick, wenn er in seinem Büro am Computer ist.

Cockpitsystem nennt er das. Zwar seien diese Zahlen schon vor seinem Amtsantritt als CEO der Insel-Gruppe vorhanden gewesen. Mit dem neuen Programm könne man sie aber «aktiv visualisieren», sagte Jocham kürzlich in einem Interview mit der «Handelszeitung».

Im vergangenen Jahr dürfte ihm nicht gefallen haben, was er jeweils gesehen hat. Zuerst kletterten die Personalkosten in die Höhe, dann verzeichnete die Spitalgruppe erstmals in ihrer Geschichte ein knapp negatives Halbjahresergebnis. Und schliesslich musste er sogar ein Sparprogramm ankünden, bei dem 150 Vollzeitstellen abgebaut werden.

«Wir müssen den Gürtel enger schnallen und effizienter werden.»Uwe E. Jocham, CEO Insel-Gruppe

Am Dienstag nun präsentierte die Insel-Gruppe ihren Jahresabschluss. Mit einem Gewinn von 12,1 Millionen Franken (2017: 21,1 Millionen) konnte nur auf den ersten Blick das Schlimmste abgewendet werden.

Denn: «Betrachtet man das Ergebnis aus dem operativen Spitalbetrieb, so verzeichnen wir eine knappe schwarze Null», sagt Jocham. Der Gewinn kam lediglich dank Tochtergesellschaften und dem Verkauf der Localmed Aare AG sowie der City Notfall AG an die Lindenhofgruppe zustande.

Ambulantes Wachstum

Die finanziellen Schwierigkeiten des letzten Jahres widerspiegeln sich auch in der Betriebsgewinnmarge. Diese sank im vergangenen Jahr von 6,7 (2017) auf 6,2 (2018) Prozent. Allgemein geht man in der Spitalbranche davon aus, dass 10 Prozent erreicht werden sollten, damit eine Klinik ihre Investitionen nachhaltig selber finanzieren kann.

«Wir müssen den Gürtel enger schnallen und effizienter werden», sagt Jocham. Daran führe kein Weg vorbei. Entsprechend seien auch die angekündigten Sparmassnahmen dringend notwendig. Das Ziel ist klar: «Zukünftig wollen wir die Betriebsgewinnmarge um drei Prozentpunkte steigern.

Nur so können wir die anstehenden Investitionen selber finanzieren.» Diese sind im Rahmen des Masterplans bekanntlich erheblich. Allein das Inselspital will bis 2025 rund 750 Millionen Franken in Neubauten auf seinem Campus stecken.

Die Zahlen der Insel-Gruppe zeigen exemplarisch, vor welch grundsätzlichen Umwälzungen die gesamte Spitalbranche steht. Insbesondere die Verschiebung von immer mehr stationären Behandlungen in den ambulanten Bereich (ohne Übernachtung im Spital) stellt die Kliniken vor Herausforderungen. Noch immer gelingt es den meisten nicht, diese Operationen kostendeckend zu erbringen.

So steht etwa bei der Insel-Gruppe der Zunahme der stationären Fälle um bloss 1,3 Prozent eine Steigerung bei den ambulanten Konsultationen von 5,6 Prozent gegenüber. Das Problem dabei: Gleichzeitig ist sowohl der stationäre als auch der ambulante Tarif gesunken. Letzterer aufgrund eines Eingriffs von Bundesrat Alain Berset per Anfang 2018. «Das führte zu deutlichen Mindererträgen», sagt Uwe E. Jocham.

Kein Einzelfall

Mit dieser Problematik kämpft nicht nur die Insel-Gruppe. Zwar liegen aus dem Kanton Bern noch keine Zahlen für 2018 von anderen Spitälern vor. Das Luzerner Kantonsspital allerdings gab beispielsweise schon vor Neujahr ein Sparprogramm von 20 Millionen Franken bekannt, und auch die Privatklinikgruppe Hirslanden verordnete sich eine Kostensenkungskur.

Vor einigen Tagen veröffentlichten zudem die vier St. Galler Spitalverbunde ihre Zahlen für 2018. Es resultierte ein Minus von 4 Millionen Franken – begründet unter anderem mit den ambulanten Tarifen.

Dass sich die Spitalbranche im Umbruch befindet, zeigt auch eine Studie des Beratungs­unternehmens Pricewaterhouse­Coopers (PWC) von Ende letzten Jahres. Darin wurden die Finanzen 2017 der Schweizer Klinken verglichen. Das Fazit: Die Rentabilität der meisten Spitäler ist zu tief. Philip Sommer, Leiter Beratung Gesundheitswesen, führt das auch auf Fehleinschätzungen vieler Unternehmen zurück. «In den letzten beiden Jahren stagnierten die stationären Fälle erstmals seit Jahrzehnten. Die Spitäler jedoch haben weiterhin Personal aufgestockt», sagt er.

Schliessungen notwendig

Angesichts der fehlenden Rentabilität ist für Sommer klar: Spitalschliessungen und Zusammenlegungen werden unausweichlich sein. Heute gibt es in der Schweiz immer noch über 200 Spitalstandorte. In dem von PWC erarbeiteten Zukunftsmodell wären theoretisch weniger als hundert Kliniken in der Lage, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Voraussetzung dafür wären unter anderem eine starke Zusammenarbeit, eine überregionale Versorgung und andere Standorte als die bestehenden.

«Viele Spitäler sind noch zu wenig auf das ambulante Geschäft ausgerichtet. Gerade für kleine Regionalspitäler dürfte es schwierig werden», sagt Sommer. Zentrumsspitäler hingegen würden auch künftig ein vergleichsweise grosses stationäres Angebot haben.

Auf die Insel-Gruppe trifft beides zu. Trotzdem stehen Spitalschliessungen für Uwe E. Jocham derzeit nicht im Vordergrund. Aber: «Der Frage nach der Gesamtkapazität müssen wir uns als Gruppe laufend stellen.»

Es werde zwangsläufig Verschiebungen geben. «Wenn wir davon sprechen, dass wir unsere Angebote weiterentwickeln müssen, dann reden wir immer auch von Kapazitäten», so Jocham. Sprich: weniger stationäre Betten, dafür mehr Ambulatorien. Der Verzicht auf den Neubau des Spitals Tie­fenau ist eine erste Folge solcher Überlegungen.

Berner Zeitung

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