Auch für die Burger hält das Casino noch Überraschungen bereit

Bern

Ab 2017 wird das Berner Kultur-Casino für Millionen saniert. Was plant die Burgergemeinde im prunkvollen Gebäude genau? Ein Rundgang mit erstaunlichen Einblicken.

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Oliver Meier@mei_oliver

«Pssst.» Markus Tschantré hält den Finger an den Mund. «Unten hört man alles», flüstert der Architekt. Dunkel ist es im Reich hoch über dem grossen Saal des Berner Kultur-Casinos. Kein Zuhörer wird sich je hierher verirren. Der Holzboden knarrt. Unten probt das Berner Symphonieorchester. Man hört es. Und man kann es durch Lichtlöcher erspähen.

Wenn Tschantré über den Raum spricht, wähnt man sich in einem Heiligtum. «Der Zwischenboden ist wichtig für die Akustik», sagt der Architekt. «Die technischen Installationen für die Bühne sind auf dem neusten Stand. Aber sehen Sie den Lüftungskasten dort – der muss weg.»

Lüftungen, die «wegmüssen»: Das ist so etwas wie der Refrain auf diesem Rundgang. Markus Tschantré und Hans Traffelet führen den Journalisten durch das klassizistische Gebäude, das die Burger zwischen 1907 und 1909 erbauen liessen. Beide sitzen in der Kommission, die das grosse Sanierungsprojekt plant. Ab Sommer 2017 wird das Casino für zwei Jahre geschlossen.

In einem Grobkonzept war letztes Jahr von rund 60 Millionen Franken die Rede – 15 Millionen mehr, als derzeit beim Stadttheater verbaut werden. Ob die Zahl noch stimmt? Die Burger blicken irritiert. Offenbar nein. Das konkrete Bauprojekt, heisst es, liege erst Ende Jahr vor. Danach muss der Grosse Burgerrat darüber befinden.

Bisher gab vor allem die Frage der Ersatzspielstätte zu reden. Nach langen Abklärungen entschied die Burgergemeinde jüngst überraschend, keine Alternative zur Verfügung zu stellen. Das sorgte für Irritationen. Nicht nur der Hauptpartner Konzert Theater Bern, auch andere Veranstalter waren stets davon ausgegangen, dass die Burger für einen adäquaten Ersatz sorgen werden.

Anlagen sind völlig veraltet

Manche Konzertbesucher fragen sich allerdings, was es überhaupt zu sanieren gibt – der grosse Saal mit dem Riesenleuchter glänzt noch immer prächtig. Die Wahrheit liegt hinter den Stuckkulissen. Zum Beispiel unter dem Walmdach auf der Westseite. Grosse Lüftungsanlagen, so weit das Auge reicht, sie sind offenkundig älteren Datums. «Wir haben Heizungs- und Lüftungsanlagen aus verschiedenen Jahrzehnten, die meisten müssen ausgewechselt werden, sie erfüllen die Umweltstandards längst nicht mehr», sagt Tschantré, «und sie sind auch zu laut.» Das geht ins Geld. Im Grobkonzept 2014 waren allein für die Gesamterneuerung der Lüftungsanlagen 10 Millionen Franken vorgesehen.

Tschantré und Traffelet gehen nach unten ins Foyer. Dort stehen Banketttische etwas verloren im Raum – bereitgestellt, aber noch nicht abgeholt. «Der Kultur- und der Tagungsbetrieb mit der Gastronomie sind räumlich zu wenig getrennt und organisatorisch nicht optimal aufeinander abgestimmt», erklärt Traffelet. Man könnte auch sagen: Sie kommen einander in die Quere.

Diese Defizite wollen die Burger beseitigen. Im Gastrobereich sind grosse Änderungen geplant. Der Foyerbereich soll geöffnet, das Restaurant besser zugänglich gemacht, das Angebot ausgebaut werden. Vor allem aber will die Burgergemeinde die Gastronomie künftig selber betreiben – der Pachtvertrag mit der Casino Restaurants Bern AG wird nicht verlängert. «Kultur und Gastronomie aus einer Hand» heisst das strategische Ziel. Dass Casino-Direktorin Heidi Holdener die Institution verlassen wird, hat damit zu tun, wie Traffelet bestätigt. «Die neue Strategie bringt neue Anforderungen an die Direktion mit sich.»

Küche nicht mehr zeitgemäss

Die Burger führen den Journalisten nach unten in die Grossküche. Obwohl bald Mittag ist, hält sich die Hektik in Grenzen. Am eifrigsten wird im Vorspeisenraum gearbeitet. «Der Grundriss stammt noch von 1909. So würde man eine Küche heute nicht mehr konzipieren», sagt Tschantré. «Die Wege sind zu weit, die räumliche Organisation ist nicht zeitgemäss.» Auch hier wird es kräftige Eingriffe geben.

Oben im Konzertsaal ist das Orchester noch immer am Proben. Die Burgervertreter öffnen die Türe zur Seitengalerie. «Rauchen verboten» heisst es auf einem Schild. «Das ist auch schon älteren Datums», kommentiert Traffelet. Auch das Bestuhlungskonzept erzählt von einer anderen Zeit. Bei nicht wenigen der 1400 Plätze im Saal ist die Sicht beschränkt. Etwa zwei Dutzend werden gar nicht mehr verkauft. Bei der Sanierung werde die Zahl der Sitze mit Sichtbehinderung leicht reduziert, sagt Tschantré. «Grössere Eingriffe wird es im Saal aber nicht geben.»

Platznot beim Orchester

Die Burger führen den Besucher zu den Verwaltungsräumen im dritten Stock. Eng und nüchtern wirkt das Casino hier – von der Grandezza des Vorzeigebaus ist nichts zu spüren. Die ehemalige Hausmeisterwohnung ist nur noch zu erahnen. Geblieben ist eine Küche. Die meisten Räume werden vom Orchester genutzt.

Tschantré öffnet eine Türe. «Hier ist die Garderobe des Orchesters. Es hat achtzig Kästchen für hundert Musikerinnen und Musiker, eine Trennung nach Geschlechter gibt es nicht. Das ist unhaltbar.» Kein Wunder, dass die Musiker ihre Utensilien bei Proben meist irgendwo hinlegen – was dem Servicepersonal bei Banketten wiederum die Arbeit erschwert.

Mal aufräumen? Könnte man auch auf dem Dachboden. Wie ein Zufallsmuseum wirkt der lange Raum, hundert Jahre scheinen hier konserviert. Mittendrin: eine Telefonzelle in Kugelform, die alten Telefonbücher hängen noch immer daran. «Die war wohl mal unten im Foyer», sagt Tschantré und schmunzelt. Selbst für die Burger hält das Kultur-Casino noch immer Überraschungen bereit.

Berner Zeitung

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