Bern soll zur Velo-Hauptstadt werden

Die Velo-Offensive der Stadt Bern geht in die nächste Phase: Ein ganzes Paket an Massnahmen soll Velofahren in Bern sicherer und bequemer – und auf diese Weise selbstverständlich – machen.

Auf dem Nordring?wird nächstes Jahr Berns erste Velo-Hauptroute eröffnet. Der Weg zur Schweizer Velo-Hauptstadt wird für Bern aber auch danach lang und beschwerlich bleiben.

Auf dem Nordring?wird nächstes Jahr Berns erste Velo-Hauptroute eröffnet. Der Weg zur Schweizer Velo-Hauptstadt wird für Bern aber auch danach lang und beschwerlich bleiben.

(Bild: Susanne Keller)

Christoph Hämmann

Hauptstadt des öffentlichen Verkehrs ist Bern laut dem Gemeinderat schon. Nun strebt er auch noch nach dem Titel der «Velohauptstadt». Um dies zu erreichen, will er bis 2030 den Anteil des Velos am Stadtverkehr von heute 11 auf 20 Prozent steigern – fast eine Verdoppelung.

130 Massnahmen sollen – fürs Erste – der Velo-Offensive zum Durchbruch verhelfen.«Die Velo-Offensive ist kein Selbstzweck», sagte Verkehrs­direktorin Ursula Wyss (SP) am Montag vor den Medien. Anders als durch ÖV und Velo könne der prognostizierte Mehrverkehr der nächsten Jahre gar nicht stadtverträglich bewältigt werden.

Viele Massnahmen zielen darauf ab, in Bern eine eigentliche Velokultur zu etablieren. Eine solche könne allerdings nicht verordnet werden, ist sich Wyss bewusst, und genauso wenig fruchteten rationale Gesundheitsappelle. Was tun also? «Wir wollen den Teppich auslegen, damit Velofahren attraktiv, gemütlich und lässig wird.» Gelingt dies, rückt die Vision des Gemeinderats näher, so Wyss: «Eine Stadt, in der das Velo das selbstverständliche Verkehrsmittel für Jung und Alt ist.»

Ausbau der Infrastruktur und Arbeit am Image

Eine wichtige Voraussetzung, um mehr Leute aufs Velo zu bewegen, sind laut Wyss «sichere, durchgängige Verbindungen». Mit der ersten Velohauptroute zwischen Wankdorf und Bahnhof, die 2016 eröffnet wird, ist der erste Schritt gemacht. Danach soll laut dem städtischen Verkehrsplaner Karl Vogel jedes Jahr eine Velohauptroute dazukommen.

Ebenso wichtig wie die Massnahmen, die das Bedürfnis nach mehr Sicherheit befriedigen, sind jene, die mehr Komfort versprechen. Konkret: Wer Velo fährt, will dieses am Zielort parkieren können. Insbesondere um den Bahnhof mangle es aber immer noch an solchen Abstellmöglichkeiten, so Wyss. Bald gibt es in der Velostation Schanzenpost 1000 neue Parkplätze.

Im Rahmen von «Zukunft Bahnhof Bern» sollen weitere, wenn möglich unter­irdische, dazukommen – und irgendwann Provisorien wie am Hirschengraben zurückgebaut werden. Neue Dienstleistungen wie das per 2017 geplante Veloverleihsystem sollen ebenfalls zu einer attraktiveren, komfortableren Velostadt beitragen.

Schliesslich will die Stadt auch das Image der Velofahrenden verbessern. Heute wagten sich laut Wyss «vor allem die Geübten und Mutigen» mit dem Velo auf die Strasse. «Dazu gehören auch jene, die sich kaum an Verkehrsregeln halten.» Deren schlechtes Image behindere jedoch die Entstehung einer Velokultur, von der die gesamte Bevölkerung erfasst werde. Die Entschärfung von «Konfliktorten» oder Herzkleber auf dem Boden oder an Trams und Bussen sollen zu einem «respektvollen Miteinander» führen.

750'000 Franken für einen partizipativen Prozess

Die Medienkonferenz vom Montag läutete die Phase zwei der Velo-Offensive ein. In der ersten Phase wurde verwaltungsintern ein Jahr lang in direktionsübergreifenden Arbeitsgruppen darüber gebrütet, wie das Velofahren in Bern attraktiver gemacht werden kann. «Es ist ein Ruck durch die ganze Verwaltung gegangen», versicherte Adrian Stiefel, Leiter des Amts für Umweltschutz.

Nun sollen erste Massnahmen umgesetzt werden. Gleichzeitig wird ein Mitwirkungsprozess ­gestartet. In diesem sollen die Bevölkerung, Interessenvertreter aus dem Verkehrsbereich, politische Parteien, Wirtschaftsvertreter und weitere Anspruchsgruppen ein breit abgestütztes Massnahmen­programm für den Zeitraum bis 2030 erarbeiten.

Sowohl für die verwaltungsinterne Zusammenarbeit – deren Arbeitsgruppen sich weiterhin treffen werden – wie für den nun anlaufenden Einbezug breiter Bevölkerungsteile verweist der Gemeinderat auf etablierte Velostädte wie Kopenhagen oder München als Vorbilder.

Um in den kommenden zwei Jahren den geplanten partizipativen Prozess durchführen zu können und «eine interdisziplinäre Velo­förderung zu implementieren», beantragt der Gemeinderat beim Stadtparlament einen Kredit von 750'000 Franken.

Grossprojekte mit Aussicht auf Geld von Bund und Kanton

Ansonsten fallen die meisten Massnahmen unter das Reglement über die Förderung des Fuss- und Veloverkehrs. Dieses stellt der Verkehrsplanung jährlich 1,25 Millionen Franken zur Verfügung. Weil dieses Budget in den letzten Jahren nicht ausgeschöpft worden ist, stehen für die nächsten zwei Jahre zusätzlich 1,9 Millionen für die Velo-Offensive zur Verfügung.

Eine weitere halbe Million ist bis Ende 2017 für «kleinere direktionsspezifische Vorhaben» vorgesehen, die im Rahmen der ordentlichen Budgets verrechnet werden.

Am teuersten sind die grossen, bereits bekannten Infrastrukturprojekte, die über die Investitionsrechnung finanziert werden. Für sie sollen in den nächsten 15 Jahren rund 70 Millionen ausgegeben werden. Die grobe Schätzung geht davon aus, dass sämtliche grösseren Vorhaben wie die Velohauptrouten, die Fuss- und Veloverbindungen Breitenrain-Länggasse und Ausserholligen sowie neue Velostationen realisiert werden.

Diese Grossprojekte sind Bestandteil der Regionalen Gesamtverkehrs- und Siedlungskonzepte und damit für die Agglomerationsprogramme des Bundes vorgesehen. Sollten die Bundes- und Kantonsbeiträge dafür «im Einzelfall wider Erwarten nicht fliessen», schreibt der Gemeinderat im Vortrag an den Stadtrat, «wäre die Realisierung des betreffenden Vorhabens grundsätzlich infrage gestellt».

Keine Frage: Für die am Montag so richtig losgetretene Velo-Offensive der Stadt wäre ein Rückzug von Bund und Kanton ein herber Rückschlag. Doch unabhängig davon steht für Gemeinderätin Wyss ohnehin fest: «Um unsere Ziele zu erreichen, brauchen wir einen langen Atem.»

Berner Zeitung

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