AvG: «Ich konnte keine politische Botschaft erkennen»

Stadtpräsident Alec von Graffenried war am Samstagabend persönlich bei der Reithalle, um sich ein Bild zu machen. Er ist enttäuscht ob der Gewaltbereitschaft, aber froh darüber, dass die Polizei die angrenzenden Quartiere schützen konnte.

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Ralph Heiniger

Herr von Graffenried, was war Ihre erste Reaktion auf die Ausschreitungen?Alec von Graffenried:Ich bin sehr enttäuscht von der Gewaltbereitschaft und deprimiert wegen der Vorfälle.

Wird die Stadtregierung Sanktionen verhängen? Es stellt sich die Frage, gegen wen wir Sanktionen verhängen sollten. Es ist erfreulich, dass einzelne mutmassliche Täter angehalten werden konnten. Aber es ist Aufgabe der Justiz, diese zu sanktionieren, nicht der Stadt Bern.

Steht eine Schliessung der Reithalle zur Debatte? Wir haben auf der einen Seite ­gewalttätige Männer, welche diese Angriffe aus der Reitschule lanciert haben. Auf der anderen Seite ist die Reitschule, wo es sehr viele Leute gibt, die damit gar nichts zu tun haben. Wir werden Gespräche mit der Reitschule führen müssen, diese Gespräche stehen in den nächsten Tagen sowieso auf dem Programm.

Am Freitag und am Samstag wurden Demoumzüge ver­hindert. War das die richtige Strategie? Wir hatten am Mittwoch den Umzug durch die Länggasse. Dabei wurde erheblicher Sachschaden angerichtet. Das Ziel der Stadtregierung war es deshalb, weitere Umzüge durch Wohnquartiere zu verhindern. Wir sind erleichtert, dass dank des Ein­satzes der Kantonspolizei ein Übergreifen der Gewalt auf die angrenzenden Quartiere verhindert werden konnte.

Die Strategie der Einkesselung war also eine Strategie des Gemeinderats? Nein, es gab keine Strategie der Einkesselung. Es ging der Stadtregierung darum, Umzüge durch angrenzende Quartiere zu verhindern. Das haben wir von der Polizei verlangt, die Polizei hat dies im Rahmen ihrer operativen Verantwortung umgesetzt.

Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) stärkt der Polizei den Rücken. Bild: Keystone

Konnten Sie bei den beiden Demonstrationen eine politische Botschaft erkennen? Nein, das konnte ich wirklich nicht. Es gab auch kein Angebot der Demonstrierenden, um über eine politische Forderung zu diskutieren. Mit allfälligen legitimen politischen Anliegen hatte das gar nichts zu tun.

In ihrer Medienmitteilung betont die Stadtregierung, dass sie offen sei für den Dialog. Doch es wirkt nicht so, als wäre die andere Seite überhaupt an einem Dialog mit der Stadt interessiert. Das ist leider richtig. Es gab keinerlei Dialogangebot seitens der Demonstranten. Doch man könnte mit uns reden. Sowohl der Gemeinderat wie auch der Stadtrat sind sehr offen, wenn es darum geht, Fragen zu Wohnungsnot oder zu leer stehenden Liegenschaften zu diskutieren und pragmatische Lösungen zu finden. Ausserdem darf man in Bern sehr wohl demonstrieren, aber es wurde kein Gesuch eingereicht. Das Ganze spielt sich hier auf einer anderen Ebene ab.

Angefangen hat es am Mittwoch mit der Räumung an der Effingerstrasse. Wie beurteilen Sie diese Räumung? Es handelt sich um eine Liegenschaft des Bundes. Der Bund hat gerichtlich die Exmission erwirken können, die Polizei hat diese durchgesetzt. Die Stadt war in diese Vorgänge nicht involviert.

In der Länggasse hat die Gruppe «Fabrikool» ein Gebäude des Kantons besetzt, das seit Jahren leer steht. Dort findet nun ein Dialog statt. Und das führte nun dazu, dass eine Zwischennutzung trotz anders lautender Ankündigungen des Kantons vorerst doch möglich ist. Dieses Beispiel zeigt doch, was alles geht, wenn man nur miteinander redet. Ich hatte eigentlich gehofft, dass dieser Fall als positives Gegenbeispiel dienen wird, und war etwas perplex, als es am Freitag und am Samstag dennoch zu Ausschreitungen kam.

Sie sind gerade mal seit sechs Wochen Stadtpräsident. Eine Schonfrist erhalten Sie offenbar nicht. Wie gehen Sie persönlich mit dieser schwierigen Situation um? Ich stelle fest, dass sich die Welt seit den Wahlen nicht verändert hat. Ich habe mir am Samstag selbst vor Ort ein Bild gemacht. Meine ersten Gespräche mit Vertretern der Reitschule stehen noch bevor. Für mich ist wegweisend, wie sich die Reitschule in diesem Konflikt verhalten wird, in dem sie selbst mittendrin steckt.

Berner Zeitung

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