Bernapark: «Ein Freudentag» für Investor Müller

Stettlen

Das Stimmvolk von Stettlen sagt Ja zur Umzonung der stillgelegten Kartonfabrik Deisswil. Dass die Gemeinde in der ersten Etappe auf die Mehrwertabschöpfung und damit auf einen Millionenbetrag verzichtet, störte nur wenige.

  • loading indicator
Markus Zahno

Wohnungen für bis zu 340 Leute, dazu rund 450 Arbeitsplätze: Das sieht die erste Umnutzungsetappe für die ehemalige Kartonfabrik Deisswil vor. Laut einem Gutachten könnte die Gemeinde Stettlen von der Grundeigentümerin – der Bernapark AG von Hans-Ulrich Müller – für diese Etappe rund 3 Millionen Franken Mehrwertabschöpfung verlangen.

Müller habe aber bereits viel Geld für die Allgemeinheit ausgegeben, findet der Gemeinderat. Zum Beispiel habe er nach der Schliessung der Kartonfabrik die Löhne der 250 Angestellten bezahlt. Deshalb kam der Gemeinderat zum Schluss, bei Müller für die erste Etappe keine Mehrwertabschöpfung einzufordern. Baurechtsspezialisten wie Urs Eymann – er berät Gemeinden und ist Autor von zahlreichen Fachpublikationen – sind erstaunt über solche Vereinbarungen. Denn: «Die Rechtsgleichheit ist sehr wichtig.»

In Stettlen sieht das die Mehrheit aber anders: Mit 171 zu 10 sagte die Gemeindeversammlung am Mittwochabend Ja zum Verzicht auf die Mehrwertabschöpfung für die erste Etappe. Die Umzonung wurde sogar ohne Gegenstimme gutgeheissen.

«Und die Einnahmen?»

Hans-Ulrich Müller sprach hinterher von einem «Freudentag». Vor der Abstimmung gab es indes auch kritische Wortmeldungen. Die Umzonung an sich finde er sinnvoll, erklärte ein Bürger, «niemand hat ein Interesse daran, dass aus dem Areal eine Ruine wird». Aber: Auf die Mehrwertabschöpfung zu verzichten, «das ist nicht gerecht». Hans-Ulrich Müller habe bisher zweifellos hohe Ausgaben gehabt; «warum spricht aber niemand von den Einnahmen?»

Ein anderer Bürger schlug deshalb vor, wenigstens einen symbolischen Beitrag zu verlangen. Gemeindepräsident Lorenz Hess (BDP) winkte ab: «Wir haben fünf Jahre lang mit allen Beteiligten verhandelt.» Für symbolische Retuschen sei es nun zu spät. Und überhaupt: Wenn die Gemeinde auf der vollen Mehrwertabschöpfung beharre, werde das Projekt wahrscheinlich nie Tatsache.

Wenige Autofahrten

In der ersten Etappe des Projekts können in den historischen Fabrikhallen enlang der Bahnlinie bis zu 45'000 Quadratmeter Wohnungen, Gewerbe- und Büroräume entstehen. Die Erschliessung erfolgt über den Schwandiweg; solange dieser nicht ausgebaut ist, sind in den Abendspitzenstunden maximal 66 Fahrten pro Stunde erlaubt.

Unter anderem wegen der Verkehrsfrage gingen gegen die Umzonung zwei Einsprachen ein: von der Kablan AG, die neben dem Bernapark ein grosses Grundstück besitzt, und von Stettlens Nachbargemeinde Ostermundigen. Beide Einsprachen sind mittlerweile zurückgezogen, wie Hess berichtet.

In weiteren Etappen wird der Rest des 70'000 Quadratmeter grossen Areals umgenutzt. Zudem müssen die Worble und der Mühlekanal, die heute unterirdisch durch das Areal fliessen, offengelegt und umgeleitet werden. Diese Arbeiten kosten rund 3 Millionen Franken. Die Bernapark AG beteiligt sich mit 1,2 Millionen daran.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt