Bern

Auf dem Weg zurück in die Zukunft

BernEs gibt kaum einen denkmalpflegerisch geschützteren Ort als die Berner Altstadt. Dennoch ist es möglich, die Häuser modern zu sanieren.

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Wer durch Berns Altstadt flaniert, erlebt Geschichte. In den Mauern der Sandsteinhäuser steckt Bausubstanz aus dem Mittelalter. Über die Jahrhunderte hinweg sind sie zigmal umgebaut worden.

Noch immer stehen sie Schulter an Schulter, unterscheiden sich auf den ersten Blick kaum. Und doch sind manche schmaler, haben andere höhere Stockwerke, gibt es hier und dort mehr Verzierungen – ist also jedes Gebäude ein Individuum.

So auch das Haus an der Rathausgasse 68. Bis vor wenigen Jahren war es ein Coiffeursalon, heute lädt darin das Biercafé Au Trappiste zum Verweilen ein. Schmal ist der Raum mit den Sandsteinmauern und dem Fischgratparkett, an der Wand stehen Tablare mit schmucken Bierflaschen. Ein Durchgang führt nach hinten zur Bar.

Dort zeigt Architekt Claudio Campanile auf die älteste Decke der Stadt Bern. Sie hängt leicht durch. Dann legt er seine Hand auf die Sandsteinmauer. Stellenweise ist sie rot verfärbt – die Spuren des Stadtbrands von 1405.

«All das gehört zum Genius Loci dieses Hauses», sagt Campanile. Vor einigen Jahren hat er sich auf die Suche nach diesem Geist des Gebäudes gemacht, um es zu sanieren.

Die Brandmauer war hinter einer Verschalung versteckt, die Decke musste entlastet werden. All das wieder hervorzuholen, den Geist wiederaufleben zu lassen und zu bewahren – das ist für Campanile das Wichtigste. «So behält die Altstadt ihre Seele.»

Vom Café in die Wohnung

Kaum ein Ort ist denkmalpflegerisch mehr geschützten als die Berner Altstadt. Seit 1983 ist sie Unesco-Weltkulturerbe. Und doch ist einiges möglich, wenn man die Häuser saniert. Campanile zum Beispiel hat an der Rathausgasse neue Küchen und Bäder eingebaut – allerdings so, dass sie die alten Teile nicht berühren und problemlos wieder entfernt werden können.

Wo im Laufe der Zeit pro Geschoss Küchen und Bäder eingebaut worden sind, hat er Decken und Wände entfernt. Nun steht die einst eingemauerte Wendeltreppe frei. Wie eine immense Steinröhre verbindet sie die vier Etagen miteinander.

Wer in einer Wohnung oberhalb des Biercafés wohnt, sieht durch Glasscheiben in die Gaststätte – und umgekehrt. Durch ein Dachfenster fällt Licht von ganz zuoberst bis hinunter ins Parterre. Hier befand sich früher der Innenhof zwischen dem Vorderhaus und dem Hinterhaus. Nun liegt er wieder frei.

Mehrere Häuser in einem

Während beim Coiffeursalon der Durchgang von vorne nach hinten flach verlief, hat Campanile die alten Niveauunterschiede wiederhergestellt und mit Treppen verbunden. Diese verschiedenen Stufen innerhalb eines Hauses sind typisch für die Berner Altstadt. Denn meist sind die heutigen Häuser aus mehreren älteren Gebäuden zusammengewachsen.

So auch das Haus an der markanten Ecke von Junkern- und Kreuzgasse, in dem einst das Bettenhaus Utiger untergebracht war. Seit 2016 ist es fertig umgebaut. Heute befinden sich dort das Herrenbekleidungsgeschäft Eniline sowie Wohnungen.

Wie immer vor einem Umbau in solch wertvollen Häusern machte sich der zuständige Architekt Rolf Mühlethaler gemeinsam mit Denkmalpflegern und Archäologen als Erstes an die Forschungsarbeit. Sie rekons­truierten die Baugeschichte und schauten jedes Detail am Gebäude genau an.

«Wer solche Häuser umbaut, muss neugierig wie ein Kind bleiben und immer wieder neu lesen, was sie uns zu erzählen haben», sagt Mühlethaler. «Manchmal lüften sich mit etwas Glück überraschende Geheimnisse.»

Mit Glück zur Sensation

Im Eckhaus hatte Mühlethaler so viel Glück, dass das Geheimnis eine Sensation war: Bei den Umbauten zeigte sich, dass das Bettenhaus früher das Zunfthaus zum Narren war. Von diesem wusste man zuvor nicht mehr, wo es einst gestanden hatte. Mühle­thaler führt in einen Winkel im Gewölbekeller und zeigt auf eine zugemauerte Tür.

Sie war einst die Verbindung zwischen den beiden Zunfthäusern zum Narren und zum Distelzwang. Die beiden Adelsgesellschaften spannten lange zusammen, bevor die Gesellschaft zum Narren ganz in den Distelzwang überging.

Glück brauchen Architekten beim Umbau in alten Häusern auch bei der Bauherrschaft. Bei der ehemaligen Zunft zum Narren ist dies die Gebäudeversicherung Bern (GVB). Sie legte den Fokus nicht auf die schnelle Rendite, sondern auf den langfristigen Wert des Hauses. Natürlich seien solche Sanierungen kostspielig.

«Doch sie lohnen sich durchaus auch finanziell. Denn wir können damit Mieter ansprechen, die länger bleiben und an ihren Wohnungen hängen», sagt Patrick Lerf, Leiter Finanzen bei der GVB.

Was der Umbau gekostet hat? Dazu geben die Eigentümer und Architekten der jeweiligen Liegenschaften keine Auskunft. Klar ist: Planen und Bauen dauert meistens mehrere Jahre.

Vieles ist wertvoll

Diskussionen gibt es während eines solchen Umbaus viele. Denkmalpflege, Architekt und Bauherr müssen sich immer wieder finden. Unter der Stuckdecke aus dem Klassizismus im heutigen Bekleidungsgeschäft kam zum Beispiel eine viel ältere Balkendecke zum Vorschein.

Die Bauherrin hätte sie sehr gerne wieder freigelegt – doch auch die Stuckdecke ist wertvoll. Schliesslich einigten sich die Parteien darauf, sich am letzten grossen Umbau von 1836 zu orientieren und die Stuckdecke zu belassen.

Ein anderes Thema sind neue Vorschriften – etwa bei der Sicherheit. Hinter dem Bekleidungsgeschäft führt eine prunkvolle Treppe hinauf in die Wohnungen. Ihr Metallgeländer war vor dem Umbau tiefer als heute. Das entsprach nicht den heutigen Bauvorschriften. Also setzten die Handwerker etwa zwanzig Zentimeter an, verbargen die Nahtstelle mit Noppen und montierten den originalen Handlauf wieder obendrauf.

Mühlethaler zeigt auf den Abschluss des Geländers, der sich um eine Säule windet. «War das schon vorher da, oder haben wir das gemacht?», fragt er den städtischen Denkmalpfleger Jean-Daniel Gross. Der schmunzelt und zuckt mit den Schultern. «Es ist ein gutes Zeichen, wenn das nicht einmal mehr der Architekt selber weiss.»

Wenn sich etwas in das Gebäude einfügt, als wäre es schon immer da gewesen – das ist es, was sowohl Rolf Mühlethaler als auch Claudio Campanile am Sanieren alter Häuser fasziniert. Ebenso die Arbeit der Handwerker, die wenn möglich mit altem Material und alten Techniken Fehlendes wieder ergänzen. «Das ist wahre Nachhaltigkeit», findet Denkmalpfleger Gross.

Im ältesten Gasthof der Stadt

Claudio Campanile legt aber auch Wert darauf, dass das Alte und das Neue klar voneinander abgegrenzt sind. Er verwendet anderes Material, Glas, Holz, Beton. «Es soll dereinst für Experten erkennbar aus der heutigen Zeit stammen», sagt er.

Mittlerweile steht er bei einer weiteren Liegenschaft: dem Restaurant Verdi an der Gerechtigkeitsgasse, dem ehemaligen Hotel Adler. Es ist wahrscheinlich der älteste Gasthof der Stadt Bern.

Ein grosses Tor führt in das Lokal, denn einst fuhren hier Pferdefuhrwerke ein und aus, während im ersten Stock Gäste bewirtet wurden. Dieser Raum ist heute wieder spürbar: Campanile hat nachträglich eingefügte Wände entfernt und die Decke zum Innenhof durch ein Glasdach ersetzt. So wirkt es nun, als würden die Gäste draussen im Hof essen.

Ein Element in der Geschichte

Bei all diesen Arbeiten wurde der Architekt auch mit sich selbst konfrontiert. Denn in den 1990er-Jahren hat er bereits den hinteren Teil der Liegenschaft umgebaut. Einiges, was er damals abänderte, hat er nun wieder aufgehoben.

Eine Treppe ist verschwunden, Durchgänge sind neu entstanden. «Ich liebe es, ein kleines Element in dieser jahrhundertealten Geschichte der Gebäude sein zu dürfen», sagt er. Und diese nun zurück in die Zukunft zu führen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.10.2018, 06:19 Uhr

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Drei Wochen lang widmet sich diese Zeitung dem Thema Innovation-Tradition. Das Spannungsfeld zwischen diesen beiden starken Polen hat im Bernbiet oft vitalisierend gewirkt.

Die Berner mögen es traditionell. Sie lieben und hegen ihre Bräuche, und Bewährtes wird nicht so schnell über Bord geworfen. Das zeigt sich an vielen verschiedenen Beispielen: vom Schwingsport über das Freilichtmuseum Ballenberg bis hin zum Unspunnenfest in Interlaken.

Doch auch die Innovation hat mit der Zeit ihren Platz im Bernbiet gefunden; der Kanton mauserte sich, insbesondere vor dem Ersten Weltkrieg, zu einem Hort der Tüftler und Mechaniker. Die Berner eroberten immer mehr auch den Weltmarkt, sowohl mit kulinarischen als auch mit touristischen Neuheiten.

In den nächsten drei Wochen widmet sich diese Zeitung dem Thema Innovation-Tradition. Wie werden traditionelle Gerichte neu interpretiert? Wie überführen junge Bauern das Erbe ihrer Väter in die Moderne? Und wie innovativ ist die Berner Wirtschaft? Diese und viele weitere Fragen beantworten wir in unserer Herbstserie.

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