Auf ins Bierhübeli zur Menschenausstellung

Aus «wissenschaftlichem» Interesse und zur Volksbelustigung: Bis 1964 wurden in Bern Menschen ausgestellt. Autorin Rea Brändle hat dazu ausgiebig recherchiert.

  • loading indicator
Michael Feller@mikefelloni

Die «Neger-Truppe St.Croix» gastierte am 14. und 15. Juni 1887 im Bierhübeli Bern. Ein Publikumsmagnet. Den Bernerinnen und Bernern wurde Exotik geboten – Einblicke in eine «Welt der Wilden». Aus heutiger Sicht eine abscheuliche Vorführung von Menschen aus Afrika, die mit einer klischierten Urtümlichkeit die Schaulust der Gäste befriedigte. Das Programm: «1. Die verlorene Schwester; 2. Der Häuptlingswettkampf; 3. Der Streit zwischen zwei Wilden; 4. Das heimatliche Gebet; 5. Feuerproduktion; 6. Der Kriegertanz».

Autorin und Journalistin Rea Brändle befasst sich seit Jahren mit den unrühmlichen Menschenausstellungen – ein europäisches Phänomen, das bis weit in das letzte Jahrhundert hineinreicht und auch die Schweiz betraf. Am 14.Oktober legt Brändle in ihrem Völkerschauen-Vortrag den Fokus auf die Stadt Bern. Sie tut dies im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Da draussen bei den Heiden» der Kirchgemeinde Johannes (siehe Programmbox).

«Thun und Treiben»

Im Bierhübeli gastierten zahlreiche weitere Schausteller und Truppen, die auf ihren Tourneen durch Europa zogen. Die erste nachgewiesene Völkerschau war «Der wilde Ashantee» 1832. 1851 spielte das «arabische Theater» auf dem Berner Waisenhausplatz, ein Jahr später «Houngriou, der wilde Ashanti».

Vom 14. bis 24.Oktober 1892 besuchte die Schuli-Truppe das Bierhübeli. Das «Berner Intelligenzblatt» berichtete: «Trotz des wenig einladenden Wetters finden sich jeweilen zahlreiche Besucher aus der Stadt auf dem Bierhübeli ein, um die Repräsentanten dieses merkwürdigen Stammes aus dem dunklen Erdtheil in ihrem Thun und Treiben zu betrachten. Die Schuli-Truppe, die hier gastiert, besteht aus 15 meistens hoch gewachsenen Männern und ebenso vielen Frauen, die durchschnittlich gut gebaut und nicht so widerwärtig hässlich sind, wie dies bei der Negerrasse so oft der Fall ist.»

Interessant war nicht nur das «Thun und Treiben» der Ausgestellten, die Völkerschauen riefen auch Wissenschaftler auf den Plan, die Vermessungen vornahmen. Unter dem Deckmantel des ethnologischen Wissensdurstes wurden auch sexuelle Gelüste bedient. Oben-ohne-Auftritte der Afrikanerinnen waren normal und wurden nicht beanstandet, trotz ansonsten herrschender Prüderie.

Das Interesse wuchs in den folgenden Jahrzehnten stetig. Um die Jahrhundertwende wurden in Bern jährlich exotische Menschen ausgestellt. Heute schier unglaublich: Bis in die 1930er-Jahre traten Menschen in Gehegen der Zoos von Basel und Zürich auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschränkten sich die Völkerschauen weitgehend auf den Zirkus Knie. Zuletzt konnten 1964 zwölf Marokkaner in einem Nebenzelt beim traditionellen Handwerk beobachtet werden. Als die Menschenschau wegen mangelnder Nachfrage eingestellt wurde, heuerten die Marokkaner als Zeltbauer an. Ihre Landsleute prägten fortan und bis heute das Bild der Schweizer Zirkusse.

Kost und Logis, Kälte und Tod

In der Hochblüte der Völkerschauen zogen mehrere Gruppen durch Europa. Ein einträgliches Geschäft: Die eingeflogenen Afrikaner erhielten von ihrem Impresario bloss Kost und Logis – und nicht selten ungenügende Kleidung. Als wären die Schautänze, Jagdszenen und Imitationen von Tierlauten nicht demütigend genug, mussten die Menschen oft weitgehend auf Privatsphäre verzichten: Ihre knapp bemessenen Lager konnten während der Öffnungszeiten erkundet werden.

Besonders tragisch endete die Tournee der «Wilden von der Feuerlandinseln» 1882 in Zürich, durchgeführt vom Hamburger Tierhändler und Impresario Carl Hagenbeck. Vermutlich wurden die Feuerländer in ihrer Heimat entführt und nach Europa gebracht, wie Rea Brändle in «Wildfremd, hautnah» schreibt. Trotz Ausbruch der Masern mussten sie in Zürich weiter auftreten. Drei von ihnen starben kurz darauf.

Geburt im Bierhübeli

Es gab auch die minim humanere Form der Zurschaustellung – verbunden mit einer interessanten Biografie. Nayo Bruce, Sohn eines togolesischen Königs, veranstaltete 1896 mit seinen zwei Ehefrauen und 22 weiteren Personen eine Völkerschau in Berlin und spielte Alltagsleben. Anders als etwa Hagenbeck bezahlte er seine Angestellten. 1903 besuchte die Truppe mitsamt mobilem Hüttendorf auch Bern.

Noch vor der ersten Aufführung gebar am 16.Juli eine Togoerin im Bierhübeli ein Kind. Die Berner Zeitungen berichteten, man könne sich mit eigenen Augen vergewissern, dass Negerkinder weiss auf die Welt kämen und innert einer Woche «jeden Tag ein bisschen nachdunkeln». Im Berner Münster wurde das Kind getauft. Gefeiert wurde – natürlich – öffentlich: mit Braten am Spiess.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt