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Auf Pilgerreise beim heiligen Bruder Klaus

Wenn Reformierte zu einem Heiligen und Katholiken in eine reformierte Hochburg pilgern, wollen sie vor allem eins: das Gemeinsame hervorstreichen. Und pflegen.

Vereint am Start in Flüeli-Ranft: Bernhard Waldmüller und Judith Pörksen führen die Pilgerschar an.
Vereint am Start in Flüeli-Ranft: Bernhard Waldmüller und Judith Pörksen führen die Pilgerschar an.
Hans Wüthrich

Was unterscheidet die reformierte von der katholischen Kirche? Ist es das bessere Bibelverständnis, das die Reformierten den ­Katholiken voraushaben? Immerhin spielen Bibel und Bibelauslegung in der reformierten Tradition seit je die zentrale Rolle.

Oder müssten die Reformierten nicht vielmehr die Katholiken um ihre vielfältigen ­Riten beneiden? Immerhin sprechen diese dank ihrer Emotionalität viel mehr als nur den Intellekt an. In einer Zeit, in der sich viele Menschen von den kirchlichen Institutionen entfernen, kann das nur von Vorteil sein.

«Kirchenpalaver» hiess vor zehn Tagen der Anlass, an dem sich Leute beider Konfessionen in Wichtrach trafen. Mit Blick auf den 500. Jahrestag der Reformation diskutierten sie die Fragen hin und her. Definitive Antworten fand die kleine Runde keine.

Der Staatsmann

Über Pfingsten können die Kirchen ihren Dialog fortsetzen. Reformierte, Katholiken und – als Dritte im Bunde – Alt-Katholiken sind gestern nach Flüeli-Ranft in Obwalden gereist. Von dort pilgern sie nun in vier Tagen nach Bern ins Münster. Wieder geht es um das Jubiläumsjahr, doch am Anfang steht diesmal ein Gedenken im katholischen Bereich: Seit der Geburt des Obwaldner Heiligen Niklaus von der Flüe sind genau 600 Jahre vergangen.

Was Reformierte am Wirkungsort eines katholischen Heiligen tun? Und was Katholiken in die Hauptkirche einer reformierten Hochburg führt? Judith Pörksen lacht. Die Theologin der reformierten Gesamtkirchgemeinde Bern gehört zu den Verantwortlichen für diese Pilgerreise, und sie sagt kurz und knapp: «Den Bruder Klaus lasse ich mir nicht nehmen.»

Kurz blendet sie ins ausgehende 15. Jahrhundert zurück. Es war die Zeit, in der die Schweiz an einem tiefen Stadt-Land-Graben zu scheitern drohte und nur dank der mahnenden Worte von Niklaus von der Flüe nicht auseinanderbrach. «Er war ein für uns alle wichtiger Staatsmann», stellt Pörksen fest – nicht ohne anzufügen, dass die tiefe Spiritualität des Einsiedlers natürlich sehr beeindruckend sei.

Nun klinkt sich Kollege Bernhard Waldmüller ins Gespräch ein. Als weiterer Mitorganisator ist der Leiter der katholischen Kirche Region Bern selbstredend ebenfalls mit von der Partie, doch er relativiert: «Mit der Heiligsprechung ist euch Niklaus von der Flüe aber ein Stück weit weggenommen worden.»

Der eigene Rhythmus

Judith Pörksen lässt sich darob nicht beirren. Genauso wenig wie vom Vorhalt, dass pilgern doch ein urkatholischer Brauch sei: Es stimme zwar, sagt sie, dass die Reformatoren diese Art von Glaubensleben abgelehnt hätten. Ein mit Orten besonderen Heils verknüpftes Glaubensleben sei der neuen Theologie völlig entgegengelaufen. Auch der von den Reformatoren strikt abgelehnte Ablasshandel habe auf Wallfahrten stets eine Rolle gespielt.

Aber: Für Reformierte, fährt sie fort, habe Pilgern durchaus einen Sinn. Sie spricht vom Time-out, das sie sich nun über Pfingsten gönne, weiter davon, dass die vier Tage zu Fuss von einem ganz eigenen Rhythmus geprägt seien, über den sie zu sich selber finden könne. Natürlich gehe es auch darum, Gemeinschaft mit Gleichgesinnten zu leben.

Diesmal pflichtet ihr Bernhard Waldmüller bei. Auch im katholischen Umfeld habe sich der Sinn des Pilgerns gewandelt. Die traditionelle Art zu den grossen Wallfahrtsorten gebe es zwar nach wie vor, allerdings in viel kleinerem Rahmen als früher. Immer zentraler werde es aber auch in seiner Kirche, innere Ruhe und Einkehr zu finden. Gerne redet er deshalb vom «Wandern mit einer besonderen Ausrichtung.»

Über alle Grenzen hinweg

Was all das konkret heisst, erleben die 50 Pilgerinnen und Pilger von Beginn weg. Bevor sie losziehen, kommen sie in Flüeli-Ranft zur Andacht zusammen. Auf dem Weg hält die Gruppe regelmässig inne, erst zu stillen Momenten an den Skulpturen zu den Visionen des Heiligen, später zu spontanen Gesängen in einer Kirche.

Dazwischen ergeben sich immer wieder Gespräche, lernt man sich über alle konfessionellen Grenzen hinweg kennen.

Nicht dass so alle Unterschiede beseitigt werden sollen – Judith Pörksen und Bernhard Walmüller reden jetzt gemein­­sam. Die Eigenheiten hätten sehr wohl ihre Bedeutung. Trotzdem sei es ein Gebot der Stunde, als Kirchen so miteinander unterwegs zu sein.

Mit dieser Haltung wird Bernhard Waldmüller, der Katholik, am Ende der Pilgerreise auch im reformierten Berner Münster ankommen.

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