Bern war im Ausnahmezustand

Jürg Spori, während Jahrzehnten Polizeireporter dieser Zeitung, hat den Fall Mischa Ebner als die aufwühlendsten Wochen seiner Journalistenlaufbahn in Erinnerung. Bern kam an seine Grenzen. Reporter Spori auch.

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Jürg Steiner@Guegi

Wenn er den Namen Mischa ­Ebner hört, schiessen bei Jürg Spori die Erinnerungen hoch, ­ungefiltert. «Es waren unglaub­liche drei Wochen», sagt der pensionierte Journalist.Die Ereignisse liegen 16 Jahre zurück, aber Spori erinnert sich noch genau an den Anruf, den er am 1. August 2002 erhielt.

Er weilte in Murten an der Expo, als Polizeireporter hatte er auch in der Vor-Smartphone-Ära das Handy stets im Sack. Hanspeter Peyer, damals Blattmacher dieser Zeitung, beorderte Spori nach Niederwangen. Ein Morddelikt, verübt in der Nacht zuvor im ­Industriegebiet. Das Opfer: eine Maturandin. Der Täter: flüchtig.

Es war der Beginn einer gespenstischen Jagd. Nur Stunden vor dem Mord war eine junge Frau in Bümpliz niedergestochen worden. Sie überlebte schwer verletzt, mit schweren Lähmungserscheinungen. Spori, der mit dem Vater der jungen Frau in intensivem Kontakt war, besuchte sie später im Paraplegikerzentrum Nottwil – und konnte die Tränen nicht zurückhalten.

Neue Krimi-Dimension

Bereits vor diesen beiden Fällen hatte die Polizei eine lange Reihe von Überfällen auf junge Frauen registriert, die stets rabiater ­wurden. Der Mord war der Höhepunkt. Gleichzeitig setzte sich in der Öffentlichkeit das Bewusstsein fest, dass ein Serientäter, oft auf dem Velo, unsichtbar unterwegs war.

«Bern glitt in einen Ausnahmezustand», erinnert sich Reporter Spori. Die Polizei suchte mit einem Grossaufgebot, mehr als hundert Personen wurden angehalten. Die Spannung, so Spori, sei täglich gewachsen. «Wo man hinkam, jeder und jede sprach ­darüber.» Man redete vom «Mitternachtsmörder» und von der «Bestie von Bern». «Eine neue Dimension der Kriminalität war in Bern angekommen, so fühlte es sich an», sagt Spori.

Als Journalist bewegte er sich zwischen den Fronten. News zum rätselhaften Fall waren extrem gefragt, gleichzeitig sei man als Autor dieser News stets mit dem Vorwurf konfrontiert worden, die Hysterie anzuheizen. «Ich beklage mich nicht, Gratwanderungen sind Teil des Reporterjobs, den ich sehr gerne ausübte», sagt Spori. Aber diese Gratwanderung sei die schwierigste gewesen.

Plötzlich getrauten sich im ­August 2002 reihenweise Frauen nicht mehr, am Abend irgendwo allein unterwegs zu sein. Auch Spori bekam es mitunter mit der Angst zu tun – zumal man vermutete, dass der Täter, der manisch Briefe schrieb, aufmerksam verfolgte, was über ihn publiziert wurde. Erst im Nachhinein erfuhr Spori, dass Mischa Ebner, der als Koch im Goldenen Schlüssel arbeitete, in der Pause jeweils die BZ las und mit den Arbeitskollegen nach der Lektüre von Sporis Artikeln über den unbekannten Täter herzog – der in Tat und Wahrheit er selber war.

Eine Wendung erfuhr der Fall nach Sporis Erinnerung, als die Berner Polizei den profilierten österreichischen Kriminalpsychologen und Fallanalytiker ­Thomas Müller beizog. «Seine Arbeit», so Spori, «hat mich extrem beeindruckt.»

Spiel mit der Eitelkeit

Unter dem Einfluss von Müller versuchte die Polizei, auch mit Öffentlichkeitsarbeit in einen Dialog mit dem nach wie vor ­unbekannten Täter zu treten. Die Rolle des Journalisten Spori wurde nicht einfacher – es gab mehr Informationen, aber die Medien waren plötzlich auch ein Instrument der Fahndung.

Die Polizei veröffentlichte ein Phantombild, das einen unrasierten Mann zeigte, dazu schrieb man bewusst von «unreinem Teint». Die Ermittler setzten auf die Eitelkeit des Gesuchten. Tatsächlich begann er, der Polizei Briefe zu schreiben.

Sein Schriftbild und eine DNA-Probe führten die Fahnder zum Täter. 20 Tage nach dem Mord in Niederwangen wurde der austrainierte Läufer Mischa Ebner (27) im Spiegel verhaftet, wo er wohnte. Er gestand den Mord und fast 30 weitere Straftaten. Drei Monate später erhängte er sich im Regionalgefängnis Thun.

Dunkle seelische Seiten

Im Nachhinein hätten ihn nicht nur Ebners Taten beschäftigt, sagt Spori heute. Sondern auch, dass er in den drei Wochen tief in die dunkle Seite der Gefühlswelt der Berner Bevölkerung geblickt habe. Manch einer habe nach Lynchjustiz gerufen und gedroht, den Täter abzuschlachten, falls er ihn zwischen die Finger bekäme. Das habe er so oft gehört, dass es ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen sei. Und klar: Einen solchen Fall möchte er nicht noch einmal erleben.

Lesung: Jürg Mosimann, ehema­liger Informationschef der Kantonspolizei, liest aus seinem Roman «Tödlicher Schatten», der den Fall Ebner aufgreift. Mittwoch, 10. Oktober, 19.30 Uhr, Bibliothek Köniz, Stapfenstrasse 13.

Berner Zeitung

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