Antiquare in der Krise: «Manche Möbel billiger als bei Ikea»

Die Preise zerfallen, die Sammler verschwinden: Auktionshäuser und Antiquitätenhändler kämpfen ums Überleben, auch in Bern. Ein Besuch in der legendären Galerie Stuker.

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Oliver Meier@mei_oliver

Alles glänzt. Ein blendender Tag in der Galerie Stuker hoch über der Aare. Eben hat die Herbstauktion begonnen im Neubau direkt neben der Villa Rosenberg, dem Sitz der Galerie am Alten Aargauerstalden. «Schmuck und Armbanduhren» steht auf dem Katalog. Er enthält 565 von rund fünftausend Objekten, die bis Dienstag bei Stuker versteigert werden.

Auktionator Peter Vögele sitzt auf dem Podium, umgeben von Blumen und Gemälden. Die Stühle im Saal sind ordentlich besetzt. Rentnerinnen und Rentner bilden die Mehrheit, aber auch Junge sind zugegen.

Was darfs denn sein? Auf dem Bildschirm erscheint Losnummer 3073, eine Granat-Glücks­käferbrosche, Gelbgold, 18 Karat. «900 Franken», ruft Peter Vögele in den Saal. «Zum Ersten... Zum Zweiten... Sie müssen sich nicht wundern, wenn das Glück Sie verlässt... Zum Dritten.» So geht das an diesem Nachmittag: Vier Stunden lang ruft Vögele Stück um Stück auf. Bietgefechte sind so selten wie geschmackvolle Granat-Glückskäferbroschen.

Alles glänzt. Oder doch nicht? Die Nachrichten aus der Branche klingen wenig erbaulich. Seit Jahren sind Auktionshäuser wirtschaftlich stark unter Druck, besonders betroffen ist der Handel mit Antiquitäten. Selbst gestandene Häuser geraten in Schwierigkeiten.

Diesen Sommer gab das Auktionshaus Fischer in Luzern überraschend bekannt, es ziehe sich aus dem Auktions­geschäft zurück. Das europaweit angesehene Familienunternehmen mischt seit über hundert Jahren im Handel mit Kunst und Antiquitäten mit. Der Entscheid zum Rückzug erscheint manchen als Fanal einer bedenklichen Entwicklung. Wenn sich das Auktionsgeschäft für Fischer nicht mehr lohnt – für wen dann?

Eine Kultur geht verloren

Peter Vögele, Inhaber und Geschäftsleiter der Galerie Stuker, sitzt auf einem Sessel in der Villa Rosenberg. Zwei Tage noch bis zur Auktion. «Das Marktumfeld ist wirklich schwierig. Man kann noch in die Gewinnzone kommen, aber nur mit grosser Anstrengung», sagt Vögele. «Ich bedaure sehr, dass sich Fischer zurückzieht. Es gibt Leute, die jetzt meinen, wir könnten davon pro­fitieren. Ich sehe das anders. Die Auktionskultur geht verloren.»

Vögele (53), Sohn des Modeunternehmers Charles Vögele (1923–2002), ist ein besonnener Mann, frei von Illusionen, aber auch frei von selbstgefälligem Kulturpessimismus. Das Unternehmen, das er seit 2003 führt, ist eines von drei Auktionshäusern in Bern neben Kornfeld und Dobiaschofsky, ein geschichtsträchtiges Haus, das noch immer vom Namen dessen zehrt, der es vor 78 Jahren gegründet hat: Jürg Stuker (1914–1988).

Mitten im Zweiten Weltkrieg zog er von Thun nach Bern, begann mit der Versteigerung von Antiquitäten an bester Lage in der Innenstadt, machte sich rasch einen Namen. Stuker liebte das Mondäne. Sein Leitspruch «König der Antiquare – Antiquar der Könige» war mehr als ein Bluff. «Er hatte beste Beziehungen zu Königshäusern und früheren Herrscherfamilien. Davon hat er enorm profitiert. Eine Stuker-Auktion lebte jeweils von ein paar grossen Nachlässen mit Tausenden von Objekten. Er leerte ganze Schlösser», erzählt Vögele schmunzelnd.

Zu den besten Zeiten waren Auktionen ein gesellschaftliches Ereignis, auch in Bern. «Man holte die Robe aus dem Schrank, ging ins Konzert, ins Theater, zu Kornfeld oder Stuker. «Manche Auktionen dauerten bis nach Mitternacht, der Saal blieb voll», so Vögele. Und der pure Neid stand hinter manchem Bietgefecht um eine Pre­ziose. Stuker verkaufte Statussymbole, das war die Basis seines Erfolgs in der Nachkriegszeit.

