«Bekult ist etwas eingeschlafen»

Bernhard Giger, Leiter des Kornhausforums, wird heute Abend aller Voraussicht nach zum neuen Bekult-Präsidenten gewählt. Der 64-Jährige spricht über seine Pläne für die Berner Kultur, den neuen Stadtpräsidenten – und sein Gehalt.

«Ich hoffe, dass ein alter Sack noch frischen Wind bringen kann»: Bernhard Giger (64).

«Ich hoffe, dass ein alter Sack noch frischen Wind bringen kann»: Bernhard Giger (64).

(Bild: Urs Baumann)

Herr Giger, sind Sie der frische Wind, den Bekult braucht?Bernhard Giger: Ich hoffe, dass ein alter Sack noch frischen Wind bringen kann. (lacht)

Wozu braucht es eigentlich Bekult?Der Dachverband vereint über 70 Berner Kulturveranstalter. Somit ist er der Grösste seiner Art und hat entsprechend Gewicht. Bekult ist ein Gegenpol zur Verwaltung und ermöglicht den direkten Dialog zwischen den Veranstaltern.

Was der Verband genau macht, wissen in Bern die wenigsten.Wenn dem wirklich so ist, wäre das schlecht. Bekult will ja gerade eine Öffentlichkeit schaffen. Es ist ein Ziel von mir, dass man uns stärker wahrnimmt.

Wie wollen Sie das erreichen?Indem wir uns einmischen und öffentlich äussern.

Welche Erfolge kann der Dachverband vorweisen?Dank dem Druck von Bekult ist etwa das Nachtlebenkonzept zustande gekommen.

Unter «Aktuelles» gibt es auf der Bekult-Website zwei Einträge in den letzten zwei Jahren.Es ist wahr, Bekult ist etwas eingeschlafen.

Warum?Da sind wir alle mitschuldig. Ich war jetzt zwei Jahre Vorstandsmitglied und habe mich auch nicht immer eingebracht.

Oder es gibt in der Berner Kultur keine dringenden Probleme.Kommt darauf an, was Sie als dringendes Problem bezeichnen. Wir haben eine grosse Vielfalt. Dieses spannende Kulturangebot ist nicht selbstverständlich, und es muss erhalten werden.

Was sind konkrete Themen?Wir wissen nicht, wie sehr Alec von Graffenried hinter der neuen Kulturstrategie steht. Noch letztes Jahr hat er sich skeptisch ­darüber geäussert. Ob die Stadt die darin festgehaltenen Massnahmen wirklich umsetzt, ist also noch ungewiss. Auch die Frage, was wir mit dem öffentlichem Raum machen, beschäftigt Bekult weiterhin. Oder das Bewil­ligungswesen: Von Graffenried spricht von einer zentralen Stelle, die geschaffen werden soll. Schauen wir mal, ob das funktioniert – sonst müssen wir dafür kämpfen.

Der scheidende Präsident Christian Pauli hat auch mal die Konfrontation gesucht (siehe Kasten unten). Wie halten Sie es?Mir geht es um die Sache, nicht darum, persönliche Animositäten öffentlich auszutragen. Ob Stadt oder Veranstalter, wir verfolgen letztlich dasselbe Ziel: ein vielfältiges Kulturangebot. Was nicht heisst, dass es immer harmonisch zu und her gehen muss. Wer mich kennt, weiss, dass ich den Mund sehr wohl aufmachen kann.

«Nach meinem Film ‹Der Pendler› sagten Freunde: ‹Das bist eigentlich du.›»Bernhard Giger

Die Stadt spricht gerne von ­kulturellen Leuchttürmen . . .Ich befürchte, dass man in Bern zu sehr auf Leuchttürme setzt. Mir ist noch nicht klar, wo diesbezüglich der neue Stadtpräsident steht. Neue Initiativen wie «Berne welcome» dienen vor allem der Eventkultur, nicht den kleinen Kulturhäusern.

Aber mit der Vielfalt holt man keine Gäste nach Bern.Wir mischen eh nicht bei den ganz Grossen mit. Natürlich ist es wunderbar, wenn Bern etwas anreisst und es international wahrgenommen wird. Aber das heisst nicht, dass man in der Kulturpolitik einseitig nur auf die grossen Nummern setzen soll.

Sie führen mit der städtischen Kultursekretärin Veronica Schaller die Reihe «Berner Kulturgespräche» durch.Die Idee dazu kam von Veronica Schaller. Das war eine Offenheit ihrerseits, die mich gefreut hat.

Schaller wurde von ihrem Vorgänger öfters heftig kritisiert.Die Kommunikation zwischen ihrer Abteilung und der Kulturszene war manchmal schwierig. Umgekehrt haben wohl auch wir Veranstalter Schaller gelegentlich zur Weissglut getrieben. Wir sind nicht immer auf der gleichen Seite. Das muss man aber nicht zum persönlichen Konflikt machen.

Als Präsident von Bekult müssen Sie sich auch mal gegen die Kultursekretärin stellen – haben Sie nicht einen Rollenkonflikt?Oft haben Bekult und die Stadt gemeinsame Interessen, zum Beispiel, wenn es um Sozialleistungen für Kulturschaffende geht wie beim nächsten «Kulturgespräch». Aber klar: Bei jedem ­Anlass müssen die Rollen im Vorfeld definiert werden. Ich bin mir diese Arbeitsweise gewohnt. Nach meinem Film «Der Pendler» sagten Freunde: «Das bist eigentlich du.»

Wurden Sie vom Vorstand also einstimmig als Bekult-Präsident vorgeschlagen, weil Sie zwischen allen Positionen «pendeln» können?Wenn man das jetzt bloss nicht negativ auslegt. (lacht) Dass ich einstimmig vorgeschlagen wurde, hat mich echt gerührt. Der Grund ist wohl, dass ich in der Stadt ein breites Netzwerk habe und nicht nur zu meiner Generation, sondern auch zu Jüngeren einen guten Draht habe.

Sie haben die Berner Kulturkonferenz mitorganisiert, die unter anderem die städtische Kulturstrategie angestossen hat.Das stimmt, eine ganze Reihe von Massnahmen, welche die Kulturkonferenz vorgeschlagen hat, sind nun in der Strategie der Stadt zu finden.

Bekult wirkt demgegenüber träge. Warum wollen Sie Präsident eines trägen Vereins werden?Weil ich der Meinung bin, dass Bekult eine wichtige Einrichtung ist. Und sie existiert bereits, darum sollten wir auch damit arbeiten.

Braucht Konzert Theater Bern eine Frau an der Spitze des Stiftungsrats?Diese Forderung ist nachvollziehbar. Für mich sollte das Amt aber die fähigste Person übernehmen, nicht zwingendermassen eine Frau.

Das Schlachthaus-Theater und die Dampfzentrale haben sich erfolgreich gegen eine Fusion gewehrt – eine vertane Chance?Im Grundsatz bin ich fürs Nutzen von Synergien. Das heisst nicht, dass ein Zusammenschluss immer das Sinnvollste ist. Besonders, wenn er von aussen aufgedrängt wird.

Müssen Kaderlöhne von Kulturinstitutionen transparent gemacht werden?Ich finde es gut, wenn Transparenz herrscht. Aber Berner Kulturhäuser funktionieren auch, wenn man nicht weiss, wie viel KTB-Intendant Stephan Märki verdient. Ich kann meinen Lohn natürlich offenlegen.

Dann los.8000 Franken bei 80 Stellenprozenten.

Wenn Sie die Fee mit dem Zauberstab wären: Was würden Sie sich für die Berner Kulturszene wünschen?Bei uns ist alles stark geregelt: Ich wünschte mir weniger Schwerfälligkeit und Bürokratie.

Aber das ist doch ein Gegensatz zur Kulturstrategie, die ein wahres Bürokratiemonster ist!Nein, es geht in der Strategie darum, dass die Kulturpolitik einen Rahmen schaffen muss. Wie dieser Rahmen gefüllt wird, soll nicht die Politik sagen. Die kulturellen Inhalte müssen frei sein.

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