Berner Gaswerkareal besetzt

Seit Donnerstag ist das Gaswerkareal in der Stadt Bern besetzt. Aufbauen will das Besetzerkollektiv eine Utopiestadt ohne Profit und Miete, dafür mit viel Kreativität und Narrenfreiheit.

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«Belebt und besetzt» steht auf einem Transparent. Aber Betreten für Unbefugte ist im Moment verboten: Hinter dem massiven Drahtzaun, der das seit Jahren unbenutzte aarenahe Terrain zwischen Gaskessel und dem Sportplatz Schönau einfriedet, ist seit Donnerstag exklusives Handwerken angesagt.

Eine Gruppe von schätzungsweise 20 Besetzern im jungen Erwachsenenalter hat im Morgengrauen den Zaun aufgeschnitten und das Areal mit mehreren schweren Fahrzeugen in Beschlag genommen – einem roten Feuerwehrauto etwa oder einem ausrangierten Fischerboot auf Rädern.

Strom kommt von einem Wagen mit Solarpanels. Man hört eine Motorsäge, und aus der Geschäftigkeit lässt sich schliessen, dass sich da jemand länger niederlassen will. Ein improvisiertes WC-Häuschen steht auch da.

Replika von Zaffaraya

Reden aber will niemand. Der Zaun ist wieder mit einer Kette verschlossen, die Besetzer nähern sich Zaungästen nur mit verhüllten Gesichtern. Die Kommunikation mit der Aussenwelt organisieren sie wie ein multinationaler Grosskonzern: Sie verweisen freundlich auf die Sprachregelung einer gestelzt formulierten Medienmitteilung, Fotografieren ist nur von ausserhalb geduldet.

Mehr über den Antrieb des Kollektivs erfährt man bei der Lektüre eines zeitgleich mit der Besetzung publizierten Texts im Onlinemagazin «Journal B» von Luca Hubschmied, der als eingebetteter Journalist die monatelange Planungsphase teilweise begleitete.

Die Besetzer möchten auf dem brachliegenden Gaswerkareal eine kleine antikapitalistische ­Alternativstadt namens Anstadt gründen, konsequent basisdemokratisch, ein Ort ohne Profit, voller Solidarität. Man will alles teilen, nichts besitzen. Entstehen sollen eine vegane Gemeinschaftsküche, eine offene Werkstatt, ein Nähatelier, eine Kaffeebar im Boot. Und natürlich, kündigen die Besetzer an, sollen die rigiden Eintrittsschranken fallen, Anstadt will ein öffentlicher Ort werden.

Das ist im Moment nicht einmal so unwahrscheinlich: Der Grundbesitzer, der städtische Energieversorger EWB, wurde von den Besetzern informiert und meldete Gesprächsbereitschaft zurück. «Nun», sagt EWB-Sprecherin Claudia Kohlschütter, «ist der Ball bei ihnen.»

Denkbar wäre wohl eine Zwischennutzung, bis frühestens ab 2021 die Wohnüberbauung Gaswerk entsteht. Anstadt würde zur Replika des Hüttendorfs Zaffaraya, das sich 1985 ursprünglich auf dem Gaswerkareal eingerichtet hatte und 1987 gewaltsam geräumt wurde. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.07.2018, 15:39 Uhr

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