Das längste Perron der Schweiz

Bern

Das Perron 9/10 am Bahnhof Bern ist um 385 Meter gewachsen – und ist neu das längste der Schweiz. Von den neuen Gleisen aus wird das Umsteigen sechs Minuten länger dauern.

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Am Ende der langen Gangway erwartet man keine Züge, sondern eine offene Flugzeugtür. Die stahlgraue Passerelle mit runden Fenstern passt eher ins Belpmoos als in den Bahnhof Bern.

Das Konstrukt ist eine schweizweite Neuheit: «Soweit ich weiss, gibt es hierzulande kein anderes doppelstöckiges Perron», sagt SBB-Oberbauleiter Hans Peter Hostettler, der in oranger Weste und Helm auf der Welle steht.

200 Meter schlängelt sich das begehbare Perrondach über die neuen Gleise 49 und 50, die ab 4. November in Betrieb sind. Diese sind eine Verlängerung der bereits bestehenden Gleise 9 und 10.

Der Zugang zu den neuen Gleisen 49 und 50. Quelle: PD/SBB CFF FFS (zum Vergrössern Bild anklicken)

Neu können hier zwei Fernverkehrszüge hintereinander halten, das Perron ist mit den zusätzlich gebauten 385 Metern das längste der Schweiz. Damit sich die Pendler besser verteilen, können sie auch via Treppen und Lift auf die neue Passerelle gelangen, die sie zur Welle führt.

Unschönes Umsteigen

Die ganze Konstruktion ist Mittel zum Zweck. Weil Bauarbeiter für die neue Unterführung «Mitte» (siehe Kasten) unter den Bahnhof durchbuddeln, müssen in den kommenden Jahren immer wieder Gleise ausser Betrieb genommen werden.

«Das hätte zu einer massiven Ausdünnung des Fahrplans geführt», sagte gestern SBB-Gesamtprogrammleiter Benno Nussberger den Medien. Als Alternative plante die SBB das neue Perron samt begehbarem Dach, für insgesamt 35 Millionen Franken.

Zwischen 5 und 10 Prozent der Pendler werden je nach Bau­phase auf den neuen Gleisen in ihre Züge einsteigen, schätzt Nussberger, im nächsten Jahr rund 15000 Personen täglich.

Für das Umsteigen rechnen die SBB mit 12 Minuten – 6 Minuten mehr als bei Zügen, die auf den normalen Gleisen einfahren. Die längeren Umsteigezeiten seien «unschön», räumt Nussberger ein. Aber besser so, als dass die Züge ausfielen.

«So weit ich weiss, gibt es hierzulande kein anderesdoppelstöckiges Perron.»Hans Peter Hostettler, Oberbauleiter SBB

Betroffen sind ab November der Regioexpress Biel–Lyss–Bern sowie der Regioexpress La Chaux de Fonds–Neuenburg–Bern. Ersterer wird das Gleis 49 benutzen, letzterer fährt auf dem Gleis 50 ein. Die Abfahrt nach La Chaux de Fonds erfolgt auf den Gleisen 5/6. Welche Züge ein Jahr später auf den neuen Gleisen halten, wissen die SBB noch nicht.

Kurzschlussgefahr

Über ein Jahr lang krampften die Bauarbeiter für das neue Perron samt Dach. «Eine logistische Herausforderung», sagt Hans Peter Hostettler rückblickend. 955 Tonnen wiegt die graue Schlange, aufgeteilt in siebzehn Einzelteile.

Zwei davon konnten wegen Hochspannungsleitungen nicht mit dem Kran installiert werden – «wären sie in deren Nähe gekommen, hätten sie einen Kurzschluss ausgelöst und den ganzen Bahnhof stillgelegt», sagt Hostettler. Schliesslich schweissten Bauarbeiter auf dem Perron die Stahlteile zusammen und hievten sie danach in die Höhe.

Die Baustelle am Bahnhof Bern im Zeitraffer. Quelle: PD/SBB CFF FFS

Im Perrondach sind leichte Vibrationen zu spüren – von den einfahrenden Zügen und von den Journalistinnen und Fotografen, die durch den Gang schreiten. Die SBB haben verschiedene Tests durchgeführt, bevor Bauarbeiter Schwingungsdämpfer in den Boden montierten – so gingen zehn Leute im Gleichschritt hin und her, um zu messen, wie fest sich das Perrondach bewegt.

Sicht auf Baustelle

Vom Spitz des neuen Perrons, das weit hinaus nach Westen ragt, sieht man erstmals die ­­Dimension der Bauarbeiten für den neuen RBS-Tiefbahnhof. ­­Regelmässig brummen Last­­wagen über eine riesige Brücke, laden Aushubmaterial aus den Tiefen des Bodens ein und karren es weg.

Hier entsteht im Untergrund ein Stollen, der bis unter die jetzige Bahnhofunterführung reichen wird. An dessen Ende fängt der Bau einer enormen Kaverne an. Gegen die Installationsplattformen haben ­­diverse Parteien Einspruch erhoben, darunter die Finma. Bis sich der RBS mit ihnen einigen konnte, vergingen eineinhalb Jahre. Das ist jetzt auch die Zeit, um die sich der Ausbau des Bahnhof Berns verzögert.

Ursprünglich planten die SBB, neues Perron und Dach wieder abzubauen. «Das wäre aber schwachsinnig gewesen», sagt Benno Nussberger. In zehn Jahren rechnet er mit einem Plus von rund 100'000 Passagieren pro Tag. «Die Gleise 49/50 schenken uns eine gewisse Flexibilität.»

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