Bern

Berner Ethno-Laden schliesst nach 47 Jahren

BernJetzt ist Schluss: Am Samstag hat der Berner Schmuckimporteur und -händler Walter Sachs seinen legendären Marcopolo-Ethno-Laden an der Münstergasse zum letzten Mal offen.

Im Reich seiner exotischen Leidenschaft: Walter Sachs inventarisiert im Kellergeschoss seines Ladens die Restposten seines Händlerlebens.

Im Reich seiner exotischen Leidenschaft: Walter Sachs inventarisiert im Kellergeschoss seines Ladens die Restposten seines Händlerlebens. Bild: Raphael Moser

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Marcopolo Ethnogaphica: Schon der Geschäftsname ufert verheissungsvoll aus wie eine Verzierung auf einer balinesischen Buddhafigur. Wer in den Laden von Walter Sachs in der Münstergasse 47 tritt, fühlt sich zurückversetzt in eine Welt, wie sie vor der Globalisierung war. Als man als Tourist noch nicht so routiniert exotische Ziele in der ganzen Welt anflog.

Und sich noch nicht per Mausklick im Internet Güter von überallher beschaffte.Sachs (73), die langen weissen Haare zu einem Rossschwanz gebunden, führt durch seinen dicht belegten Verkaufsraum.

Man taucht ein in eine unglaubliche Vielfalt von Fingerringen, Armreifen und Halsketten, afrikanische Masken blicken auf einen herunter, wenn man die metallenen Klangschalen jeglicher Grösse ausprobiert, deren Töne teilweise bis zu einer Minute weiterhallen. Unter Umständen findet man Klangschalen aus dem Fundus von Sachs in den zahlreichen Berner Yogastudios oder Therapieräumen wieder.

«Ich bin auf dem Basar von Kabul in Afghanistan sozia­lisiert worden.»Walter Sachs

«Alles hochwertiges Handwerk, keine Massenware», sagt Sachs. Plastik gibt es nicht in seinem Geschäft. Und wenn man hinuntersteigt in den Lagerraum im Untergeschoss, riecht es schwer wie auf einem orientalischen Markt: Teppiche stapeln sich, an Bügeln hängen zentralasiatische Frauenkleider, im ­Regal ruhen Ganeshas in unterschiedlichen Grössen, die populären elefantenköpfigen Hindugottheiten, denen man zutraut, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Einsam auf einem Tisch steht ein afrikanischer Nagel­fetisch, dem man im Dunkeln lieber nicht begegnen würde.

Karriere eines 68ers

Aus diesem Inventar könnte man eine opulente Reise- und Lebensgeschichte des polyglotten Handelsunternehmers Walter Sachs zusammensetzen. Er selber ist aber einer, der sich, zwischen zwei Zigarettenzügen, in knappen, lakonischen Sätzen ausdrückt.

«Ich bin auf dem Basar von Kabul sozialisiert worden», sagt er zum Beispiel beiläufig. Wie unzählige 68er pilgerte er in die ­afghanische Hauptstadt, «heute kann man sich nicht mehr vorstellen, wie friedlich es dort einmal war» – bevor Afghanistan in einen mittlerweile 40-jährigen Krieg versank.

Sachs sagt von sich, er lerne sehr leicht Sprachen. Er liess sich vom orientalischen Handelsfieber anstecken, bald redete er Farsi und war gefragter Teil des Basars. Auch, weil er gut kopfrechnen kann.

Rechnung geht nicht mehr auf

Mit dem in Kabul geschärften Geschäftssinn eröffnete er 1971 in Bern Marcopolo Ethnographica. Heute würde man von einem Start-up reden, und was Sachs aus Afghanistan, Pakistan, später aus Zentralasien und Afrika importiert, hat, wie er sagt, unter den Berner Lauben teilweise einen Hype ausgelöst, bevor es das Wort dafür gab.

Sachs, der auch als Reisebegleiter arbeitete, erweiterte seine ­Geschäftsbeziehungen zu Händlern in Afrika und Asien, weil er sich mit ihnen meist in deren Sprache unterhalten konnte. In der Schweiz führte er zeitweise mehrere Schmuck-, Uhren- und Souvenirgeschäfte mit insgesamt 45 Angestellten.

Heute Samstag schliesst er seinen Marcopolo-Laden an der Münstergasse endgültig, er wird danach noch ein Schmuckgeschäft an der Kramgasse führen sowie je eines in Freiburg und Interlaken. Viele Leute hätten «die Wertschätzung für echtes, künstlerisches Handwerk verloren».

Einen Laden zu führen, rechne sich nicht mehr, er werde versuchen, seinen Handel ins Internet zu verlagern. Illusionen mache er sich keine. Er ist ernüchtert, aber nicht traurig. Sachs hat für seine exotische Handelsleidenschaft 47 Jahre lang getan, was er konnte. Und was er wollte.


Marcopolo Ethnographica,Müns­tergasse 47. Heute Samstag 9 bis 17 Uhr. www.marcopolo-ethno.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.08.2018, 19:50 Uhr

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