«Auf dem Viererfeld geht es darum, einen Lebensraum zu erfinden»

Bern

Im Juni 2016 sagten die Stadtberner Ja zur Überbauung des Vierer­felds. Nächster Schritt ist ein städtebaulicher Wettbewerb, der dem neuen Stadtquartier ein Gesicht geben soll. Bei Stadtplaner Mark Werren laufen die Fäden zusammen.

Im Modell schon überbaut ist das Viererfeld. Noch ist aber offen, wie das Quartier aussehen wird. «Es gibt noch viel Spielraum», sagt Stadtplaner Mark Werren.

Im Modell schon überbaut ist das Viererfeld. Noch ist aber offen, wie das Quartier aussehen wird. «Es gibt noch viel Spielraum», sagt Stadtplaner Mark Werren.

(Bild: Andreas Blatter)

Herr Werren, was ging Ihnen als Stadtplaner durch den Kopf, als klar war, dass in Bern das Viererfeld und das Mittelfeld überbaut werden können?Mark Werren: Einerseits war ich sehr erleichtert darüber, dass die Berner Bevölkerung ein neues Stadtquartier und einen neuen Stadtpark gutheisst. Andererseits habe ich grossen Respekt vor dem doch knappen Resultat: Es gibt Bürgerinnen und Bürger, die das ganze Projekt oder zumindest einzelne Rahmenbedingungen ablehnen.

Was bedeutet das für die weitere Planung?Das heisst für alle Beteiligten, dass der Weg sehr anspruchsvoll wird. Die Stadt muss innovative und überzeugende Lösungen entwickeln, die Kritiker ernst nehmen und konstruktive Kräfte in die Entwicklung einbeziehen.

Davon werden sich wahrscheinlich nicht alle Gegner überzeugen lassen. Rechnen Sie damit, dass es Einsprecher gibt, die ­bereit sind, alle Rechtsmittel auszuschöpfen?Das ist durchaus möglich. Die Rechtsmittel und der Kampf für die eigenen Interessen sind Teil unserer Kultur. Einsprecher können im Extremfall bis vor Bundesgericht gehen.

Und das Projekt so um Jahre verzögern.Ich hoffe, dass wir einen anderen Weg finden, einen konstruktiven. Wir haben ja bereits während der Mitwirkung runde Tische mit Quartierbewohnern und Interessenvertretern durchgeführt. Diesen Dialog wollen wir fortsetzen. Wir möchten wissen, welche Wohnformen in der neuen Überbauung gewünscht sind, wie der Freiraum genutzt werden soll.

Wie startet man ein solches Grossprojekt aus planerischer Sicht?Der Gemeinderat legt auf der politischen Ebene die Gesamtstrategie fest. Die Finanzdirektion hat die Rolle der Grundeigentümerin und führt das ­Gesamtprojekt. Die Präsidial­direktion stellt sicher, dass das neue Quartier eine hohe städtebauliche Qualität hat, nachhaltig ist und Lebensqualität bietet.

Wie sorgen Sie dafür?Der erste konkrete Schritt auf diesem Weg ist ein städtebaulicher Wettbewerb. Der Start ist in diesem Jahr geplant. Der Wettbewerb wird mit einigen festen und vielen offenen Rahmenbedingungen ausgeschrieben. Die Teilnehmer wissen zum Beispiel, wo grundsätzlich gebaut werden darf, sind aber frei in der Anordnung und Gestaltung. Das siegreiche Projekt wird anschliessend in einem Masterplan konkretisiert.

Wie frei sind Planer und Architekten bei diesem Projekt noch? Vieles ist ja bereits politisch entschieden und damit vorgespurt.Da ist trotzdem noch sehr viel Spielraum. Es gibt nur ein grobes Nutzungsprogramm und einige Eckwerte wie sie in der Ab­stimmungsbotschaft zugesichert wurden. Definiert ist zum Beispiel, wo der Stadtpark liegt und wie das Quartier erschlossen wird. Klar ist auch, dass nur auf dem Mittelfeld Hochhäuser gebaut werden können.

