Auawirleben setzt Zeichen

Bern

Das Festival Auawirleben startet am Mittwoch das Projekt integrierendes Theater: Mit Untertiteln, verständlichem Programmheft – und einer Praktikantin, die dem Team Gebärdensprache beibringt.

Gebärdensprache: Auawirleben-Praktikantin Cornelia Knuchel beim Interview mit bernerzeitung.ch.
Michael Feller@mikefelloni

Alle Menschen sollen Kultur erleben dürfen, mit oder ohne Behinderung. «Kultur inklusiv» setzt sich für dieses Ziel ein, indem es mit Institutionen wie dem Theaterfestival Auawirleben, das am Mittwoch startet, eine Partnerschaft eingeht. Dabei steht der hindernisfreie Zugang zu den Produktionen im Vordergrund. Ein Aspekt kann auch die Integration von Personal mit Einschränkungen sein. Mit dem Veranstalter bespricht «Kultur inklusiv» Massnahmen, von denen die Institution und ihr Publikum gleichermassen profitieren sollen.

Letztes Jahr wurde «Kultur inklusiv» als Pilotprojekt lanciert, mittlerweile ist daraus eine Fachstelle von Pro Infirmis geworden. «Auawirleben steht für ein offenes und neugieriges Theater, deshalb haben wir eine Zusammenarbeit angeregt», sagt Maja Hornik von «Kultur inklusiv». Zu den Berner Labelträgern gehören das Kindermuseum Creaviva, die Hochschule der Künste oder die Heitere Fahne. Das Label wird nun auf weitere Deutschschweizer Kantone ausgeweitet.

Einfach gesagt

Im Programmheft von Auawir­leben (siehe Box) macht sich die Neuerung bemerkbar. Piktogramme zeigen bei jeder Produktion, ob sie rollstuhlgängig oder übertitelt ist, ob technische Hilfsmittel für Schwerhörige oder eine Übersetzung in Gebärdensprache angeboten werden. Zudem folgt auf den Stückbeschrieb ein Abschnitt «Einfach gesagt»: In wenigen einfachen Sätzen steht, worum es im Stück geht. Das tönt im Fall von «An Occasion Hosted by Isabel Lewis» so: «Isabel Lewis lädt uns ein, gemütlich zusammenzusitzen. Es gibt Bier, Musik und Snacks. Dabei denken wir darüber nach, wie wir heute leben.»

«Damit versuchen wir nicht nur Menschen mit Beeinträchtigungen zu erreichen, sondern etwa auch Migranten mit schlechten Deutschkenntnissen», sagt Festivalleiterin Nicolette Kretz. Die Rückmeldungen aufs Heft sind positiv – allerdings kommen sie vorwiegend von langjährigen Theatergängern. «Sie geniessen es, kurz und klar über das Stück informiert zu werden», sagt Kretz. Bei diesem Versuch schwingt auch ein wenig Selbstironie mit, haftet dem Kultur­betrieb doch das Vorurteil an, dann und wann der sprachlichem Schwurbelei zu erliegen.

Jede Woche neue Gebärden

Das Angebot zeigt: Seinen Fokus legt das Festival auf Verbesserungen für Hörbehinderte. Für die Aufbereitung der Stücke (etwa mit Übertiteln) und der Kommunikation braucht es vonseiten der Kulturinstitutionen nebst Investitionen in erster Linie Willen.

Auawirleben setzt aber auch auf jene Massnahme, bei der es im Zusammenhang von «Kultur inklusive» am meisten hapert: die Integration von Mitarbeitern mit Behinderung. Seit Beginn des Jahres gehört die gehörlose Praktikantin Cornelia Knuchel zum Aua-Team und arbeitet unter anderem an der Umsetzung der Ziele mit, die das Festival mit «Kultur inklusiv» vereinbart hat.

Obwohl die Praktikantin sich dank ihrer Lippenlesefähigkeiten gut verständigen kann, muss für Sitzungen mit mehreren Beteiligten eine Dolmetscherin beigezogen werden. Trotz des etwas grösseren Aufwands klappt die Zusammenarbeit wunderbar: «Cornelia kennt die Seite der Hörbehinderten – und sie bringt uns jede Woche ein paar neue Gebärden bei», sagt Nicolette Kretz.

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