Bauen in Bern – Miteinander oder gegeneinander?

Bern

An Bauprojekten der Stadt Bern wie Gaswerk oder Feuerwehrkaserne wird Kritik geübt. Was ist das Problem: Behörden, die ihre Agenda durchsetzen wollen – oder Bürger und Parlamentarier, die jedes Projekt verschleppen?

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Christoph Hämmann

Die Bauprojekte der Stadt Bern im Gaswerkareal und bei der alten Feuerwehrkaserne unterscheiden sich ganz wesentlich: Das eine eröffnet oberhalb des Marzilibads die Möglichkeit für einen neuen Quartierteil, beim anderen harrt ein überschaubarer, teilweise denkmalgeschützter Bau neben dem Viktoriaplatz einer neuen Nutzung, weil die Berufsfeuerwehr auszieht. Beim Gaswerk geht es um rund 200 Wohnungen, bei der alten Feuerwehrkaserne um zehnmal weniger.

Doch die Projekte haben auch etwas gemeinsam. Bei beiden lässt sich trefflich darüber streiten, ob Stadtregierung und -behörden ihren Willen durchdrücken wollen, beim Gaswerk im Verbund mit der Losinger Marazzi AG – oder ob Parlament und Bevölkerung nicht damit aufhören können, die Planungen mit immer neuen Vorgaben zu verzögern.

Finanzdirektor kritisiert die Quartierkommission

Zu beiden Projekten sind im Stadtrat zahlreiche Vorstösse hängig. Vor gut zwei Wochen verlangten die Grünliberalen Melanie Mettler und Sandra Ryser, die Entwicklung des Areals der alten Feuerwehrkaserne zu etappieren und vorerst auf eine Überbauung des Innenhofs zu verzichten.

Gleichzeitig ist die Quartierkommission Dialog Nordquartier daran, die Zwischennutzung für einen Teil der Kaserne zu koordinieren (wir berichteten). Hinter den Kulissen weibelt die Kommission dafür, dass die Erfahrungen mit den Zwischennutzungen ins Konzept für die neue Gestaltung des Areals einfliessen sollen. Dieses Anliegen vertritt auch eine vor Monatsfrist eingereichte Motion der SP.

Doch wie es aussieht, kommt die Forderung zu spät. «Der Zug hat sich in Bewegung gesetzt und den Bahnhof bereits verlassen», sagt Gemeinderat Alexandre Schmidt (FDP), Präsident der Betriebskommission des städtischen Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik. Natürlich könne ein Zug grundsätzlich immer zurückbeordert und die Weichen neu gestellt werden.

«Ich glaube aber nicht, dass dies bei diesem Geschäft im Sinne einer wohnbaupolitischen Stadtentwicklung wäre», so Schmidt. «Es ginge viel Zeit verloren, würde den Prozess verteuern und widerspräche den bereits festgelegten Abläufen und Zielen.»

Laut Schmidt hat die Quartierkommission von Anfang an mitgewirkt. Dann habe sie sich ausgeklinkt und melde sich jetzt wieder, wo die Behörden weitermachen wollten. «Betriebskommission und Gemeinderat haben entschieden, nicht zuerst Zwischennutzungen und damit letztlich Einzelinteressen abzuwarten und auszuwerten, sondern bei der Planung der Endnutzung vorwärtszumachen.»

Im ersten Quartal 2015 soll ein Wettbewerb für Planer und Investoren starten. «Wir warten schon lange, dass der Dialog Nordquartier seinen Delegierten für die Wettbewerbsjury bestimmt.»

«Elchtest» zur Verdichtung – unterschiedlich interpretiert

Ob auch der Hof der alten Kaserne überbaut werden solle, sei gar ein «Elchtest», so Schmidt: «Verdichten wir, oder verdichten wir nicht?» Der 2008 genehmigte Zonenplan gibt einen Mindestwohnanteil von 45 Prozent vor. Dafür müsse der Hof unbedingt in die Baupläne integriert werden. «Alle reden von Verdichtung. Wenn es konkret wird, kommen die vielen Wenn und Aber.»

Eines der Aber kommt von der GLP. «Der Schlussbericht zu den Workshops empfiehlt deutlich, den Kasernenhof nicht zu bebauen», heisst es in ihrem Vorstoss. Voreilig auf die Überbauung des Innenhofs auszuweichen, verbaue die Möglichkeit, beim Neubau Gotthelfstrasse auf der einen und bei der Umgestaltung des Viktoriaplatzes auf der anderen Seite ohne viel zusätzlichen Freiraumverbrauch eine viel grössere Verdichtung zu erreichen, ergänzen die Motionärinnen Mettler und Ryser.

Tatsächlich steht im Bericht als «eindeutiges Fazit», der Hofbau mit Tiefgarage sei zurückzustellen. Die künftige Hofnutzung solle bei der Umgestaltung des Viktoriaplatzes in diesem grösseren Kontext betrachtet werden.

Doch Gemeinderat Schmidt hat den Bericht weniger eindeutig interpretiert. «Wir haben zwei Varianten gemixt und entschieden, sogar mehr als 45 Prozent Wohnnutzung zu realisieren», sagt er. «Wir nehmen die Forderung nach mehr Wohnraum ernst.»

Und wieso wurde vor einem Jahr über das «Konzept Nutzungsentwicklung» nicht breit informiert? «Der Bericht ist ein internes Arbeitsinstrument, der eine Grundlage bildet für Entscheidungen, jedoch nicht Entscheidungen vorwegnehmen kann.»

Kritik zu Kaserne kommt zu spät – beim Gaswerk zu früh?

Die GLP möchte, dass der Stadtrat dem Gemeinderat zum Programm für den Projekt- und Investorenwettbewerb Feuerwehrkaserne politische Vorgaben mitgibt. Über das konkrete Projekt hinaus sieht Mitmotionärin Mettler bei den aktuellen Wettbewerbsprozessen grundsätzlichen Handlungsbedarf (siehe Infobox).

Auch zum Gaswerkareal liegt seit Ende Oktober ein Bericht vor, von dem ausserhalb der involvierten Gremien noch kaum jemand Notiz genommen hat. Diesem «Bericht zur Testplanung» begegnete nur, wer auf der Website zur Planung nach ihm suchte (siehe Kontext).

Das passt zur Befürchtung, die seit Beginn der Gaswerkplanung aus vielen Vorstössen spricht: dass die Stadtbehörden und die Losinger Marazzi AG, die das Areal im Auftrag der Stadt entwickelt, am Schluss ein Projekt vorlegen, wie es die Arealentwicklerin von Anfang an bauen wollte.

«Ich teile diese Ängste nicht», sagt Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP), zu dessen Direktion das Stadtplanungsamt gehört. «Mit der Testplanung wurde auf dem Gaswerkareal noch kein einziger Nagel eingeschlagen.» Das weitere Vorgehen sei nun Sache der Politik, die Ergebnisse der Testplanung «im besten Fall hilfreich für die politische Diskussion».

Die Stadt habe für das Areal, das Energie Wasser Bern gehört, bekanntlich ein Vorkaufsrecht, so Tschäppät. Seine Idee sei, dass die Stadt das Land kaufen werde. «Alles anders fände ich falsch.» Ob die Stadt dann auch bauen werde oder das Land im Baurecht abgebe, sei offen.

Bereits sicher dürfte sein, dass sich Parlament und Volk bis zum Baubeginn noch zu vielen Fragen werden äussern wollen. Ob man sie lässt?

Berner Zeitung

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