Weshalb wurde bereits vor der Abstimmung festgelegt, dass die Überbauung auf der vorderen Hälfte des Viererfelds realisiert wird und der Park auf der hinteren, näher beim Wald?Der Kanton verkauft der Stadt nicht das ganze Areal, sondern nur die bebaubare Hälfte. Im Grundbuch musste deshalb zu einem ganz frühen Zeitpunkt genau eingetragen werden, um welche Fläche es sich handelt. Wir haben natürlich verschiedene Varianten durchgedacht, fanden es aber im Vergleich am sinnvollsten, dass die Überbauung an der bereits bestehenden und gut erschlossenen Engestrasse zu liegen kommt.

Wie die Überbauung im Detail aussieht, ist aber zum jetzigen Zeitpunkt noch völlig offen.Gewisse Rahmenbedingungen sind wie gesagt gegeben. Daraus das Gesamtbild entwickeln sollen nun Teams aus Architekten, Landschafts- und Verkehrsplanern, Soziologen oder weiteren Spezialisten. Welche Atmosphäre soll im neuen Quartier herrschen? Wie stehen die unterschiedlichen Nutzungen zueinander? Welche Gebäudetypen kommen infrage? Wo befinden sich die Freiräume, welche sind öffentlich und welche privat? Diese und viele weitere Fragen gilt es zu beantworten.

Welchen Grundgedanken muss man aus Ihrer Sicht in die Planung einfliessen lassen?Im neuen Quartier soll urbanes Leben stattfinden. Bewusst muss man sich auch sein, dass man eine solche Überbauung für viele ­Generationen plant. Dafür ist Verständnis nötig, wie Menschen – jüngere, Familien, ältere – zusammenleben. Wenn man verdichtet baut, muss es auch ruhige Rückzugsorte geben.

Worauf freuen Sie sich als Stadtplaner am meisten?Bern hat auf dem Viererfeld eine einmalige Chance, ein zukunftsweisendes Quartier zu bauen. Es geht dabei um viel mehr als Wohnungen und Arbeitsplätze. Es geht darum, einen Lebensraum zu erfinden und diesen neuen Ort so zu gestalten, dass er das Zuhause und der geliebte Lebensmittelpunkt vieler zukünftiger Generationen wird.

Kann Ihre Abteilung ein solches Projekt selber stemmen?Für dieses Grossprojekt müssen zahlreiche Abteilungen ganz unterschiedliche Beiträge leisten und Verantwortung übernehmen. Zurzeit organisieren Immobilien Stadt Bern, Stadtplanungsamt und Hochbau Stadt Bern die vielen Aufgaben und Aufträge. Das Stadtplanungsamt wird sich vor allem zu Beginn in der räumlichen Gestaltung und in der Freiraumplanung stark einbringen. Wir müssen aber, wie andere Abteilungen, auch externe Fachleute beauftragen.

Gibt es Überbauungen in anderen Städten, die Sie vergleichbar und gelungen finden?Von anderen Städten kann immer viel gelernt werden. Jede Stadt ist aber einzigartig, und so kann nicht einfach ein einziges Beispiel auf Bern übertragen werden. Wichtig ist, von den guten und den schlechten Erfahrungen der anderen zu lernen und auf die besonderen Stärken der eigenen Stadt zu bauen.

Wie ordnen Sie das Vierer­feld/Mittelfeld im Vergleich zu anderen Wohnbauprojekten in der Stadt ein?Das Gebiet ist rund dreimal so gross wie das Gaswerkareal und am ehesten vergleichbar mit der Dimension von Brünnen. Im Unterschied dazu verfügt die Stadt aber allein über das Land und leistet die ganze Entwicklung selber. Die Erwartungen und die Nachfrage nach Wohnungen sind gross. Die Chancen, aber auch die Verantwortung beim Projekt Viererfeld sind damit einmalig.

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