Bald Tempo 20 am Viktoriaplatz?

Bern

Ein Novum für die Schweiz: Auf dem Berner Viktoriaplatz soll Tempo 20 eingeführt werden. Trotz einer Einsprache gegen die Temporeduktion dürfte das Regime schon ab Sommer gelten.

Auf allen Einfallstrassen zum Viktoriaplatz wird bald Tempo 20 signalisiert.

Auf allen Einfallstrassen zum Viktoriaplatz wird bald Tempo 20 signalisiert.

(Bild: Beat Mathys)

Markus Ehinger@ehiBE

Fast jede Fahrschülerin und jeder Fahrschüler hat Bammel vor dieser Kreuzung. Im Minutentakt überqueren Trams, Autos, Velos und Fussgänger die Strassen. Es gilt Rechtsvortritt, jeder Verkehrsteilnehmer muss konzentriert sein. Entsprechend ist der Viktoriaplatz beliebt bei Fahrlehrern, die ihre Schülerinnen und Schüler hier regelmässig testen. Erst in einigen Jahren gibt es Entlastung. Im Rahmen des Projekts «Dr nöi Breitsch» soll die Kreuzung ab Sommer 2020 zu einem Kreisel umgebaut werden. Der Kreisverkehr gilt voraussichtlich ab Ende 2022.

Tempo 20, nicht 20er-Zone

Bis es so weit ist, soll auf dem Viktoriaplatz Tempo 20 eingeführt werden, heute gilt noch Tempo 50. Dies bestätigt der Stadtberner Verkehrsplaner Karl Vogel. Er betont, dass es sich nicht um eine 20er-Zone, sondern um eine «streckenbezogene Geschwindigkeitsreduktion gemäss Signalisationsverordnung» handle. Bei einer 20er-Begegnungszone, die man vor allem in Quartierstrassen kennt, hätten zum Beispiel spielende Kinder Vortritt.

Trotzdem wolle man Tempo 20 genau wegen der schwächeren Verkehrsteilnehmern einführen, sagt Vogel. Geplant ist auch eine Fahrbahnverengung für Autos sowie neue Markierungen für Velos. Die Fussgängerstreifen bleiben bestehen.

Der Erste der Schweiz

Die Stadt Bern schafft damit auf einem sehr kurzen Abschnitt von 50 auf 20 Kilometer pro Stunde einen schweizweiten Präzedenzfall. Es gibt bisher nirgends eine Kreuzung mit Tempo 20 auf einer Hauptverkehrsachse, die sogar vom öffentlichen Verkehr genutzt wird. «Ja, das ist ein Novum», sagt der Stadtberner Verkehrsplaner. Auch wenn die Autofahrerinnen und -fahrer den Viktoriaplatz schon heute recht vorsichtig passierten, führe man das neue Temporegime aus Sicherheitsgründen ein, «damit wirklich allen klar ist, dass man hier langsam fahren muss». Vogel denkt dabei vor allem auch an Auswärtige.

Beim Viktoriaplatz handle es sich um einen Unfallschwerpunkt. Die Kantonspolizei Bern kann dies allerdings weder bestätigen, noch will sie dies dementieren. «Wir schlüsseln die Unfälle nicht nach Örtlichkeit aus und können aus diesem Grund hierzu keine Statistik ausweisen», sagt Sprecherin Franziska Liniger. Weiter Stellung beziehen zum neuen Temporegime will die Kantonspolizei nicht. Die Polizei stehe in solchen Projekten lediglich beratend zur Verfügung, heisst es auf Anfrage.

Einsprache gegen Tempo 20

Kürzlich lief die Einsprachenfrist ab. Eine Person, die am Viktoriaplatz wohnt, hat Beschwerde eingereicht. Sie befürchtet vor allem mehr Lärm, weil man von 50 auf 20 abbremsen respektive wieder von 20 auf 50 Kilometer pro Stunde beschleunigen muss. «Künftig soll aber Tempo 50 in der Stadt Bern eher die Ausnahme bilden», sagt Karl Vogel.

«Künftig soll Tempo 50 in der Stadt Bern eher die Ausnahme bilden.»Karl Vogel, Verkehrsplaner Stadt Bern

Die Stadt plant, auf zusätzlichen Abschnitten Tempo 30 einzuführen. «Dort ist die Differenz zu Tempo 20 nur noch klein.» Man führe nun mit der einsprechenden Person Verhandlungen. Vogel ist zuversichtlich, dass auf dem Verkehrsknoten schon in diesem Sommer Tempo 20 gelten wird. Und er betont, dass nach der neuen Signalisation die Verkehrssituation beobachtet werde. Allenfalls sei dann eine Temporeduktion auch auf anderen vergleichbaren Verkehrsknoten denkbar.

«Bevorzugt Velofahrer»

Gar keine Freude am neuen Temporegime hat Thomas Ingold, Präsident der Quartierorganisation Leist Bern-Nord. «Das ist erneut ein unsinniger Streich der Verkehrsplaner», sagt Ingold. Er könne nicht verstehen, warum man nun Tempo 20 mit allen baulichen Massnahmen einführen wolle, wenn in ein paar Jahren der ganze Platz sowieso umgestaltet werde. Er bezeichnet das Vorhaben als Zwängerei und als weitere einseitige Bevorzugung der Velofahrer. «Dem motorisierten Individualverkehr soll die Kreuzung zum Verleiden gebracht werden», meint Ingold, der sogar von einer Verschleuderung von Steuergeld spricht.

Dem widerspricht Karl Vogel. Die Kosten würden sich auf höchstens 20'000 Franken belaufen. Als vorgezogene Massnahme bis zum Bau des Kreisels sei dies verhältnismässig.

Quartierverein freut sich

Deutlich positiver kommt die Neuregelung beim Quartierverein Kursaal an. Hier freut man sich, dass die Geschwindigkeit auf dem Viktoriaplatz reduziert werden soll. Der Verein hat sich in der Vergangenheit bereits für die Einführung von Tempo 30 auf dem Viktoriarain zwischen Viktoriaplatz und der Lorraine starkgemacht. Diese Temporeduktion wurde schliesslich Ende 2013 auch eingeführt. Weil die Autos auf diesem Streckenabschnitt aber nach wie vor sehr flott unterwegs sind, erhofft sich der Verein eine Verkehrsberuhigung, sobald auf dem Viktoriaplatz nur noch mit 20 Kilometer pro Stunde gefahren werden darf.

Berner Zeitung

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