Ansichten eines Kunsthändlers

Bern

Zum Abschluss der Ausstellung «Moderne Meister» lud das Kunstmuseum Bern am Sonntag zum Talk mit dem Galeristen Wolfgang Henze. Es ging um Provenienzforschung, den Fall Gurlitt und den Kunstfälscher Beltracchi.

Nahm kein Blatt vor den Mund: Wolfgang Henze gestern beim Talk im Kunstmuseum Bern.

Nahm kein Blatt vor den Mund: Wolfgang Henze gestern beim Talk im Kunstmuseum Bern.

(Bild: Walter Pfäffli)

Oliver Meier@mei_oliver

Rund 32'000 Personen besuchten die Ausstellung «Moderne Meister» im Kunstmuseum Bern, die am Sonntag zu Ende ging. «Damit kann ich durchaus sehr zufrieden sein», so Kurator Daniel Spanke. Durchaus sehr erfreulich war auch die Abschlussveranstaltung: Spanke hatte Wolfgang Henze zum Podium geladen.

Henze ist Mitinhaber der Galerie Henze & Ketterer in Wichtrach, ein wichtiger Player der Kunsthändlerszene, spezialisiert auf die klassische Moderne. Nur selten äussert er sich öffentlich. Aber wenn, dann so richtig. Das war am Sonntag nicht anders.

«Wer nur hier ist, um Vorurteile über den Kunsthandel zu bestätigen, der ist fehl am Platz», sagte Henze ins Publikum. Es war der Auftakt zu einem lebhaften Talk voll wunderlicher Wendungen, bei dem Henze sämtliche Rollen übernahm, auch immer wieder die von Moderator Daniel Spanke.

Henze mäandrierte durch die Themenfelder Raubkunst, Provenienzforschung und Gurlitt, bezog das Publikum von Anfang an mit ein und agierte ganz ohne falsche Zurückhaltung. Etwa, wenn es um die angeblich «lügnerischen» Medien ging. Oder um die Selbstverständlichkeit, dass Kunsthändler Geld verdienen dürfen: «Wenn man fordern würde, dass der Kunsthandel kein Geld verdienen darf, dann müssten wir den Kommunismus wieder einführen.»

Lob fürs Kunstmuseum

Henzes polemische Hiebe standen in einer gewissen Spannung zu seinem Lob, das er dem Kunstmuseum für die Ausstellung «Moderne Meister» machte: Das «grosse Verdienst» der Schau und des Katalogs sei es, dass sie den Themenkomplex «Entartete Kunst» «ohne jede Polemik» aufgearbeitet hätten.

Vieles drehte sich beim Gespräch um den Umgang des Kunsthandels mit historisch belasteten Werken. Und hier waren Henzes Erläuterungen durchaus geeignet, gewisse Vorurteile zu entkräften. Die eigentlichen «Pioniere» der Provenienzforschung seien die Kunsthändler gewesen, so Henze. Diese hätten schon immer ein Interesse daran gehabt, die Herkunft von Werken zu klären. «Ein Kunsthändler veräussert sehr ungern eine Fälschung oder ein gestohlenes Gut. Denn man haftet dafür. Umgekehrt steigert eine gute Provenienz den Wert eines Werks.»

Henze und der Fälscher

Mit dem Thema Fälschung hat Henze unliebsame Erfahrungen gemacht. 2003 verkaufte er das Bild «Liegender Akt mit Katze» von Max Pechstein, das sich später als Machwerk des «Meisterfälschers» Wolfgang Beltracchi herausstellte. Zwei Jahre lang habe er sich mit sechs Anwaltskanzleien herumgeschlagen, erzählte Henze gestern – und nahm für sich in Anspruch, Beltracchi mithilfe eines Detektivbüros zu Fall gebracht zu haben. Was er davon halte, dass die Galerie Brügger in Bern später Werke Beltracchis ausstellte, wollte eine Frau im Publikum wissen. Henzes lapidare Antwort: «Kann man machen. Die Welt ist so.»

Auch zum Thema Raubkunst hatte Henze Einschlägiges zu berichten. Dass bei Kunsthändlern und Museen zu wenig getan werde, um die Herkunft von Werken zu klären, sei «eine Lüge», so der Kunsthändler.

Wie viel Aufwand ist gerechtfertigt, damit die Herkunft eines Werks geklärt wird? Das sei eine «gute und wichtige Frage», meinte Henze. Manche Fälle liessen sich nicht klären, dann dürfte «der Generalverdacht nicht stehen bleiben». Henzes Position ist nicht zuletzt mit Blick auf die Sammlung Gurlitt relevant: Bei einem beträchtlichen Teil der Werke wird sich die genaue Herkunft wohl nie klären lassen. Über die Konsequenz dieser Einsicht ist kaum diskutiert worden.

Ob Teile der Sammlung Gurlitt wirklich nach Bern kommen? Noch ist die juristische Auseinandersetzung darüber im Gang. «Ich bin sehr gespannt, wie das ausgeht», sagte Henze. «Ich fände es ungeheuer gut und auch wichtig für das Kunstmuseum, für die Zukunft dieses Hauses, wenn die Sammlung Gurlitt nach Bern ­käme.»

Berner Zeitung

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