Viele Kunden starben weg

Schon in den Siebzigerjahren indes hatte er zunehmend Mühe, an hochwertige Ware zu kommen. Die Lust bei Stuker liess nach. 1976 kaufte Charles Vögele ihm das Auktionshaus ab, «aus Spass», sagt sein Sohn, «er liebte die Kunst und wollte nach der Pensionierung etwas zu tun haben. Selber geleitet hat er die Galerie dann aber nie.»

Noch in den Achtzigerjahren lief das Auktionsgeschäft gut. «Man konnte, überspitzt gesagt, fast jeden Blödsinn verkaufen, wenn er nur alt war», sagt Vögele. Zu Stuker kamen längst nicht nur gehobene Kreise – das gilt bis heute. Viele wüssten inzwischen aber gar nicht mehr, was eine Auktion sei, sagt Vögele.

Die ehemals besten Kunden starben weg: Sammler, die ihre Kollektionen hartnäckig kultivierten. Aber auch Akademiker, die ihren Status mit dem Besitz von Gemälden oder Möbeln unterstreichen wollten. «Aber heute sind Möbel keine Statussymbole mehr. Man zieht auch öfter um, da bieten sich eher Einwegmöbel an, keine 250-jährigen, die noch 250 Jahre halten.»

Gerade bei den Möbeln sei der Preiszerfall in den letzten zwei Jahrzehnten «dramatisch» gewesen, sagt Vögele. «Eine Kommode, die früher vielleicht 30'000 Franken wert war, kostet heute noch 3000. Bei manchen Möbeln sind wir schon billiger als Ikea.»

Im Gegensatz zu ­vielen anderen Auktionshäusern hat Stuker an Möbeln festgehalten. Rund 450 werden am Samstag versteigert, darunter eine «hochbedeutende Parketterie-Kommode» aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, die einst Mona Gräfin von Bismarck gehörte.

Stuker bleibt, was Vögele selbst augenzwinkernd als einen «Gemischtwarenladen» bezeichnet: Versteigert werden Gemälde, Möbel und Einrichtungsgegenstände, Design, Uhren, Bücher, Plastiken und Schmuck. Auch Grafiken, Teppiche und Porzellan gibt es weiterhin, Vögele will diese Bereiche aber «reduzieren». «Am schwersten haben es Dinge, die man hegen und pflegen muss, Sachen auch, die man genau studieren muss. Ich nenne es: das Ende der Vitrinenkultur.»

Investition ins Digitale

Die eigentliche Spezialität der Galerie Stuker bleibt, dass sie ganze Nachlässe verwertet. An Angeboten fehlt es nicht. «Mittlerweile erben viele erst, wenn sie selbst schon im Rentenalter sind. Sie haben sich eingerichtet und wissen nicht wohin mit den geerbten Objekten. Weit über die Hälfte müssen wir jedoch aus Qualitätsgründen ablehnen.» Um die gute Ware buhlen dafür meist mehrere Auktionshäuser – auch in Bern.

Ob es auch in Zukunft in der Bundesstadt noch mehrere geben wird? Vögele will nicht spekulieren. Für ihn ist aber klar: «Ich bin froh, dass es Dobiaschofsky und Kornfeld gibt, obwohl wir uns in gewissen Be­reichen konkurrenzieren. Sonst droht Bern langsam von der Landkarte des Kunsthandels zu verschwinden.»

Um zu überleben, sagt Vögele, dürfe man sich dem gesellschaftlichen Wandel nicht verschliessen. Für ihn heisst das etwa: Investitionen ins Digitale. Bei der laufenden Auktion können erstmals live Gebote übers Internet abgegeben werden. Ein Pilotversuch.

Vögele sagt aber auch: «Ich habe lieber einen vollen Saal. Hier ist eine Auktion nicht nur transparenter, sie ist auch stimmungsvoller.» Mit der Stimmung allerdings ist es so eine Sache. «Leute, die spontan mitbieten, gibt es immer weniger. Viele kommen fünf Minuten vorher, ersteigern, was sie wollten, und gehen gleich wieder.»

Vögele will weitermachen, vorerst. Aber ausschliessen will er auch nichts. «Manchmal», sagt er, «frage ich mich, was mutiger ­wäre: weiterzumachen oder aufzuhören.»

Berner Zeitung

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