Bern lanciert internationales Reporter-Festival

Bern

Mit dem Journalisten Daniel Puntas Bernet, Kopf des Medien-Start-ups «Reportagen», lanciert Bern Welcome Ende August 2019 ein internationales Reporterfestival. Und verleiht einen lukrativen Preis.

Er hat die Idee geliefert: Daniel Puntas Bernet, Chefredaktor des Magazins Reportagen.

Er hat die Idee geliefert: Daniel Puntas Bernet, Chefredaktor des Magazins Reportagen.

(Bild: Christian Pfander)

Jürg Steiner@Guegi

Die Medienkrise schwelt, Verlage kämpfen um ihre Zukunft, das Radiostudio der SRG soll nach Zürich verlegt werden – und die Stadt Bern organisiert seelenruhig ein dreitägiges Festival der geschriebenen Reportage, das ab 2019 jährlich stattfinden soll. Mit dem an diesem Festival verliehenen «True Story Award», der den Autor oder die Autorin der weltbesten Reportage prämiert, will sich Bern sozusagen als Hauptstadt der Reportagen auf dem medialen Globus verewigen.

Marcel Brülhart, Verwaltungsratspräsident der Tourismusorganisation Bern Welcome, lächelt. Das Festival sei nicht als Reaktion darauf zu verstehen, dass die SRG von Bern nicht mehr viel wissen wolle, versicherte er am Freitag.

Stütze für mutige Reporter

Brülhart glaubt, dass die Aufregung in der Medienbranche die Sensibilität des Publikums für die Produktionsbedingungen von Reportern eher erhöht habe. Und Bern mit dem neuen Festival deshalb «zur richtigen Zeit» komme – zumal man sich nicht mit einem kleinkarierten Blick auf die Konfliktachse Bern–Zürich begnügt, sondern weit in die Welt hinausschaut. Mutige und innovative Reporterinnen und Reporter seien dort besonders wichtig, wo der Verlust mehrstimmiger und unabhängiger Medien die freie Meinungsbildung beeinträchtige. Sie wolle man mit dem Festival und dem Award stützen, in Bern, São Paulo, Mogadiscio, Beirut, Minsk oder Wuhan.

Ein logistisch und intellektuell ambitiöses Vorhaben, und es ist logisch, dass als Ideengeber einer auftritt, der vor Ambitionen keine Angst hat. Daniel Puntas Bernet (53), Autor mit einem Flair für spanischsprachige Weltgegenden, hatte vor gut fünfzehn Jahren mit einem eher exotischen Thema seinen ersten Auftritt in der Berner Medienszene, als er in dieser Zeitung ein Interview mit dem damaligen spanischen Stürmerstar Raúl publizierte.

Lukrativer als Pulitzerpreis

Der knapper werdende Raum für ausführliche Reportagen in Schweizer Medien stachelte Puntas Bernet, der später bei der «NZZ am Sonntag» arbeitete, an, in Bern ein Start-up zu gründen, das diesen Platz wieder schafft. Seit 2011 erscheint das Magazin «Reportagen» zweimonatlich, prall gefüllt mit langen, anspruchsvollen Texten, mitunter von Topstars der Branche, aber ohne Bilder. Ein Format, das vermeintlich aus der Zeit gefallen ist, aber überlebt, mithilfe von Investoren und derzeit gegen 10000 Abonnenten.

In den sieben «Reportagen»-Jahren hat Puntas Bernet ein eindrückliches weltweites Netzwerk mit Reporterinnen und Reportern gebildet. In dieser Community stiess sein Vorhaben, zum Pulitzerpreis, der in US-Publikationen erschienene Texte berücksichtigt, eine Alternative zu schaffen, auf grosse Zustimmung. Der Berner Award bezieht auch die östlichen und südlichen Weltregionen ein. Die stolze Gesamtpreissumme von 177'000 Franken, wovon 30000 Franken dem Gewinner zufallen, dürfte Reporter selbst in abgelegensten Gegenden zur Bewerbung motivieren.

Die Hauptjury präsidiert die weissrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, ihrem Gremium arbeiten Jurorinnen und Juroren aus zwölf Sprachregionen zu, darunter Farsi, Chinesisch und Arabisch. Nominiert für den Final werden 42 Reporterinnen und Reporter, die, genau wie alle 50 Juroren, am 30. August 2019 nach Bern reisen und bis zum 1. September ein Festival bestreiten, dessen Organisation bei Bern Welcome liegt.

Geplant sind in den drei Tagen rund 50 öffentliche Veranstaltungen, mit Ausnahme der Siegerfeier im Stadttheater alle gratis. Man wird Reporterinnen und Reportern in Kleintheatern, Bibliotheken, Bars und Restaurants in Bern unkompliziert und teilweise ziemlich begegnen –dem unerschrockenen Li Haipeng etwa, der sich der Aufgabe verschrieben hat, in China ein unabhängiges Reporternetzwerk zu leiten.

Bern Welcomes neuer Geist

Interessiert das jemanden ausser den Reportage-Freak Daniel Puntas Bernet? Ja, sagt Sabrina Jörg, Leiterin Events bei Bern Welcome. Sie besuchte mit Puntas Bernet Anfang Oktober das traditionelle internationale Journalismusfestival in der italienischen Stadt Ferrara, das die Berner Initianten inspirierte – und bei dem 70'000 Besucher gezählt wurden.

Das Reportage-Festival in Bern soll schlank bleiben. Beispielsweise werde man kein Catering aufziehen. Das Budget liegt laut Marcel Brülhart bei rund 900'000 Franken. Die erste Ausgabe sei finanziert, man arbeite daran, für die langfristige Sicherung private Mäzene und Stiftungen anzubinden. Das Reporterfestival passe perfekt zum neuen Geist von Bern Welcome. Man erreiche für Bern «internationale Imagewirkung mit Inhalten und nicht bloss mit schönen Bildern», so Brülhart.

Berner Zeitung

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