Bern Welcome will die Touristen mit «Savoir-vivre» anlocken

­Das Aareschwimmen soll zum Tourismusmagneten der Stadt Bern werden. Das ist eines der Ziele der neuen Tourismusorganisation Bern Welcome. Diese will mehr machen als einfach nur schöne Plakate ­drucken lassen.

Blick auf das Weltkulturerbe: Die schöne Aussicht auf die Berner Altstadt allein reicht im Tourismus heute nicht mehr. Die Touristiker von Bern Welcome wollen mit neuen Ansätzen ans Werk gehen.

Blick auf das Weltkulturerbe: Die schöne Aussicht auf die Berner Altstadt allein reicht im Tourismus heute nicht mehr. Die Touristiker von Bern Welcome wollen mit neuen Ansätzen ans Werk gehen.

(Bild: Adrian Moser)

Stefan Schnyder@schnyderlopez

Die Touristiker der Region Bern ­wagen etwas Neues. «Es ist ein Aufbruch in eine neue Zeit», sagte Marcel Brülhart, der Präsident der neuen Tourismusorganisation Bern Welcome, am Dienstag im Berner Kursaal. In den vergangenen Monaten haben die Verantwortlichen die Strategie für das neue Konstrukt erarbeitet.

Bern Welcome setzt sich zusammen aus Bern Tourismus, der ehemaligen Bern Incoming GmbH, sowie den Organisationen BERNcity, Hotellerie Bern+ Mittelland und GastroStadtBern und Umgebung. Letztere haben in der Vergangenheit auch versucht, mit eigenen Mitteln Marketing zu machen. Die touristische Vermarktung der Stadt, des Gantrischgebietes ­sowie der ­Regionen Emmental und Oberaargau soll aus einer Hand erfolgen.

Budget von 6,7 Millionen

Laut ­bösen Zungen hat Bern Tourismus in der Vergangenheit vor ­allem schöne Plakate und Prospekte gedruckt. Bern Welcome versteht sein Aufgabengebiet viel breiter.

Die Organisation will ­beispielsweise Veranstaltern von Events oder Kongressen Unterstützung aus einer Hand anbieten und die lokalen Akteure an einen Tisch bringen. Der ­Organisation steht ein Budget von 6,7 Millionen Franken zur Verfügung, 870'000 Franken ­davon stammen aus der Stadtkasse. Die Organisation zählt 35 Festangestellte.

Martin Bachofner, CEO bei Bern Welcome, über den Unterschied zu Gstaad, das savoir-vivre von Bern und seine Leidenschaft. Video: Claudia Salzmann

Aareschwimmen für Gäste

Die Verantwortlichen hielten am Dienstag den Ball flach und blieben in vielen Punkten vage. Doch anhand von Beispielen lässt sich ­illustrieren, was sie vor­haben. Sie haben sechs Stossrichtungen festgelegt, die sie verfolgen. Eine davon heisst «Savoir-vivre».

Der Leitsatz dazu: «In Bern pflegen die Bewohner einen genussvollen und entspannten Lebensstil.» Dazu gehört das Aareschwimmen. Die Verantwortlichen wollen diese Tradition bei den Touristen in Bern bekannter machen. Oder gar damit Touristen nach Bern ­locken.

«Wir wollen den Touristen ein begleitetes Schwimmen in der Aare anbieten.»Martin Bachofner, Bern Welcome

«In keinem anderen Land der Welt kann man sich mit Blick auf das Regierungsgebäude in einem Fluss treiben lassen», schwärmte Bachofner. Deshalb plant Bern Welcome nun ein ­spezielles Angebot.

«Wir wollen den Touristen ein begleitetes ­Aareschwimmen anbieten. Das darf auch was kosten. So entsteht Wertschöpfung», betonte Bachofner. Bereits im vergangenen Sommer gab es dazu ein erstes Angebot, im nächsten Sommer soll dieses ausgebaut werden.

Die Bern-Welcome-Spitze: CEO Martin Bachofner, Präsident Marcel Brülhart und Sabrina Jörg, Leiterin Events (v. l.). Foto: Christian Pfander

Universität als Trumpf

Potenzial sehen die Vordenker von Bern Welcome vor allem im Bereich Veranstaltungen und Kongresse. Vereinfacht gesagt will Bern Welcome den Veranstaltern von grossen Anlässen ein Angebot aus einer Hand ­machen.

Anfang März wird mit der Tourismusfachfrau Sabrina Jörg eine neue Kaderfrau die Leitung des Bereichs Events übernehmen. Die Veranstalter können künftig bei Bern Welcome ­ihre Bedürfnisse bezüglich Anzahl Hotelbetten und Veranstaltungssälen mit­teilen und erhalten dann ein Angebot.

Da Bern eine Universitätsstadt ist, sehen die Bern-Welcome-Chefs ein grosses Potenzial für die Durchführung von Wissenschaftskongressen. Ein Beispiel dafür ist das Starmus Festival, das Ende Juni 2019 in der Stadt Bern stattfinden wird. Dabei handelt es sich um ein Treffen von Weltraumforschern. Rund 3000 Teilnehmer aus aller Welt ­werden erwartet.

Jogging-Apps sind geplant

Die Stadt Bern verzeichnete ­im Jahr 2017 knapp 750 000 Logier­nächte. Bern Welcome will das Angebot für diese Touristen verbessern. So wollen die Touristiker eine Jogging-App und eine App für Stadtwanderungen schaffen. Den Velofahrern ­wollen sie zeigen, wo es interessante Routen gibt.

Zudem wollen sie den Touristen das kulturelle Angebot bekannter machen. Als Präsident von Konzert Theater Bern hat Marcel Brülhart Erfahrung in diesem Bereich. «In Ostdeutschland gibt es mittlere Städte, die 40 Prozent der Theatertickets an Touristen verkaufen. In der Stadt Bern ist dieser Anteil praktisch null», sagte er.

Auch hier will Bern Welcome seine Hausauf­gaben machen und die Touristen besser auf die kulturellen Angebote aufmerksam machen. Eine Pendenz ist die Positionierung von Bern als Weihnachtsmarktdestination. Hier liegen Ideen vor, aber spruchreif ist noch nichts.

Gegen geizige Touristen

Nicht jeder Tourist ist ein guter Tourist. Das ist eine Erkenntnis, die sich unter den Touristikern durchgesetzt hat. Vor ­allem seit es im vergangenen Sommer in Barcelona zu Protesten gegen die vielen Touristen gekommen ist.

Auch für Brülhart und Bachofner gibt es gute und weniger gute Touristen: «Es gibt Reisecars, die bis zum Bärengraben fahren und dort die Touristen ausladen. Dann spazieren diese bis zum Zytglogge und zurück. Die Zahl dieser Touristen wollen wir nicht erhöhen», betonte Brülhart.

Vor allem derjenigen, die keinen Rappen in Bern liegen lassen. Die Bern-Welcome-Spitze hat deshalb der Stadtregierung vorgeschlagen, die Zahl der Busparkplätze beim Bären­graben einzu­schränken. Die Touristiker schlagen vor, dass die Busse auf dem Neufeld oder auf der Allmend parkiert werden müssen. Was ist die Messgrösse?

Noch kann die junge Organi­sation mit Vorschusslorbeeren rechnen. Doch schon bald werden Hoteliers und Restaurateure, aber auch die Politik Resultate ­sehen wollen. Brülhart betonte, dass Bern Welcome sich nicht an der Zahl der Logiernächte ­messen lassen möchte.

«Unser Hauptziel ist es, dass die Hotels bessere Preise erzielen werden und dass deren Auslastung steigt», betonte Brülhart. Ob die Hoteliers dies auch so sehen, ist offen. Es ist gut möglich, dass sie von Bern Welcome trotzdem am Ende mehr Logiernächte er­warten.

Berner Zeitung

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