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Behinderte leisten präzise Arbeit, damit es rund läuft

Im Blinden- und Behindertenzentrum Bern in der Länggasse werden Spitzenprodukte hergestellt – zum Beispiel Räder für Elektrovelos. Alle Elemente müssen im Promillebereich exakt aufeinander abgestimmt sein.

Hannah Einhaus
Jedes Detail muss stimmen: Mitarbeiter des Blinden- und Behindertenzentrums Bern bei der Montage von Velorädern.
Jedes Detail muss stimmen: Mitarbeiter des Blinden- und Behindertenzentrums Bern bei der Montage von Velorädern.

Der Weg vom Empfang in die Velowerkstatt des Blinden- und Behindertenzentrums Bern führt durch weiss getünchte Gänge, an weissen Türen vorbei, die mit schwarzen Buchstaben und Zeichen der Blindenschrift Braille beschriftet sind. In den meisten Räumen sorgen breite Glasfronten für Tageslicht. Hier wird geflochten, gebündelt, verpackt, gesägt, montiert und zusammengesteckt. In der Velowerkstatt sitzen an mehreren Tischen sechs Männer konzentriert vor einer Vorrichtung, auf der sich ein Velorad vertikal drehen lässt. In Teilschritten produzieren sie hier Räder, die Topqualität aufweisen müssen.

Die Velowerkstatt des Blinden- und Behindertenzentrums Bern erwirtschaftet pro Monat einen Umsatz von rund 6000 Franken. Beim Endprodukt wird die Herstellung der Räder im Zentrum nicht speziell erwähnt. «Wir wollen den sozialen Faktor des Produkts nicht hervorheben», sagt Yvonne Uhlig, Verantwortliche Kommunikation. «Was zählt, ist die Qualität.»

Bekannte Kunden

Bei der Laufradmontage setzen die Männer mit einer Behinderung zwischen Nabe und Felgen Speiche um Speiche ein. Um eine regelmässige Spannung zu erreichen, wiederholen sie kleine Drehungen von Schräubchen. Nach einer Runde testen sie an einer Vorrichtung, ob auch Nabe und Felgen präzise eingesetzt sind. Nach dieser Grobmontage folgen Messungen und Anpassungen mit Präzisionsinstrumenten.

Alle Elemente müssen am Schluss im Promillebereich exakt aufeinander abgestimmt sein, bevor sie zur Qualitätskontrolle bei Gruppenleiter Stefan Ege kommen. Erst mit dessen kritischer Überprüfung am Computer ist das Produkt ISO-tauglich und bereit zur Auslieferung an die Kunden. Diese heissen unter anderem Biketech, Thömus Veloshop oder GPR, die neben Fahrrädern auch Elektrovelos herstellen. Da ist kein Fahrrad unter 2000 Franken und kein E-Bike unter 5000 Franken zu haben.

Ein Gewinn für alle

Jedes Rad ist handgefertigt – eine aufwendige Arbeit. In der Privatwirtschaft würde dieselbe Arbeit mehrere Hundert Franken pro Rad kosten. Deswegen lassen die meisten Veloproduzenten solche Räder in Asien herstellen. Die Werkstätten des Zentrums verlangen für dasselbe Produkt deutlich weniger als hundert Franken. «Das ist eine Win-win-win-Situation», erwidert Yvonne Uhlig auf die Frage, ob dies nicht eine Form von Ausbeutung sei. Die Kunden erhielten ein Topprodukt zu einem erschwinglichen Preis, hergestellt in der Region. Das Blinden- und Behindertenzentrum Bern mache damit Umsatz. Die Mitarbeitenden mit einer Behinderung wiederum hätten nebst der IV-Rente ein Einkommen, das ihnen weitgehend ein selbstständiges Leben in einer eigenen Wohnung ermögliche. Dazu kämen Erfahrungen von Teamarbeit und Weiterbildungen.

Die Montage der Hightech-räder ist nur eine von vielen Dienstleistungen und Produkten in den Werkstätten. Eine lange Tradition hat die Herstellung von Spezialbürsten. Neben Reinigungs- und Schuhbürsten werden auch firmenspezifische Produkte hergestellt wie feine Bürstchen für Nespresso-Maschinen. Bei den Sesselflechtern erhalten Bistrostühle mit einem neuen oder reparierten Geflecht die nötige Spannung. In der Schreinerei entstehen unter anderem Möbel und Serienprodukte für die Industrie, und in der technischen Montage werden Airbagfedern abgefüllt.

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