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Bern braucht mehr als seinen «Charme»

Bleibt mein Unternehmen dank oder trotz dem Standort Bern erfolgreich? Das fragt Urs Berger, CEO der Mobiliar, in seinem pointierten Beitrag. Er nennt beim Namen, wie sich die Politik, die Bildungsanstalten und der Kulturbetrieb Berns verbessern sollten.

Die friedliche Stimmung unter Berns schönen Lauben macht die Bundesstadt noch nicht konkurrenzfähig.
Die friedliche Stimmung unter Berns schönen Lauben macht die Bundesstadt noch nicht konkurrenzfähig.
Daniel Fuchs

«Bern kämpft um die Anerkennung, nicht nur die Bundesstadt mit Sitz von Regierung und Parlament zu sein, sondern auch ein Wirtschaftsstandort von nationaler Bedeutung. Um das zu erreichen, braucht es eine grössere Anzahl nationaler und internationaler Unternehmen mit Sitz in der Region. Präsentiert sich Bern attraktiv genug, um eine bedeutende Wirtschaftsplattform zu werden?

Die Mobiliar mit rund 4000 Mitarbeitenden ist eines dieser wenigen Aushängeschilder von nationaler Bedeutung in der Berner Wirtschaft. Das ist keine arrogante Selbstüberschätzung, sondern ein von vielen Beobachtern bestätigter Eindruck. Die Mobiliar ist auch kein Emporkömmling, der auf einem kurzfristigen Wirtschaftshype surft. Die genossenschaftlich organisierte Versicherung schafft seit über 180 Jahren Wert in der Stadt Bern und entwickelte sich dabei zu einem der kräftigsten Steuerzahler. Mit ihren 82 selbstständigen Generalagenturen wirkt sie als Botschafterin in der ganzen Schweiz. Sie ist der Inbegriff von «Berner Swissness».

Zu wenig Durchmischung

Man kann sich nun fragen: Wurde und bleibt die Mobiliar ein erfolgreiches Versicherungsunternehmen dank oder trotz des Standortes Bern? Wirtschaftliche Entwicklung ist dann organisch, wenn es eine gesunde Durchmischung verschiedener Branchen gibt, wenn sich an einem Standort nationale, regionale und internationale Unternehmen ergänzen und gegenseitig inspirieren. Das ist in Bern leider kaum der Fall.

Wer eine Veranstaltung des Handels- und Industrievereins Bern (HIV) oder einen Abend der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft (VWG) besucht, der kennt bereits alle wichtigen Wirtschaftsgrössen aus Stadt und Region. Diese Überschaubarkeit ist an sich kein Nachteil, sie zeigt aber, wie schmal die Wirtschaftsplattform hier ist. Leider sind Neuansiedlungen von grösseren Unternehmen in Bern kaum erfolgt, auch wegen infrastruktureller Schwierigkeiten.

Berner Mängelliste

1) Die internationalen Verkehrs- und Transportanbindungen von Bern sind ungenügend.

2) Es fehlen günstige Rahmenbedingungen für den wirtschaftlichen Erfolg und Behörden, die sich entschlossen dafür engagieren.

3) Bewilligungs- und Verwaltungsverfahren sind schwerfällig und langwierig.

4) Wir vermissen effiziente Dialogplattformen zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

Man kann sich immer hinter der «Huhn-oder-Ei-Frage» verstecken: Ist es Aufgabe des Staates, ein infrastrukturelles Angebot aufzubauen, das momentan nicht kostendeckend ist? Oder muss man konsequent in eine Vorleistung gehen, um die Voraussetzungen für eine künftige Entwicklung zu schaffen?

Eines ist klar: Unternehmen erwarten von der Politik eine liberale Grundhaltung und wirtschaftliches Denken, welches die gesunde Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Bern unterstützt. Nicht zeitgemäss ist etwa das Zementieren und sogar der Ausbau staatswirtschaftlicher Monopole, wie dies bei der Revision des kantonalen Gebäudeversicherungsgesetzes vorgeschlagen wird. Die Entwicklung der Schweiz und Europas zeigt in eine ganz andere Richtung.

Zu wenig Wohnraum

Die Mobiliar ist der einzige Allbranchenversicherer mit Hauptsitz in Bern. Sie ist daher auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen, welche auch in Bern wohnen möchten. Der natürliche Charme der Stadt und der Region Bern reicht nicht als Argument. Die Siedlungspolitik generiert beispielsweise nicht genügend Wohnraum für unterschiedlich kaufkräftige Interessenten.

Noch deutlicher wirkt sich ein oft angeprangertes Manko aus: Bern ist nicht mehr sauber und nicht mehr sicher genug. Das Sicherheitskonzept der Stadt Bern ist ineffizient und unausgewogen. Man ist geneigt, zu sagen, dass die Abfallberge in den Gassen schneller und nachhaltiger wachsen als der Wohnraum für alle Alters- und Einkommensklassen.

Zu wenig Steuerzahler

Die Region Bern muss steuerlich attraktiver werden. Um das Steuersubstrat wesentlich zu erhöhen, sind Anreizsysteme für natürliche Personen in allen Einkommensklassen wichtig. Damit kann der Gefahr entgegengewirkt werden, dass sich insbesondere Kadermitarbeitende ausserhalb von Bern niederlassen. Konkurrenzfähige Steuersätze reichen jedoch nicht. Es braucht dann ein modernes Kommunikationskonzept, das die in diesem Bereich erzielten Fortschritte auch deutlich macht.

Die verschiedenen hochwertigen Bildungsinstitute der Region Bern stellen eine zukunftsträchtige Plattform als Kaderschmiede in ausgewählten Disziplinen dar. Die Wirtschaft ist jedoch darauf angewiesen, dass die erstklassigen Bildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten auf weitere Disziplinen und Branchen ausgedehnt werden.

Berner Bildungsmankos

Neben den ausgezeichneten Kompetenzzentren für Human- und Zahnmedizin, Recht, öffentliche Verwaltung, Klimatologie und anderes mehr vermissen wir zum Beispiel technologische Bildungskompetenz, betriebswirtschaftliche Institute von internationaler Prägung oder modernes Innovationsmanagement.

Die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft muss dringend ausgebaut werden. Dies ist möglich, ohne dass die wissenschaftliche Forschung bevormundet wird. Dazu müssen die oft allzu engen administrativen Fesseln durchschnitten werden. Die Mobiliar hat diese Zähflüssigkeit am eigenen Beispiel erfahren: In Zusammenarbeit mit der Universität Bern finanziert sie langfristig eine ausserordentliche Professur für die Klimafolgenforschung im Alpenraum.

Von der Unterzeichnung der Vereinbarung bis zur Arbeitsaufnahme eines Wissenschaftlers dauert es unverständlich lange, nicht Monate, sondern Jahre. An geeigneten Kandidaten fehlt es nicht. Dieses schleppende Auswahlverfahren schont zwar das Budget der Mobiliar, bringt uns aber bei der Prävention von Naturereignissen nicht weiter. Gut zu hören, dass die Berner Regierung und die vorberatende Kommission des Grossen Rates im neuen Universitätsgesetz die Auswahl der Professoren künftig der Universitätsleitung überlassen wollen.

Zaghafter Eventstandort

Die Berner Wirtschaft schätzt sportliche Aushängeschilder wie YB, SCB, BSV sehr. International beachtete Sportereignisse wie die Euro 08, die Eishockey-WM, ein Boxkampf um den WM-Gürtel lassen Bern in hellem Licht erstrahlen. Schön und gut. Doch das reicht nicht. Wo bleiben die möglichen Synergien, die nachhaltige Wirkung, von der die Berner Wirtschaft ebenfalls profitieren könnte?

