Belp

Auch der Gemeindepräsident wurde von Reisebüro geprellt

BelpZu den Kunden des pleitegegangenen Reisebüros Holiday Maker gehörte auch Belps Gemeindepräsident Benjamin Marti. Sein Fall erlaubt einen Einblick in das Geschäftsgebaren des ­Inhabers, der verschwunden ist.

Benjamin Marti: «Seine Erklärungen schienen plausibel.»

Benjamin Marti: «Seine Erklärungen schienen plausibel.» Bild: Andreas Blatter

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Benjamin Marti wird es in der Woche Ende Oktober, Anfang November nicht langweilig werden. Er wird jeden Tag ins Büro gehen und seinem Job als Gemeindepräsident von Belp nachgehen. Am Donnerstag hat er bereits die ersten Termine abgemacht, es wird so sein wie immer.

Nur hin und wieder werden seine Gedanken abschweifen, einen Ozean überfliegen, in Übersee landen.«Dann werde ich daran denken müssen, wo wir jetzt auch sein könnten», sagt Marti. In New York irgendwo, in Florida vielleicht.

Das Geld ist weg

Marti, 48-jährig, SVP-Mitglied, seit einem Jahr Gemeindepräsident in Belp, hatte für die Tage vom 28. Oktober bis 5. November Ferien gebucht. Eine Reise in die USA, ein Geschenk für die Tochter Jeannine zu deren 20. Geburtstag, Ehefrau Esther wäre dabei gewesen, Familienferien, endlich wieder einmal. Neun Tage, drei Personen, die Kosten: ein hoher vierstelliger Franken­betrag.

Die Sache ist, Marti hat die Familienferien beim Reisebüro Holiday Maker in Belp gebucht, bei Inhaber Rudolf Zaugg. Seit Mittwoch weiss Marti: Das Reisebüro ist geschlossen, Zaugg ist bankrott. Mehr als das, Zaugg ist verschwunden, er ist einfach weg, und damit ist es auch das Geld der Martis. «Das ist Pech», sagt Benjamin Marti, der deswegen nicht hadert. «Wir können damit umgehen, wir haben auch schon viel Glück gehabt.»

Am meisten ärgert ihn aber, dass ausgerechnet ein Erlebnis, das nicht im Zusammenhang mit seinem Job steht, auf diese Weise ins Wasser fällt. «Als Gemeindepräsident versuche ich immer das Beste zu geben, es muss immer ­alles funktionieren.» Mit der Amerika-Reise hätte er auch der Familie etwas zurückgegeben wollen, die oft zurückstehen muss – schon letztes Jahr im Wahlkampf und jetzt sowieso. «Daraus wird nichts, und das ist sehr schade.»

Nur die Unordnung fiel auf

Vor knapp drei Jahren schenkten Esther und Benjamin Marti ihrer Tochter zum runden Geburtstag eine Reise. Sie entschied sich für Amerika, Zeit verging, aber in diesem Frühling legte die Familie endlich den Reisetermin fest. Im Herbst würde es so weit sein. Für Marti war klar: Er würde die Ferien beim Reisebüro Holiday Maker an der Bahnhofstrasse 8 buchen. «Das Büro liegt im Dorf, ist nahe, ein KMU.» Es ist ihm ein Anliegen, das örtliche Gewerbe zu unterstützen.

Im Reisebüro fiel ihm zwar die Unordnung auf, ansonsten sei alles ganz normal gewesen. Zaugg kannte er zwar nicht, aber andere Kunden im Geschäft. «Eine typische Situation bei einem örtlichen Gewerbler.» Warum sollte er Zweifel haben?

Mehrere Treffen

Rudolf Zaugg erklärte Benjamin Marti, dass er mehrere Jahre in New York gelebt und unzählige Reisegruppen durch die Stadt geführt habe, dass er die Stadt sehr gut kenne. «Wir haben die Möglichkeiten erörtert, Unterlagen nach Hause genommen.» Marti traf Zaugg insgesamt dreimal, schliesslich stand der Reiseplan fest. Ein paar Tage New York, ein Abstecher nach Florida.

Martis buchten zwei Überseeflüge und einen Inlandflug, reservierten die Unterkünfte und ein Mietauto. Um den 20. August beglichen sie Rechnung Nummer 102153.00. Zaugg schrieb: «Wir danken Ihnen für den Auftrag, den wir Ihnen gerne bestätigen.»

Komisches Bauchgefühl

Marti, früher Landwirt und später Sachbearbeiter in einem Notariat, ging stillschweigend davon aus, dass nun alles seinen gewohnten Lauf nimmt. Dass er in den Tagen vor der Reise von Zaugg die Unterlagen mit allen Reservationen und Buchungen erhält. «Schliesslich ist das sein Geschäft, und so habe ich es bisher bei allen anderen Reisen erlebt.»

Doch dann las Marti Mittwoch in der «Berner Zeitung» vom Konkurs und Verschwinden des Belper Reisebüroinhabers Rudolf Zaugg. Und da wusste er: Das Warten auf die Dokumente würde vergeblich sein.

Flugtickets nicht bezahlt

Marti erinnerte sich auch an sein etwas komisches Bauchgefühl, an ein paar Vorkommnisse, die ihm schon damals seltsam vorkamen. Er staunte etwa über die hohen Flughafentaxen auf der ersten Rechnung und den eigenwilligen Zahlungsmodus.

«Rudolf Zaugg erklärte uns, dass die Kosten für die Flugreservation automatisch seinem Kontokorrent belastet werde.» Deshalb müssten Martis die Rechnung auch sofort begleichen. «Das hat mich zwar überrascht, das kannte ich von anderen Reisen nicht», sagt er. «Aber seine Erklärung schien plausibel, und darum war das für uns in ­Ordnung.»

Am Donnerstagvormittag haben sich Martis bei der Fluggesellschaft Swiss nach ihren Tickets für die beiden Überseeflüge erkundigt. Ergebnis: Drei Sitze wurden zwar reserviert – aber nicht bezahlt. Wie es um die weiteren Buchungen und Reservationen in den USA steht, wissen Martis noch nicht.

Vertrauen im Job

Für Benjamin Marti steht nun fest: Er müsste die USA-Reise doppelt bezahlen, um sie überhaupt antreten zu können. Aber er sagt: «Das kommt nicht infrage.» Er werde versuchen, das Geld zurückzuerhalten, Hoffnungen auf Erfolg macht er sich allerdings wenig.

Hat er einen Fehler gemacht? «Ich war sicher gutgläubig», sagt er und kommt wieder auf seine Position als Gemeindepräsident zu sprechen. «In meinem Job ist Vertrauen die erste Bedingung, davon lebe ich.» Er sei darauf angewiesen, dass er anderen Menschen vertrauen könne, aber auch, dass sich andere Menschen auf ihn verlassen könnten.

Kein Kontakt

Nun frage er sich schon, wie jemand in der Lage sein könne, bei mehreren Treffen über Wochen hinweg ein seriöses Geschäft vorzutäuschen und gleichzeitig im Hinterkopf habe, sein Gegenüber über den Tisch zu ziehen. «Das gibt mir zu denken.» Ansonsten will er nicht mutmassen über Rudolf Zaugg und seinen Verbleib. «Wir versuchen gar nicht erst, ihn zu erreichen.»

Mehr beschäftigt ihn, was nun aus dem Geburtstagsgeschenk für die Tochter wird. «Wir werden sehen, wie wir es einlösen werden.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.10.2017, 19:38 Uhr

Artikel zum Thema

Reisebüro pleite, Chef verschwunden

Belp Das Belper Reisebüro Holiday Maker ist in Konkurs, von Inhaber Rudolf Zaugg fehlt seit Tagen jede Spur. Leidtragende könnten die Kunden sein. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Blogs

Echt jetzt? Bündner Brücke der Rekorde
Sportblog Saure Milch

Die Welt in Bildern

Von einem anderen Stern: Star-Wars-Fans heben gemeinsam ihre Lichtschwerter bei einem Treffen in Los Angeles. (16. Dezember 2017)
(Bild: Chris Pizzello) Mehr...