Auf Tour mit Napoleons Legionär

Bern

So macht Geschichtsunterricht Spass: Unter dem Titel «Dr Franzos» bietet Bern Tourismus eine neue Stadtführung an. Im Zentrum steht die französische Besetzung Berns von 1798.

  • loading indicator
Markus Ehinger@ehiBE

Mit französischem Akzent stellt sich Jean Roche Coignet den Touristen vor: «Ich bin am 16.August 1776 in Druyes-les-Belles Fontaines in der Nähe von Auxerre geboren. Ich hatte eine harte Kindheit, meine Mutter starb, als ich acht Jahre alt war, und das Dienstmädchen, das mein Vater danach heiratete, war böse.» Im Jahr 1797 wurde er Soldat. «Endlich konnte ich kämpfen», erzählt Coignet. Voller Stolz zeigt der historisch Uniformierte sein Gewehr und seinen Säbel.

Jean Roche Coignet heisst eigentlich Raphael Racine (34) und ist Stadtführer bei Bern Tourismus. Er spielt die Rolle des französischen Soldaten. Die Franzosen unter General Balthasar Alexis Henri Antoine von Schauenburg bescherten den bernischen Truppen unter Karl Ludwig von Erlach bei der Schlacht am Grauholz am 5.März 1798 eine schwere Niederlage.

Es war die Blütezeit von Napoleons Herrschaft in Europa. In Bern marschierten nebst Jean Roche Coignet 30'000 weitere Soldaten ein. «Ich war die Speerspitze der ‹Légion noir›. Wir hatten einen schlechten Ruf. Man sagte, wir seien Verbrecher und Vergewaltiger», sagt Coignet.

Im Wein ertrunken

Erste Station der neuen Stadtführung von Bern Tourismus, die ganz im Zeichen der französischen Besetzung Berns steht, ist der Kornhauskeller. Der französische Soldat gibt eine Anekdote zum Besten, von der allerdings nicht klar sei, ob sie wirklich so stattgefunden habe: «Zwei meiner Kameraden hackten mit einem Beil auf das grosse Fass. Es quollen 36000 Liter Wein aus dem Fass, und die beiden Soldaten ertranken.» Wein sei für die Soldaten äusserst wichtig gewesen: «Das war für uns ein guter Muntermacher und ein Nahrungsmittelersatz.»

Jean Roche Coignet führt die Touristen ins Münster, wo er ihnen das Denkmal der Schlacht am Grauholz und die schwarzen Marmortafeln zeigt, auf denen die Gefallenen auf Berner Seite aufgelistet sind. Der Soldat Coignet erzählt unentwegt interessante Geschichten und ist zu Scherzen aufgelegt. Doch dann wird er plötzlich nachdenklich: «Bei diesem Denkmal sieht man, dass Krieg etwas Schreckliches ist. Man sieht, dass zum Teil alle Männer einer Familie ums Leben gekommen sind.»

In der Postgasse einquartiert

Auf dem Weg zum Rathaus erklärt der Soldat, dass es in Bern zu Napoleons Zeit noch keine Strassennamen gab. Die Franzosen hätten das geändert und die Stadtteile in verschiedenfarbige Quartiere aufgeteilt. Noch heute zeugen die Strassenschilder davon. Da gibt es rote, weisse, grüne, gelbe und schwarze Tafeln. «Das war gut für die Orientierung, vor allem, wenn ich zu viel getrunken habe», sagt Coignet. Er führt die Touristen zur Postgasse, wo er während der Besetzung Berns bei der vornehmen Marianne Jenner-von Haller einquartiert war. Viele Berner mussten zwischen sechs und sieben Soldaten bei sich aufnehmen.

Auf der Zeitreise durch Bern nimmt Jean Roche Coignet die Gäste mit zum Gerechtigkeitsbrunnen. Dort ist er ein beliebtes Fotosujet für koreanische Touristen. «Gerechtigkeit?», ruft Coignet in die Gasse. «Das gabs in Bern damals noch gar nicht. Deshalb klauten wir bei der Brunnenfigur die Waage und das Schwert.» Auch der Berner Staatsschatz wurde von Napoleons Truppen geraubt.

Zum Schluss sagt Jean Roche Coignet, dass seine Stadtführung nicht nur etwas für Touristen sei, sondern vor allem auch für Berner.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt