Beim Hochhaus gehen die Emotionen hoch

Ostermundigen

Am 29. November entscheidet das Ostermundiger Stimmvolk über das 100-Meter-Haus auf dem Bärenareal. Gegner Melchior Dodel und Pro-Komitee-Chef Roger Schneiter im Streitgespräch über das höchste Haus im Kanton.

Pro und Contra im heutigen Bären-Säli: Roger Schneiter (links) setzt grosse Hoffnungen in das Hochhaus, Melchior Dodel sähe viel bessere Möglichkeiten.

Pro und Contra im heutigen Bären-Säli: Roger Schneiter (links) setzt grosse Hoffnungen in das Hochhaus, Melchior Dodel sähe viel bessere Möglichkeiten.

(Bild: Enrique Muñoz García)

Markus Zahno

Herr Dodel, warum kämpfen ausgerechnet Sie als Stadtberner gegen das Ostermundiger Hochhaus?
Melchior Dodel: Es sind einfach zu viele Fragen ungelöst, zum Beispiel punkto Verkehr. Das Hochhaus hat extreme Auswirkungen auf die Nachbarschaft. Insofern sind wir im Burgfeldquartier stärker davon betroffen als die meisten Ostermundiger.

Persönliche Betroffenheit ist Ihr einziges Argument?
Dodel: Nein, uns beschäftigen viele Fragen, die auch Ostermundigen betreffen. Der Mehrverkehr ist die eine. Eine andere: Kann der Bären die angepriesene Zentrumsfunktion wirklich übernehmen? Zudem wird das Haus dominant für das Ortsbild sein.

Herr Schneiter, warum sind Sie für das Hochhaus?
Roger Schneiter: Weil es ein wichtiges Projekt für die Entwicklung der Gemeinde ist. Es gibt uns ein Zentrum, das wir bisher nicht hatten, und die neuen Wohnungen ziehen gute Steuerzahler an. Natürlich gibt es auch Negativpunkte, aber die positiven überwiegen bei weitem.

Ihre Argumente in Ehren, aber letztlich soll das Hochhaus doch vor allem den Investoren Gewinn bringen.
Schneiter: Wer so viel Geld in ein Projekt investiert, will einen Nutzen daraus ziehen. Das ist sonnenklar. Aber auch die Bevölkerung profitiert: Sie erhält ein Zentrum mit Hotel, Büros, Läden und einem öffentlichen Platz.

Herr Dodel, 100 Meter hoch zu bauen, ist doch besser, als grüne Wiesen zu verbauen?
Dodel:Für ein 100 Meter hohes Haus ist das Bärenareal zu klein. Warum funktionieren die Hochhäuser in Wittigkofen? Weil genügend Platz dazwischen ist, weil man kein Gefühl von Enge hat. Verdichtetes Bauen ist ein Gebot der Stunde. Aber leider hat man in Ostermundigen nie geprüft, ob es bessere Möglichkeiten gibt als diesen 100-Meter-Turm.

Sie meinen den fehlenden Architekturwettbewerb.
Dodel: Ja. Bei jedem anderen Vorhaben dieser Tragweite gibt es einen Wettbewerb. 100 Teams suchen die besten Lösungen, woraus man die allerbeste auswählen kann. Das Bären-Projekt ist keine Bestlösung für die Gemeinde, sondern für die Investoren.
Schneiter: Ein Hüftschuss ist dieses 140-Millionen-Projekt sicher nicht. Und: Das Bärenareal gehört Privaten, nicht der Gemeinde. Wer soll einen solchen Wettbewerb denn zahlen?
Dodel: Die Gemeinde kann das den privaten Investoren zur Auflage machen. Tut sie das nicht, hat sie am falschen Ort gespart.

Befürworter betonen immer wieder, das Hochhaus sei ein «Leuchtturm». Ist das Hochhaus ein reiner Prestigebau?
Schneiter: Nein. Ein «Leuchtturm» ist ein überregionales Signal für verdichtetes Bauen, ein Projekt, das Land spart und den nächsten Generationen zugute kommt.
Dodel:Noch mal: Es gibt auch andere Verdichtungsmöglichkeiten als ein 100-Meter-Haus.
Schneiter:Aber Sie müssen immer auch Investoren finden, die sie umsetzen.

In 20 Jahren wird sich die Region sowieso ans Bären-Hochhaus gewöhnt haben, einverstanden?
Dodel: An jede Bausünde gewöhnt man sich früher oder später. Aber jetzt haben wir es immer noch in der Hand, eine bessere Lösung zu suchen.

Dass Sie als Stadtberner bei dieser Diskussion mitreden, kommt in Ostermundigen nicht gut an.
Dodel: Genau diesen Bern-Ostermundigen-Konflikt wollten wir vermeiden, deshalb haben wir die erste Serie der Nein-Flugblätter ohne Absender verschickt. Auf allen weiteren war der Absender dann aber drauf.
Schneiter: Warum waren Sie als Gegner eigentlich nicht bereit, an der Podiumsdiskussion zum Bären-Zentrum aufzutreten?
Dodel: Das war eine Werbeveranstaltung der Investorin, der Halter AG. Da sprachen lauter Kommunikationsprofis. Bei so ungleich langen Spiessen hätten wir schlecht ausgesehen.
Schneiter: Ich bin kein Kommunikationsprofi und war auch auf dem Podium. Wir haben uns den kritischen Fragen aus dem Publikum gestellt, haben uns nicht verweigert.
Dodel: Aber wir wollen auf Augenhöhe diskutieren. Bei diesem Gespräch hier ist das zum ersten Mal wirklich der Fall.

Die Hochhaus-Befürworter betonen, wie ideal das Bärenareal mit dem ÖV erschlossen sei. Vor der Tramabstimmung klagten die gleichen Leute, wie schlecht die Situation beim 10er-Bus sei. Das ist ein Widerspruch.
Schneiter: Es ist klar, dass die heutige Busverbindung über längere Sicht nicht haltbar ist. Vermutlich liessen sich vor der Tramabstimmung viele Leute von den Kosten abschrecken. Dass der Verkehr zunimmt, ist eine Zeiterscheinung. Wenn man das nicht will, muss man aufhören zu wachsen.
Dodel: Man kann den Spiess auch umdrehen. Zuerst sollte man das Verkehrsproblem lösen, bevor man weiteren Verkehr generiert. Irgendwo in Unterlagen zum Hochhaus steht, der Busfahrplan müsse verdichtet werden. Aber das ist schlicht unmöglich.
Schneiter: Ja, es braucht andere Lösungen. Die ganze Region ist gefordert. Das Zentrum Bären wird das Verkehrsproblem weder verschlechtern noch lösen.

Noch etwas anderes: Die Gegner bezweifeln, dass der geplante Bärenplatz zum Zentrum für die ganze Gemeinde wird.
Dodel: Der Bären steht hinter dem Bahndamm, am Rand von Ostermundigen. Das eigentliche Leben findet woanders statt. Es gibt genügend Beispiele von neuen Zentrumsplätzen, die nicht funktionieren.

Zum Beispiel Worb.
Schneiter:Mag sein. Aber es gibt auch positive Beispiele wie das Haus der Religionen. Dieses Areal wurde von einem Unort zu einem funktionierenden Zentrum.
Dodel:Aber die Leute brauchen Gründe, um auf einen Zentrumsplatz zu kommen. Das Haus der Religionen funktioniert dank überregionalen Anlässen.
Schneiter: Genau deshalb wird jetzt geprüft, im Zentrum Bären einen neuen Gemeindesaal zu integrieren.
Dodel: Prüfen allein reicht nicht. Die Behörden hätten den Saal zur Bedingung machen müssen. Sie haben sich zu schlecht verkauft.

Das Hochhaus könnte in Ostermundigen weitere Investitionen initiieren.
Dodel: Für mich tönt das nach einem Hochglanzversprechen. Ich sehe nicht ein, warum andere Investoren deswegen nach Ostermundigen kommen sollten. Wichtiger sind doch eine gute Schule, gute Einkaufsmöglichkeiten und anderes.
Schneiter: Aber das Projekt wäre ein Signal, dass wir etwas machen und die Zukunft gestalten wollen.

Falls das Stimmvolk Nein sagt: Was ist die Alternative?
Schneiter:Der heutige Bären verschwindet so oder so. Dann entsteht wahrscheinlich ein weniger hoher, dafür wuchtigerer Klotz mit Wohnungen – ohne öffentlichen Platz und ohne zusätzliche Arbeitsplätze.
Dodel:Sie haben schlicht kein Vertrauen in die kreativen Prozesse. Ein Wettbewerb würde zeigen, dass andere, bessere Lösungen möglich sind.
Schneiter: Wollen wir einen öffentlichen Platz, müssen wir in die Höhe bauen. Und kreative Kräfte sind ja im Gestaltungsbeirat eingebunden.
Dodel: Aber seien wir ehrlich: Dieser Beirat kann, überspitzt gesagt, nur bei Details wie den Blumentöpfen mitreden.

Ganz konkret, Herr Dodel: Was passiert auf dem Bärenareal, wenn das 100-Meter-Haus abgelehnt wird?
Dodel: Das würde der kreative Prozess zeigen. Ein Versuch wäre es auf jeden Fall wert.

In Ostermundigen äussert sich kaum jemand öffentlich gegen das Hochhaus. Ist die Abstimmung bereits entschieden?
Dodel: Ich gehe von einem Ja zum Hochhaus aus. Die Diskussion, die nun läuft, wird die Aussagekraft des Abstimmungsergebnisses aber so oder so steigern.
Schneiter: Ich rechne mit einem deutlichen Ja. Dass das Volk den Mehrwert dieses Projektes sieht.

In Zahlen?
Schneiter:Sagen wir mal: 60 Prozent Ja zu 40 Prozent Nein.
Dodel: 40 Prozent Nein? Das wäre für uns schon ein Erfolg.

Berner Zeitung

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