Internationale Kongresse finden kaum den Weg nach Bern. Es fehlen genügend Hotelbetten, Eventhallen mit modernster Technologie oder Verkehrsmittel mit internationaler Anbindung. Der unkomplizierte Regionalflughafen Bern-Belp wäre mit einer kleinen Anzahl Tagesrandverbindungen in europäische Zentren mit Umsteigemöglichkeiten eine wichtige Ergänzung zur Bahnanbindung an die Flughäfen Zürich und Genf. Das Bekenntnis von Stadt und Kanton Bern zum Flughafen ist halbherzig, auch wenn eben ein Kantonsbeitrag an die Sicherheitskosten gesprochen wurde.

Als Präsident einer internationalen Vereinigung europäischer Versicherer habe ich Schwierigkeiten, Kongresse in Bern durchzuführen und damit auch Marketing für unsere Region zu betreiben. Kurze Reisezeiten und Technologie sind heutzutage Argumente, die gegen Bern und damit für andere Städte sprechen. Das ist jedes Mal eine verpasste Chance.

Kulturstadt Bern

Das Kulturangebot der Region ist vielfältig und auf ansprechendem Niveau. Die Berner Kultur und unsere Wirtschaft gehören symbiotisch zusammen und sollen sich gegenseitig animieren. Viele Kultur- und vor allem kulturelle Medienschaffende tun sich mit der Unterstützung durch die Wirtschaft jedoch schwer. Klar: Kulturelle Anlässe sollen nicht zu Werbeveranstaltungen für Unternehmen verkommen. Das Verhältnis zwischen Kultur und Wirtschaft könnte ich mir indessen unverkrampfter vorstellen.

An uns von der Mobiliar soll es nicht liegen: So veranstalten wir seit Jahren ein Gratiskonzert mit dem Berner Symphonieorchester auf dem Bundesplatz. Dieses Jahr laden wir gar zu einer Schweizer Premiere: Am 28.August wird Büne Huber mit Patent Ochsner und dem Berner Symphonieorchester über den Bundesplatz rocken. Ein Experiment, das unsere musikalische Neugier weckt, ein Geschenk der Burgergemeinde und der Mobiliar an die Bevölkerung Berns.

Disput um Bärenpark

Ohne ein Bekenntnis der Mobiliar zum Bärenpark und einem tiefen Griff in den Geldbeutel wäre ein Wahrzeichen unserer Stadt sang- und klanglos geschlossen worden. Die millionenschweren Betonspritzen in den Aarehang, die nötig wurden, sind unschön. Noch unschöner ist, dass sich Ersteller und Politiker nicht geschlossen hinter dieses einmalige Werk stellen und gemeinsam nach Auswegen aus dem Schlamassel suchen.

Dabei wirkt insbesondere das Abseitsstehen der Stadt Bern bei der Finanzierung störend. Auch die kommunikativen Schlammschlachten rund um den Bärenpark sind dieser Stadt unwürdig. Es fehlt leider oft an politischer Grösse und Kompetenz zum Wohl des Standortes Bern.

Erwartungen an Bern

Diese aus dem Alltag aufgegriffenen Beispiele rund um die Mobiliar illustrieren Versäumnisse und Potenzial unseres Standorts. Was wir von «Bern» erwarten, ist: langfristiges Denken; Verlässlichkeit in der politischen Aussage; Kreativität für lösungsorientiertes Arbeiten; einen erkennbaren Willen, das Wirtschaftswachstum zu fördern; schliesslich ein gesundes Selbstbewusstsein, die Marke Bern zu positionieren.

Die Mobiliar wird weiterhin dazu beitragen, Bern als Marke gut zu positionieren. Durch ihr langfristiges Bekenntnis zum Standort Bern. Und indem sie weit über Bern hinaus ein solides Berner Image verbreitet.

Ich lasse mich bei meinem Tun von Barack Obama motivieren: «Yes we can». Wir sind bereit zum Dialog mit allen interessierten Akteuren. Packen wir es an, gemeinsam für ein starkes Bern.

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