Auf der Zielgeraden bekommt der Könizer Wahlkampf eine neue Dynamik

Köniz

Ein Kommentar von Ressortleiter Stephan Künzi über das anstehende Wahlwochenende in Köniz.

Stephan Künzi

Auf der Zielgeraden zum Wahl­wochenende in zehn Tagen kann in Köniz doch noch so etwaswie Wahlkampfstimmung aufkommen. Zumindest stehen die Chancen gut, dass die Kandidierenden nun ein Stück näher bei den Leuten um Stimmen und Wähleranteile kämpfen. Mit der akuten Krise in der örtlichen Musikschule tut sich den Kandidierenden ein Feld auf, das viele Familien sehr überraschend und direkt trifft.

Anders als etwa mit den Gemeindefinanzen, die zwar im Hintergrund immer eine zentrale Rolle spielen, aber kaum jemanden wirklich interessieren, solange nicht eine Steuererhöhung droht. Oder mit den umstrittenen Spez-Sek-Klassen in der Lerbermatt, die zwar breit be­wegen, in den letzten zwei Jahrzehnten aber alle Stürme überstanden haben und wohl auch in Zukunft nicht gestrichen werden. Zu gross ist die Lobby, die hinter dem gymnasialen Vorbereitungsunterricht im gymnasialen Rahmen steht.

Besonders für die SP kommt das Musikschuldebakel zur Unzeit. Die Partei, die ihre Wahlschlappe aus dem Herbst 2013 ausmerzen und den zweiten Sitz im Gemeinderat sowie das Gemeindepräsidium zurückerobern will, findet sich in der unangenehmen Situation wieder, dass Leute aus ihrer Mitte massgeblich die Ver­antwortung dafür tragen.

Als Vorstandsmitglieder des Trägervereins haben sie die Musikschule entscheidend mitgeprägt, was ihnen ihre Wählerschaft sicher zugute halten mag. Doch nun, da Streit und personelle Abgänge zu einem finanziellen Engpass führen und die Gemeinde mit einem Darlehen reagieren muss, dominieren die negativen Schlagzeilen. Zusätzliche Sympathien verscherzt hat sich der Vorstand mit seinem kollektiven Rücktritt. Er sieht sich prompt den Vorwurf ausgesetzt, für Fehler aus der Vergangenheit nicht geradestehen zu wollen.

Die Turbulenzen scheinen bereits erste Spuren zu hinterlassen. Im Fokus steht allen voran Vorstandsmitglied Annemarie Berlinger. Die SP-Spitzenkandidatin wirkte letzte Woche auf dem Wangentaler Wahlpodium seltsam niedergeschlagen, zurückhaltend, ja verkrampft – und auf jeden Fall ganz anders als im Mai, als sie sich bei einem ersten Hearing viel aktiver in die Debatte einbrachte. Oder ob sie am Ende nach einem engagierten Wahlkampf einfach müde ist und den grossen Druck umso stärker spürt, der bei den ambitionierten Zielen ihrer Partei auf ihr lastet?

Das Feld der Kandidaturen fürs Ge­meindepräsidium ist dieses Mal ja breit, sehr breit sogar, und die Konkurrenz entsprechend gross. Neben der SP stellt jede der fünf anderen Fraktionen ihren eigenen Kandidaten. Dabei ist das Gemeindepräsidium gar nicht für alle gleicher­massen das Ziel.

Beim Urnengang in zehn Tagen stehen vielmehr die fünf vollamtlichen Gemeinderatssitze im Mittelpunkt. Vier davon werden wegen der harten Könizer Amtszeitbeschränkung Ende Jahr von vornherein frei, und so positioniert sich am besten, wer parallel dazu auch fürs Präsidium antritt. Anders gesagt: Die Besetzung der fünf Vollämter läuft heuer über den Präsidiumswahlkampf.

Rein rechnerisch hat Berlinger trotz allem die besten Voraussetzungen, da sie mit der SP die wählerstärkste Partei im Rücken hat. Ihren Sitz auf sicher hat wohl auch die SVP, die in Wahlen jeweils nur leicht schwächer abschneidet. Ihr Kan­didat Christian Burren steht allerdings vor der Herausforderung, mit seiner unübersehbar ländlich-bäuerlichen Herkunft auch die Wählerinnen und Wähler im bevölkerungsreichen städtischen Teil zu erreichen.

Einen Sitz ergattern dürfte weiter die FDP als Bündnispartnerin der SVP. Sie bringt mit Hans-Peter Kohler jenen Politiker aufs Tapet, der sich als Kämpfer für die Spez-Sek in der Lerbermatt einen Namen gemacht hat. Kohler betont zwar stets, ihm lägen die Alters- oder die Gesundheitspolitik genauso am Herzen. Trotzdem weiss er selber, dass er Gefahr läuft, als Einthemenpolitiker dazustehen. Auch wenn ihm dieses Thema unbestrittenerweise Sympathien bis weit ins bildungsnahe linke Lager bringt.

Spannender wird es bei den übrigen Kandidaten. So kann der Grünliberale Thomas Brönnimann, der als einziger der Bis­herigen erneut antreten darf, nicht von vornherein mit seiner Wiederwahl rechnen. Zu schmal ist die Basis, auf die sich sein Mittebündnis stützen kann. Zugute kommen kann ihm aber, dass er sich in den letzten vier Jahren als Könizer Bildungsdirektor ein Profil erarbeitet hat und zu einer Stimme geworden ist, die über die Parteigrenzen hinaus gehört wird.

Wählermässig etwas stärker unterwegs sind die Grünen, doch sie sind – Ironie des Schicksals – vom Erfolg der SP als ihrer Bünd­nispartnerin abhängig. Schafft diese den zweiten Sitz, geht Hansueli Pestalozzi wohl leer aus. Die Beflissenheit, mit der er fast übereifrig durch den Politalltag geht, verpufft dann wirkungslos. Bleibt die BDP, die auch diesmal den Alleingang wagt, obwohl sie vor vier Jahren in einem bürger­lichen Bündnis den Sprung in den Gemeinderat wohl geschafft hätte. Mit Thomas Frey bringt sie einen Kandidaten, der sich selber als Übergangslösung präsentiert. Entsprechend unmotiviert wirkt sein Wahlkampf zuweilen.

Die fünf Vollämter werden in zehn Tagen bestellt, nicht aber das Präsidium. An­gesichts der Kandidatenflut ist der zweite Wahlgang schon heute so gut wie sicher – mit völlig offenem Ausgang.

stephan.kuenzi@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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