Artenvielfalt in Gefahr: Ausgangssperre für Katzen

Bern

Frei laufende Katzen verboten – so lautet die Regelung in der Siedlung Fröschmatt. Damit wolle man ein Zeichen setzen, erklärt die Ökologin Sabine Tschäppeler. Die Stubentiger sind nämlich eine reale Bedrohung für die Artenvielfalt in der Stadt.

Eine Oase der Biodiversität: Sabine Tschäppeler im Innenhof der Siedlung Fröschmatt.

Eine Oase der Biodiversität: Sabine Tschäppeler im Innenhof der Siedlung Fröschmatt.

(Bild: Urs Baumann)

Sheila Matti

Im Hinterhof der Siedlung Fröschmatt ist es am Dienstagmorgen beinahe komplett ruhig. Nur ein paar einzelne Vögel zwitschern dem Frühling entgegen, und eine Katze mauzt von einem der Balkone herunter. Der Stubentiger würde wahrscheinlich lieber im Freien herumstreifen, statt hinter der Glasscheibe im dritten Stock festzusitzen.

In der Siedlung im Westen der Stadt sind frei laufende Katzen aber grundsätzlich verboten. Der Innenhof ist nämlich jenen Tieren vorbehalten, welche normalerweise auf der Speisekarte von Miezen stehen: Eidechsen, Blindschleichen, Schmetterlinge, Vögel und sogar ein Igel haben hier einen Lebensraum gefunden.

Die Siedlung Fröschmatt in Bümpliz ist in Sachen Biodiversität ein vorbildliches Projekt: Als das Wohnhaus 2012 bis 2014 saniert wurde, gestaltete man dessen Aussenraum im Rahmen des Pilotprojekts «Biodiversität im urbanen Siedlungsraum» zu einer Oase der Artenvielfalt. Es finden sich viele Büsche, Laubhaufen, Astansammlungen und hochwachsende Blumenwiesen, in denen sich die Tiere einnisten können.

Es lasse sich zwar nicht verhindern, dass Katzen aus der Nachbarschaft eindrängen, «aber es ging uns primär auch darum, ein Zeichen zu setzen», erklärt Sabine Tschäppeler, Leiterin der Fachstelle für Ökologie und ­Natur.

Leichte Beute: Zauneidechse

Frei laufende Katzen stellen für die Biodiversität ein grosses Problem dar – nicht nur in der Stadt Bern, sondern grundsätzlich in allen Schweizer Siedlungsräumen. Wie aus einer wissenschaftlichen Studie der Universität ­Zürich aus dem Jahr 2011 hervorgeht, erbeuten Hauskatzen allein im Frühling landesweit bis zu 300'000 Vögel. Doch nicht nur grössere Säugetiere wie Vögel und Igel stehen auf dem Speiseplan der Miezen: Sie vergehen sich auch an Amphibien, Repti­lien und Insekten.

Leichte Beute: Katzen jagen nicht nur Vögel, sondern auch Reptilien, Amphibien und Insekten. Fotolia

Eine besonders leichte Beute für Katzen sind zum Beispiel Zauneidechsen: Gerade am Morgen, wenn die wechselwarmen Tiere erst einmal ein Sonnenbad benötigen, um auf Touren zu kommen, können sie Katzen kaum entwischen. «Dies hat dazu geführt, dass die Zauneidechse in Berner Siedlungsgebieten praktisch verschwunden ist», erklärt Tschäppeler.

Wie viele Tiere den mauzenden Jägern genau zum Opfer fallen, ist hingegen nicht bekannt. Weil für Katzen keine Registrierungspflicht herrscht, kann man zudem nicht sagen, wie viele davon genau in Bern leben. Für Tschäppeler ist aber klar: Es sind zu viele. «Katzen gefährden nicht nur die Artenvielfalt, sie reduzieren allgemein auch die Populationsdichte einer Tierart.»

Vorbild für die Zukunft

Diese Entwicklung sei besonders deshalb erschreckend, weil die Biodiversität in städtischen Gebieten grösser sei als im Umland, so Tschäppeler: «Im Landwirtschaftsgebiet des Mittellandes finden viele Tiere heute zu wenig Nahrung und Versteckmöglichkeiten, weshalb sie sich in die Städte verlagern.»

Umso erfreulicher sei es für sie deshalb, dass es in Bern viele gute Lebensräume gebe. Die Siedlung Fröschmatt ist nur eines von vielen Beispielen: etwa das Naturschutzgebiet Elfenau, die Rehhag-Grube in Bümpliz oder der Egelsee. «Und natürlich alles, was mit der Aare und ihrem Ufer zu tun hat», ergänzt Tschäppeler.

Zudem sollen in Zukunft noch weitere Siedlungsaussenräume wie in der Fröschmatt entstehen: Eine Motion aus dem Jahr 2014 fordert, dass bei Aussenräume aller künftig durch den Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik finanzierten Wohnüberbauungen das Pilotprojekt umgesetzt wird. Auch Schulanlagen sollen miteinbezogen werden.

Obwohl die Motion als Richt­linie für erheblich erklärt wurde, ist die Siedlung Fröschmatt bis heute einzigartig. Tschäppeler versucht zu erklären: «Eine solche Biodiversitätszone ist nicht überall machbar. Nicht alle Leute wollen naturnah wohnen.»

Durch die Hand der Bewohner

Die Wohnqualität der Bewohnerinnen und Bewohner der Siedlung Fröschmatt leidet unter dem Katzenverbot zumindest nicht. Das bestätigt eine junge Mutter, die mit ihrer Tochter die beiden Kaninchen besucht, welche im Innenhof der Siedlung einen grossen Stall bewohnen.

Nicht nur um Flitzi und Nera kümmern sich die Bewohner gemeinsam, auch die Pflege des Aussenraums liegt mehrheitlich in ihrer Zuständigkeit. Das Projekt und das Engagement der ­Anwohner zeigt Wirkung: Eine jüngst durchgeführte Erhebung einer Zoologin konnte zeigen, dass bereits nach einem Jahr 77 verschiedene Tierarten von der Siedlung profitieren.

So zum Beispiel auch ein Igel, für den im Laubhaufen sogar ein kleines Häuschen deponiert wurde. Leider suchte der stachlige Zeitgenosse schnell wieder das Weite: Zu oft wurde er von neugierigen Kinderaugen gestört, wie Tschäppeler erzählt: «Ganz perfekt verliefen die ersten Jahre eben doch nicht.»

Berner Zeitung

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